Die Logistik ist schuld: Weil an immer weniger Aufführungsorten eine artgerechte Tierhaltung zwischen den Vorstellungen möglich wäre (Stichwort: Auslauf), hat Bernhard Pauls Circus Roncalli zu Jahresbeginn den Radikalschnitt gewagt. Seither wird auf jegliche Tiernummer verzichtet, selbst der Hase von Magieclown Eddy Neumann ist aus Plüsch.

Aber kann das funktionieren? Ein Zirkus ganz ohne Tiere, der nicht Cirque du Soleil heißt? Ja, das kann funktionieren. Es funktioniert sogar sehr gut, denn der Herr Direktor hat dafür bei den zweibeinigen Artisten umso hochkarätigere Nummern ins Programm genommen. Und ganz tierlos wird es dann doch nicht, weil Bernhard Paul technischen Schnickschnack zu lieben scheint und daher Elefanten und Pferde am Beginn aufwendig als Hologramme durch die Manege schickt. Dazu kommen ein falscher Gaul (wie aufwendig der gebaut wurde, erfährt man im Programmheft) und zwei Elefanten mit Menschenbeinen, die für Lacher sorgen.

Anatoli Akerman (l.) und Eddy Neumann hätten ruhig noch viel mehr Blödsinn machen können. - © Roncalli
Anatoli Akerman (l.) und Eddy Neumann hätten ruhig noch viel mehr Blödsinn machen können. - © Roncalli

Zumindest die Hologramme wären aber gar nicht notwendig gewesen, die halten nur auf, denn das Publikum kann gar nicht erwarten, was ihm danach Schlag auf Schlag geboten wird - vom melancholischen Weißen Clown samt Dummem August über atemberaubende (Luft-)Akrobatik und Jonglage bis Zauberei. Und im Jahr 2018 ist auch ein Beatboxer mit dabei. Das Ganze stilecht begleitet von einem Live-Orchester, das halt doch eine andere Atmosphäre schafft als Musik, die bloß vom Band kommt.

Unglaublicher Kraftakt auf einer Hand: Kong Haitao. - © Roncalli
Unglaublicher Kraftakt auf einer Hand: Kong Haitao. - © Roncalli

Das Publikum weiß jedenfalls, was es an Roncalli hat, und wenn eine Vorstellung ausverkauft ist, dann ist sie wirklich total ausverkauft, sodass erst draußen vor dem Zelt auf dem Wiener Rathausplatz die Schlange bis zum Ring reicht und dann drinnen die Platzanweiser alle Hände voll zu tun haben, bis endlich jeder einen Platz gefunden hat, und sei er noch so eng. Der Lohn für die Mühen: Schon die erste Akrobatiknummer, Adèle Fames Ballett an den Bändern in ein paar Metern Höhe, sorgt für frenetischen Beifall und lässt die Zuschauer förmlich die eigene Unsportlichkeit spüren. Körpercomedian Kai EIkermann wiederum beweist Bernhard Pauls gutes Gespür für Talente: Der Roncalli-Chef hat ihn nämlich beim RTL-"Supertalent" entdeckt. Den Kleinsten ist nur seine Maschinennummer ein bisschen zu laut. Jugendfrei ist sie aber wie das gesamte Programm. Nur was die Künstler(innen)-Outfits betrifft, so gibt es für die mitgereisten Papas viel mehr zu sehen als für die Mamas. Was auch daran liegt, dass die Flying Jalapeños, mit denen Clown Chistirrin (eine grandiose Neuentdeckung) am Kleintrapez durch die Luft wirbelt, ganz bewusst auf altmodische (und nicht unbedingt freizügige) Kostüme setzen, während die Cedeño Brothers in Hemd und Hose zwar eine gute Figur machen (und Salti schlagen, dass einem schon beim Zuschauen schlecht wird), aber eben auch ihre muskulösen Körper nur erahnen lassen,

Aber eigentlich geht es im Zirkus ja in erster Linie um etwas ganz anderes, nämlich Action und Show. Und beides gibt es bei Roncalli in geballter Form. Die Artisten sind so perfekt, wie man es sich nur wünschen kann - und der Dumme August ist so dumm, wie er sein soll.

Anatoli Akerman hätte aber ruhig noch viel mehr Blödsinn machen können, wenn es nach den Kindern gegangen wäre. Aber zum Glück hat Roncalli noch mehr Spaßmacher, deren Körperbeherrschung jener der seriösen Akrobaten um nichts nachsteht. Der spektakulärste artistische Höhepunkt ist der Japaner Kong Haitao, der das große Finale bestreitet. Nach seiner atemberaubenden einhändigen Sesselbalance unter der Zeltkuppel denkt wohl wirklich keiner mehr über Vierbeiner nach . . .