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Update: 13.10.2018, 15:30 Uhr

Autostecker

Darf ich Ihr Auto kaufen?




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Von Bernd Vasari

  • Wer steht hinter den Visitenkarten in Wiener Autotüren? Auf Westafrikas größtem Autohandelsplatz: Hagenbrunn.

Er hat das geschafft, wovon viele seiner nigerianischen Landsleute nur träumen können: ein Leben mit Perspektive. - © Luiza Puiu

Er hat das geschafft, wovon viele seiner nigerianischen Landsleute nur träumen können: ein Leben mit Perspektive. © Luiza Puiu

Kontakt zu seinen Kunden nimmt der Autohändler mittels folierter Visitenkarten auf.

Kontakt zu seinen Kunden nimmt der Autohändler mittels folierter Visitenkarten auf.© Luiza Puiu Kontakt zu seinen Kunden nimmt der Autohändler mittels folierter Visitenkarten auf.© Luiza Puiu

Wien/Hagenbrunn. Was braucht ein Mensch schon zum Leben? Ein Dach über dem Kopf, eine erfüllende Arbeit, gute Freunde. Eine Perspektive. William Iwobi (Name von der Redaktion geändert, Anm.) hatte all das. Ein Haus, ein gutes Einkommen, Freunde, mit denen er Fußball spielte, auf ein Bier ging. Die besten Voraussetzungen für ein schönes Leben. Doch der Staat hatte etwas dagegen. Iwobis Heimatstadt Ngwo, ein Vorort der südnigerianischen Stadt Enugu, liegt in Biafra. Die Heimat einer Minderheit, die seit 50 Jahren von der Mehrheitsbevölkerung unterdrückt wird.

Immer wieder schlug die Polizei Iwobi zusammen, die Behörden steckten ihn ins Gefängnis, einige seiner Freunde verschwanden spurlos. Es gab keine Begründung, keinen Haftbefehl. Irgendwann beschloss er, seine Heimat zu verlassen, ein neues Leben in Europa aufzubauen. Heute ist er Autohändler in Österreich. Er hat das geschafft, wovon viele seiner Landsleute nur träumen können. Ein Leben mit Perspektive.

Iwobi, ein drahtiger Mann, Bluejeans, weißes Hemd, darüber Sakko, lässt sich auf die zusammengeflickte Couch in seinem Büro fallen. "Es war hoffnungslos", erzählt er. "Ich war verzweifelt, was soll das für ein Leben sein?" Ohne Freiheit, an einem Ort, wo ein Menschenleben nicht mehr wert ist als das eines Straßenköters. Iwobi kennt die Diskussion in Europa, weiß um den Zustrom der rechten Parteien. "Es ist ja leicht, über Flüchtlinge schimpfen", sagt er. "Aber wer hätte in meiner Situation anders gehandelt, wer wäre an meiner Stelle geblieben?"

Jeder Teil der schrottreifen Autos wird verwertet

Mittlerweile lebt er seit 25 Jahren in Österreich. "Es ist ein gutes Leben", sagt er. Sein Geld verdient er mit dem Weiterverkauf von Autos und Autoteilen nach Westafrika. Kontakt zu potenziellen Kunden nimmt er mit folierten Visitenkarten auf, die er an Autofenster anbringt. Darauf stehen seine Handynummer und die Frage, ob der Besitzer sein Auto an ihn verkaufen möchte. Es sind vor allem alte, oftmals schrottreife Autos, die ihm angeboten werden.

Platz ist kostbar. Bis unter das Dach sind die Autos vollgeräumt.

Platz ist kostbar. Bis unter das Dach sind die Autos vollgeräumt.© Luiza Puiu Platz ist kostbar. Bis unter das Dach sind die Autos vollgeräumt.© Luiza Puiu

"Jeder Teil wird verwertet", sagt Iwobi. Er erhebt sich von seiner Couch. "Kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen etwas." Vor seinem Büro, das in einem Container untergebracht ist, parken dicht gedrängt dutzende Fahrzeuge. Vor fünf Jahren hat er die brachliegende Fläche am Rande von Hagenbrunn, einem Vorort von Wien, angemietet. Iwobi steuert einen alten Campingbus an. "Der ist sicher 30 Jahre alt", sagt er. Er öffnet die eingerostete Seitentür, zeigt auf den Kühlschrank im Fahrzeuginneren. "In Österreich findet niemand mehr Verwendung für diesen Bus samt Kühlschrank. Er wäre auf dem Schrottplatz gelandet." Iwobi lächelt. "In der Gegend, wo ich herkomme, ist es sehr heiß", erklärt er. "Viele Menschen können sich keinen neuwertigen Kühlschrank leisten, um darin zum Beispiel ihr Essen aufzubewahren. Diesen hier können sie für wenig Geld haben."

Via Hamburg wird seine Ware nach Lagos verschifft. Von dort werden sie auf ganz Westafrika verteilt. Mit dem Finger deutet er auf unterschiedliche Fahrzeuge. "Dieser Wagen geht nach Nigeria, dieser nach Gambia, der da nach Ghana." Iwobi zwängt sich zwischen den Autos durch sein Firmengelände. Platz ist kostbar. Auch in den Fahrzeugen. Bis unter das Dach sind sie vollgeräumt. Stoßstangen, Autotüren, Motorteile, zusammengestauchte weitere Autos. "In diesem Auto befinden sich vier Autos", sagt er.

Iwobi gehört nicht zu den Millionen von Afrikanern, die durch die Wüste, über das Mittelmeer nach Europa flüchteten. Er kaufte ein Flugticket, besorgte sich ein Touristenvisum für Bulgarien. "Ich war ein Geschäftsmann, tätig in der Baubranche. Ich hatte zwei Autos, mein eigenes Haus. Ich musste mir für meine Reise nichts ausborgen." Sein Ziel war klar. Er wollte nach Westeuropa, wo die Menschen mit dem goldenen Löffel im Mund geboren werden. "Das weiß jeder in Nigeria", sagt Iwobi. "Ich kenne niemanden, der nicht nach Europa will."

Mit seinem letzten Geld reiste er in Österreich ein

Nach zwei Monaten in Bulgarien überquerte er die Grenze in das damalige Jugoslawien. Für Jugoslawien hatte er aber kein Visum. Bei einer Kontrolle im Zug wurde er verhaftet, für mehrere Wochen inhaftiert. "Sie wollten mich zur nigerianischen Botschaft bringen. Doch in Jugoslawien war gerade Krieg, es herrschte Chaos", erinnert er sich. Sie ließen ihn weiterziehen. In Ungarn wurde er wieder inhaftiert. Auch wenn er im Gefängnis saß, Iwobi war froh, seinem Ziel näher zu kommen. "Ich wusste, dass ich nichts Kriminelles getan habe, ich habe nur einen Staat illegal betreten. Sie haben mich bald freigelassen." Mit 1300 Dollar reiste er in Österreich ein. "Es war das letzte Geld, das ich hatte."

Via Hamburg werden die Autos nach Lagos verschifft. Von dort werden sie auf ganz Westafrika verteilt.

Via Hamburg werden die Autos nach Lagos verschifft. Von dort werden sie auf ganz Westafrika verteilt.© Puiu Via Hamburg werden die Autos nach Lagos verschifft. Von dort werden sie auf ganz Westafrika verteilt.© Puiu

In Österreich wurde er im Flüchtlingsheim Traiskirchen untergebracht, danach fand er einen Platz im Caritas Haus Amadou in der Robert-Hamerling-Gasse 7 im 15. Bezirk. "Es gab damals nur wenige Schwarze in Wien", erinnert sich Iwobi. "Im Supermarkt haben die Leute ständig in meinen Einkaufswagen gesehen. Dabei kaufte ich dieselben Sachen wie sie", sagt er kopfschüttelnd. Im Caritas Haus war er in einem Zimmer mit fünf anderen Personen untergebracht. Ein Gambier, zwei Serben, ein Bosnier. "Es gab keine Probleme", sagt Iwobi.

Die Tage waren lang. "Ich war alleine, hatte keine Freunde, keine Mutter, keinen Vater." Er bekam Geld vom Staat, es reichte nicht. "Ich wollte keine Almosen. Ich wollte arbeiten, aber ich durfte nicht", sagt Iwobi. Doch es gab eine Möglichkeit. "Ich fing an, gemalte Bilder auf Flohmärkten zu kaufen. Mit Blumen, Landschaften, abstrakte Dinge." Mit drei anderen Männern, die er in dem Caritas Haus kennenlernte, fuhr er nach Vorarlberg, um die Bilder teurer zu verkaufen. Es funktionierte. "Wir blieben ein paar Wochen, gingen von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus. Die Leute waren wundervoll." Einige Jahre pendelte er zwischen Wien und Vorarlberg. Zwischendurch arbeitete er auch im Safari Park in Gänserndorf. Dann wurde er Autohändler.

Im Gegensatz zu Europa ist Afrika südlich der Sahara reich an Rohstoffen. Doch knapp die Hälfte der Schwarzafrikaner lebt von weniger als einem Dollar am Tag. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Afrika beträgt 46 Jahre. Wer daran Schuld trägt, ob die subventionierten Güter aus Europa, die die lokale Wirtschaft zerstören, oder die afrikanischen Länder selbst, ist für die Bevölkerung nicht mehr als eine akademische Diskussion.

Armut, Hungersnot, Gewalt überziehen weite Teile des Kontinents. Mehr als 18 Millionen Afrikaner sind vor diesem Leben auf der Flucht. Sie gehen fort aus Uganda, Kamerun, Somalia, verlassen den Tschad, Gambia, Kongo, fliehen aus Nigeria, Angola, dem Senegal. Die meisten nehmen den mehr als 5000 Kilometer langen Landweg durch die Sahara, danach zwängen sie sich in behelfsmäßige Boote, um über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Die kürzeste Distanz auf der Hauptroute zwischen Tunesien und Italien liegt bei 138 Kilometer.

"Die Europäer glauben, dass sie uns aufhalten können: Sie irren"

Europa hat seine Abschottungspolitik gegenüber den Flüchtlingen in den vergangenen Jahren verschärft, seine Mauern hochgezogen. Boote, die nicht an Land gelassen werden, die von der Küstenwache abgetrieben werden, die versenkt werden. Die meisten afrikanischen Flüchtlinge werden ihr Ziel nie erreichen. Sie werden krank, landen in Gefängnissen, werden ausgeraubt, können sich ohne Geld die Weiterreise nicht leisten. Doch die Angst vor dem Tod ist geringer, als die Hoffnung auf ein besseres Leben. "Die Europäer glauben, dass sie uns aufhalten können. Sie irren. Wir werden kommen", sagt Iwobi. Im Jahr 2017 gab es 3859 Asylanträge von Afrikanern in Österreich, die meisten aus Nigeria (1382).

Seit 25 Jahren lebt William Iwobi in Österreich. "Es ist ein gutes Leben", sagt er.

Seit 25 Jahren lebt William Iwobi in Österreich. "Es ist ein gutes Leben", sagt er.© Luiza Puiu Seit 25 Jahren lebt William Iwobi in Österreich. "Es ist ein gutes Leben", sagt er.© Luiza Puiu

"Wir haben viele Probleme in Afrika. Der Großteil hat ein schlechtes oder gar kein Einkommen", sagt Iwobi. "Wenn du es nach Europa geschafft hast, fragen unsere Familien nach Geld. Sie erwarten, dass du sie unterstützt." Jeder versucht daher so lange wie möglich, in Europa zu bleiben. Als Iwobi noch Bilder verkaufte, wurde ihm öfters von der Polizei angedroht, dass er nach Nigeria abgeschoben werde. "Sie wollten nicht, dass ich die Bilder kaufe und danach weiterverkaufe", sagt er. "Wenn wir dich das nächste Mal erwischen, schieben wir dich nach Nigeria ab", drohten sie ihm.

Iwobis ruhige, sanfte Art weicht plötzlich einer Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit. "Es geht nicht darum, dass wir nicht nach Afrika zurückwollen, es geht darum, es selbstbestimmt zu machen", sagt er. Mit Koffer, Ticket, mit Schokolade und Geschenken für Familie und Kinder. "So wie man es eben macht, so wie jeder Europäer reist." Iwobi schlägt seine Arme übereinander. "Und nicht in Handschellen. Das ist würdelos, erniedrigend." Bei seinen Besuchen in Nigeria hat er viele Menschen getroffen, die abgeschoben wurden. "Wenn jemand das libysche Meer überlebt, dem Tod ins Auge gesehen hat, wenn du so jemanden dann abschiebst, dann ist er am Ende. Wie soll sich dieser Mensch je wieder aufrichten, eine Motivation finden?" Iwobi selbst bekam ein dauerhaftes Visum, nachdem er eine Österreicherin geheiratet hat. "Ich hatte Glück", sagt er.

Viele Autobesitzer sind verärgert

Durch seinen Job ist er mit seiner Heimat verbunden. Täglich gehen Bestellungen aus Westafrika ein. Bei den Österreichern stößt er hingegen immer wieder auf Ablehnung. Viele Autobesitzer sind verärgert wegen der oft täglich vorgefundenen folierten Kärtchen an den Autofenstern. Auch die Umweltbehörde macht Druck. Die Verarbeitung der oft schrottreifen Autos sei nicht umweltgerecht. Auch die Polizei schaut öfters auf dem Autoparkplatz in Hagenbrunn vorbei. Bis jetzt haben sie keine Handhabe gegen den Autohandel. "Ich kaufe die Autos mit Geld, die Österreicher brauchen sie nicht mehr, in Afrika werden sie weiterverwendet. Was ist das Problem?" fragt Iwobi. "Außerdem zahle ich meine Steuern."

Er blickt über den Parkplatz. Über mehrere Straßenzüge reichen die Flächen. Sie werden alle von Schwarzafrikanern betrieben. Viele von ihnen stehen in einem Asylverfahren, dürfen keinen unselbständigen Job annehmen. "Welche Möglichkeiten hast du schon, um hier als Schwarzer dein Geld zu verdienen?", fragt Iwobi. "Viele von uns landen im Drogenhandel. Meine Kollegen hier wollen damit aber nichts zu tun haben." Die Vorurteile der Europäer gegenüber Afrikanern kann er nicht mehr hören. "Wir sind keine faulen Menschen, wir sind gute Menschen. Wir wollen nur arbeiten und unser Geld bekommen."

Trotz aller Schwierigkeiten ist für ihn aber eines klar. Nie hat er einen Gedanken daran verschwendet, nach Nigeria zurückzukehren. Er breitet seine Arme aus. Von einer Windschutzscheibe reflektiert das Sonnenlicht. "Meine Zukunft ist hier", sagt er. "Na klar. Ich liebe Österreich."





Schlagwörter

Autostecker, Migration, Handel, Pkw

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Dokument erstellt am 2018-10-12 16:48:59
Letzte Änderung am 2018-10-13 15:30:46


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