Wien. Wie Fremdkörper wachsen Betonblöcke inmitten historischer Häuserensembles in die Höhe, meist ohne Rücksicht auf Fensterachsen, Material, Farbabstimmung. Kahle Fassaden werden mit Erkern und Balkonen akzentuiert - im Sinne der Flächen- und damit der Gewinnmaximierung für die Investoren, meinen Kritiker.

Derartige zeitgenössische Architektur ist demnächst vielerorts in Wien zu erwarten. Insbesondere in den Außenbezirken. Hunderte Gründerzeithäuser sind in den vergangenen Jahren geschleift worden. 2017 waren es rund 115, so die Information aus dem Büro der grünen Planungsstadträtin Mario Vassilakou. In diesem Jahr kam es mit der Ankündigung der neuen Abbruch-Genehmigungspflicht für vor 1945 erbaute Häuser zu einem Höhepunkt: Allein im Juni waren etwa 80 Bauten von Last-Minute-Abrissen betroffen; historisch bedeutende Gebäude mit kunstvollen Fassaden verschwanden kurzerhand aus dem Stadtbild - die "Wiener Zeitung" hat berichtet.

Auch in der Seeböckgasse trifft Alt auf Neu. - © Kreuzinger
Auch in der Seeböckgasse trifft Alt auf Neu. - © Kreuzinger

Die Weichen dafür stellte die Stadt Wien selbst. Mit Beginn der Finanzkrise vor rund zehn Jahren wurden Immobilien zur gefragten Anlageform - und damit der Stadtplan quasi zum "Monopoly"-Brett für Spekulanten. Denn die Behörden änderten laufend die Bebauungspläne für die Bezirke so, dass plötzlich höher und größer gebaut werden durfte. Aber nur in seltenen Fällen schufen sie Schutzzonen, die viele der späteren Abrisse alter Häuser verhindert hätten, kritisieren Stadtplaner. Dazu kommt, dass die möglichen Mieteinnahmen nur im Altbau gesetzlich limitiert sind. Warum also sanieren, wenn Abriss und Neubau mehr und schnelleren Ertrag bringen?

Baubewilligungen seit 2007 um 385 Prozent gestiegen

Der Wohnbau in Wien befindet sich auf Rekordniveau. Der Statistik Austria zufolge sind die Baubewilligungen seit 2007 um 385 Prozent gestiegen. Die Bauwirtschaft rechtfertigt dies mit dem in Wien (wie in anderen Großstädten auch) voranschreitenden Bevölkerungswachstum. Dabei scheint die "Nachverdichtung", wie sie von Politikern, Immobilienentwicklern, Bauträgern und Architekten aus einem offensichtlichen gemeinsamen Interesse lobbyartig propagiert wird, bereits über das Ziel hinauszuschießen: Laut Wohnbauforscher Wolfgang Amann liegen die Neubau-Bewilligungen seit 2016 über dem tatsächlichen Bedarf.

Dass sich die Stadt weiterentwickelt und weiterentwickeln muss, ist ohne Zweifel. Die Frage ist: wie. Jedes neue Gebäude, das einem abgerissenen folgt, hat Auswirkungen auf das Gesamtsystem. "Dabei geht es nicht nur um das Erscheinungsbild", sagt Erich Raith, Architekt und Professor am Institut für Städtebau an der TU Wien. "Wesentlich ist vor allem, ob die aktuelle Investorenbauweise für die Stadt und ihre Bewohner langfristig etwas bringt." Durch die Separation in Wohn- und Büroviertel, Shoppingcenter und Verkehr stirbt auch die "Stadt der kurzen Wege" aus.