Wien. "Entschuldigen! Bitte! Wo Thalia Straße?" So beginnt der berühmte Sketch "Tschusch Tschusch" von Lukas Resetarits, der einen Dialog zwischen einem kroatischen und türkischen Gastarbeiter darstellt. Überzeichnete Akzente und Stereotypen inklusive. Wo solche Stilelemente aber ein Vehikel waren, um sich satirisch mit den Vorurteilen "echter Wiener" gegen Gastarbeiter auseinanderzusetzen, wird es in der Comedyszene mittlerweile immer stärker zum Trend, sich über Minderheiten, bestimmte Gruppen oder Unterschiede – beispielsweise zwischen Männern und Frauen oder Hetero- und Homosexuellen – lustig zu machen. Das mag zwar Lacher bringen, kommt aber nicht immer gut an und marginalisiert bereits benachteiligte Gruppen noch stärker, ärgern sich Kritiker.

Gegenbewegungen dazu sind nicht ausgeblieben, beispielsweise der vor eineinhalb Jahren entstandene "Politically Correct Comedy Club", kurz PCCC, welcher sich auch in Wien etablierte und im Februar im WUK seine Premiere feierte. Dabei standen jene, die sonst in Witzen diskriminiert werden, auf der Bühne und sezierten mit Humor Ungleichheiten.

"Schlag immer hoch, tritt niemals runter"

Über den PCCC sind auch Ilona Toller und Rowan Tallis alias "Tolerant Alice" zum Kabarett gekommen. Sie haben ihre eigene Art der aktivistischen Comedy entwickelt. Unter dem Motto "Schlag nach oben, tritt nicht hinunter", fokussieren sie sich auf politische Satire, die mehr die Regierenden und das System sowie Vorurteile anstatt einzelne Personen oder Gruppen angreift. Da geht es dann um unfaire Arbeitgeber, Diskriminierungen oder gekürzte Mindestsicherungen – Aktivismus mittels Lachen.

Beide sehen im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" Parallelen zur österreichischen und insbesondere Wiener Kabarett-Tradition. Dort hätte politische Satire schon seit jeher den Vorrang vor Minderheitenwitzen gehabt, meinen sie. Das gilt nicht nur für Kabarettformate der vergangenen Jahre wie "Willkommen Österreich", "Wir Staatskünstler" oder die Programme von Viktor Gernot bis Resetarits Schon während des Biedermeier und des politischen Vormärz im 19. Jahrhundert verpackte Johann Nestroy politische Satire und Kritik in seine Couplets. Humor als Mittel zu Kritik und Aktionismus.

Lieber unterhalten als belehren

"Viele haben den Eindruck, dass es Grenzen zwischen lustig und politisch gibt, aber das haben wir so nie gesehen. Ich kann etwas sehr Ernstes oder Kritisches ansprechen und immer noch in einen Witz verpacken. Die Pointe ist dann meist, was wir kritisieren", betont Toller. "Insbesondere wenn es um politischen Aktivismus geht, hören die Leute oft nicht zu, wenn man sie von oben herab belehren will. Sie wollen lieber unterhalten werden. Bei Comedy ist es lockerer, das Publikum ist entspannt, amüsiert sich", sagt sie. Mit kritischen oder politischen Positionen könne man die Menschen dann überraschen. "Immerhin baut Comedy auf Überraschung auf", setzt Rowan Tallis nach.

"Wenn ich beispielsweise in meine Heimat auf dem Land zurückfahre und dort ein feministisches Thema anspreche, Rollen die Leute gleich wieder mit den Augen", wirft Toller ein. Im kabarettistischen Kontext seien derartige Themen viel leichter verdaulich. "Außerdem fühle ich mich weniger, als würde ich herablassend agieren", sagt sie.

"Man gewinnt die Leute nicht für sich, indem man streitet. Wenn sie mit dir lachen, wollen sie hingegen auf deiner Seite sein", erklärt Rowan Tallis. Außerdem betonen beide, dass im Kabarett die Grenzen zwischen Künstlern und Publikum von vorneherein aufgeweicht sind, keine Hierarchien bestünden. "Einerseits ist man auf der Bühne in einer Machtposition, andererseits ist man direkt vom Publikum abhängig", so Ilona Toller. "Meistens weißt du nach einer Minute, ob es funktionieren wird oder nicht, du bekommst direktes Feedback. Das ist einerseits beängstigend, andererseits faszinierend", sagt sie. Von Dialog über Zwischenrufe und Heckeleien begegne man einander auf Augenhöhe.

Eine große Portion Selbstironie

"Selbstironischer Humor hilft dem Publikum dabei, sich mit dir zu identifizieren. Dann kannst du deinen Standpunkt viel besser rüberbringen", meint Rowan Tallis. Politische Satire kommt bei "Tolerant Alice" daher auch nicht ohne Seitenhiebe auf die eigene Aktivistenszene aus. "Wir machen uns oft selbst über uns lustig oder zeigen unsere eigenen Schwächen auf. Beispielsweise wollen wir eigentlich wie jeder nur andere von unseren Ansichten überzeugen. Mit der gegenseitigen Bestätigung unserer Standpunkte in der Szene geht aber das Gefühl einher, alles besser zu wissen – aber verdammt nochmal, das tun wir nicht", meint sie lachend. So würden auch Vorurteile über extreme Ideale aufgeweicht. "Niemand ist perfekt. Ich kann antikapitalistisch eingestellt sein und trotzdem auch mal eine Cola trinken", gibt Tallis zu bedenken.

"Wenn wir vor einem queeren, linken Publikum spielen, machen wir viele Witze über die Eigenheiten der Szene, erzählen Insider. Aber interessanter ist es, vor einem Publikum zu spielen, das nicht so denkt wie wir. Dort möchten wir herausfinden, wo die Verbindung ist, was wir gemeinsam haben können", erläutert Toller. Dabei zeigt sie auch Verständnis für konträre Meinungen. "Die Menschen haben verschiedene Hintergründe und Lebensumstände, die ihre Ansichten prägen. Ich will diese lieber verstehen, als mich darüber lustig zu machen", sagt sie. Meist würden beide Seiten in einer Diskussion die Standpunkte des anderen zu schnell pauschal abwerten.

"Man gibt im Kabarett auch immer viel von sich selbst Preis, man macht sich verletzlich. Beispielsweise wenn ich von meinem Leben als queere Frau in einer Großstadt erzähle. So wird man aber auch menschlicher und die Leute können sich auch in einen selbst hineinversetzen und du bringst sie dazu, über deinen Standpunkt nachzudenken, beispielsweise was das Recht zu heiraten anbelangt", fügt Toller an.

Aktivistencomedy eröffnet Wienwoche

Toller und Tallis halten Comedy daher als perfektes Diskussionsmittel für Aktivisten. Es gab versuchsweise bereits einen eigenen Workshop, geleitet von der Performerin Jet Moon, in dem Mitgliedern verschiedener Organisationen, beispielsweise Attac und Omas gegen Rechts, das Handwerkszeug des Kabaretts beigebracht wurde. Am heutigen Freitag werden die Workshopteilnehmer im Rahmen der Eröffnung der Wienwoche um 20 Uhr in der Nordbahnhalle beim Wasserturm, Ecke Leyserstraße und Taborstraße, auftreten. Die Veranstaltung trägt den Titel "ACAB – Activist Comedy Against Bullshit". Sie ist zwar bereits ausverkauft, am Sonntag veranstaltet das Comedy-Duo "Tolerant Alice" aber von 16 bis 19 Uhr noch einen offenen Mini-Workshop in der Café Bar Lazy Life in der Burggasse. Dort wird es auch am Dienstag, 18. September, um 20 Uhr eine Open Mic Night geben, wo jeder sein kabarettistisches Können testen kann.