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Update: 02.11.2018, 17:11 Uhr

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  • Anton Proksch Institut startet neues Therapieprogramm für Online-Süchtige.

"Zwei Prozent der Bevölkerung und vier bis sechs Prozent der jungen Menschen sind onlinesüchtig", so Psychiater Mader.

"Zwei Prozent der Bevölkerung und vier bis sechs Prozent der jungen Menschen sind onlinesüchtig", so Psychiater Mader.© dpa/Marcel Kusch "Zwei Prozent der Bevölkerung und vier bis sechs Prozent der jungen Menschen sind onlinesüchtig", so Psychiater Mader.© dpa/Marcel Kusch

Wien. (apa/dab) Der ständige und krankhafte Blick aufs Handy, exzessives Computerspielen, stundenlanges Surfen in den sozialen Medien: Das Internet treibt Menschen zunehmend in die Abhängigkeit. Der Bedarf an Therapiemöglichkeiten steigt. "Online-Sucht ist kein Spiel", lautet die Devise eines neuen stationären Programmes, in dem Betroffene seit einigen Wochen am Anton Proksch Institut (API) in Wien behandelt werden.

"Man kann davon ausgehen, dass zwei Prozent der Gesamtbevölkerung und vier bis sechs Prozent der jungen Menschen von der Online-Sucht betroffen sind", sagt Roland Mader. Der Psychiater am API beschäftigt sich seit Jahren mit "substanzunabhängigen" Suchterkrankungen.

"Im ambulanten Bereich haben wir Internetsüchtige seit rund 15 Jahren betreut, seit einigen Jahren auch stationär. Bisher haben wir diese Patienten im Rahmen unserer bestehenden Therapiegruppen mitversorgt", erklärt Mader. Damit sei man aber nicht ganz zufrieden gewesen. "Seit einem Jahr haben wir an dem Behandlungsprogramm im stationären Bereich gearbeitet. Im September haben wir es gestartet", sagt Mader. Es handle sich um das erste derartige Programm in Österreich, wird beim API erklärt.

Handys werden abgenommen

Die beim API für diese Patienten maßgeschneiderte Therapie erfolgt in einer eigenen Gruppe. Die Betroffenen mit einem Mindestalter von 17 Jahren werden acht Wochen stationär aufgenommen. Handys müssen am Beginn abgegeben werden. Im Lauf der Zeit kann beispielsweise der Gebrauch eines Smartphones auf eine Stunde pro Tag begrenzt werden.

Im Rahmen des Programms gibt es generelle Gruppen- und Einzeltherapien aus dem Angebot des API. Auch eine spezielle Gruppentherapie für die Online-Süchtigen findet einmal pro Woche für eineinhalb Stunden statt.

"Vollkommene Internet-Abstinenz ist in unserer heutigen Gesellschaft unrealistisch. Wir verfolgen ein ‚Ampel-System‘ für den späteren Gebrauch", so Mader. Das System funktioniert folgendermaßen: Online-Spiele bleiben für einen Online-Spielsüchtigen verboten. Andere Internet-Anwendungen soll er unter bestimmten Bedingungen nutzen können. "Für ihn ungefährliche, ,grüne‘ Anwendungen soll er wiederum frei gebrauchen können."

Vernachlässigung und Isolation

Wie bei allen Suchterkrankungen nimmt auch die Online-Sucht im Leben der Betroffenen einen immer größeren Anteil ein: Das soziale Leben und die Arbeit werden komplett vernachlässigt, Beziehungsprobleme sind meist die Folge, der Süchtige isoliert sich immer mehr. Tage, an denen bis zu vierzehn Stunden computergespielt wird, werden zur Norm - die "Wiener Zeitung" berichtete.

Online-Süchtige sind aber meist jünger als Süchtige, die von Substanzen abhängig sind: "Es handelt sich bei den Patienten meist um relativ junge Personen um die 20 Jahre. Unsere Alkoholkranken sind hingegen meist 40 bis 60 Jahre alt", so Michael Musalek, ärztlicher Leiter des API.

Wie bei anderen Suchterkrankungen besteht bei den Betroffenen in vielen Fällen nicht nur eine Abhängigkeit von sozialen Medien, Computerspielen oder anderen Internet-Angeboten (z.B. Pornografie-Sucht). "Zusätzliche Erkrankungen sind oft Angststörungen und Depressionen", sagt Musalek. Auch Substanzabhängigkeiten, etwa nach aufputschenden Mitteln zum Wachbleiben beim Gaming, seien häufig.

Klassisch ist laut Mader bei den "Gamern" folgendes Verhalten: "Die Betroffenen bauen sich einen Avatar, ein Alter Ego. Der Avatar ist mutig, stark, behauptet sich der künstlichen Welt. Dort gibt es Anerkennung und Freunde." Dadurch würden die Patienten oft das kompensieren, was sie in der realen Welt nicht besitzen: "Sie sind oft unsicher, haben wenige Freunde und wenig Zuwendung", sagt Mader.

In der derzeitigen Anlaufphase des neuen Programms besteht die Gruppe aus sechs Patienten. "Unter ihnen befinden sich eine junge Frau, die nach sozialen Medien süchtig ist, und ein Online-Porno-Süchtiger", erzählt Mader. Bei den Online-Gamern geht es zumeist um folgende Frage: "Wenn der Avatar nicht mehr da ist, wer will ich eigentlich wirklich sein?" Eine Antwort auf diese Frage zu bekommen und wieder den Übergang in die reale Welt zu finden: Das ist das Ziel der Therapie.





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Sucht, Online-Sucht

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-11-02 16:10:23
Letzte Änderung am 2018-11-02 17:11:39


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