Der Schriftzug Chinatown wurde als Graffito in der Kettenbrückengasse längst verewigt. Der Künstler ist aber entgegen allen Erwartungen kein Chinese, sondern der Österreicher Thomas Stini. - © Khorsand
Der Schriftzug Chinatown wurde als Graffito in der Kettenbrückengasse längst verewigt. Der Künstler ist aber entgegen allen Erwartungen kein Chinese, sondern der Österreicher Thomas Stini. - © Khorsand

Wien. Skeptisch waren sie schon am Anfang, als Fariba Mosleh mit ihrer Kamera und ihren Fragen in die Kettenbrückengasse ausgerückt ist. Was will die zierliche Oberösterreicherin von ihnen? Wird sie wieder die Frage nach dem Mythos der verstorbenen Chinesen stellen, deren Angehörige ihren Tod nicht den österreichischen Behörden melden, nur um ihre Papiere in der Community weiterzugeben? Oder wird sie wissen wollen, ob alle chinesischen Eltern so streng mit ihren Kindern sind wie die Autorin Amy Chua, die ihren Kindern gedroht hat, das Spielzeug zu zerstören, wenn sie sich nicht mehr auf die Schule konzentrieren würden, wie sie in ihrer Biografie "Battle Hymn of the Tiger Mother" beschreibt?

Fariba Mosleh hat ihre Interviewpartner mit diesen Fragen verschont. Sie kennt die Liste der Stereotype. Chinesen sind gut in Mathematik. Chinesen arbeiten viel. Chinesen machen nie Urlaub. Chinesen bleiben unter sich. Die Liste ist lang. Und Mosleh hat sie ignoriert. "Die Chinesen" gibt es in ihrer Welt nicht. Das Pauschalisieren hat man der 29-Jährigen auf der Uni ausgetrieben. Spätestens seit ihrem Studium der Sinologie und Anthropologie ist die Phrase "einerseits, andererseits" und "differenzieren" fixer Bestandteil ihres Vokabulars.

Nach zwei Jahren Recherche präsentiert sie heute, Dienstag, in ihrem aktuellen Sammelband "Vienna Chinatown (In)visible. Eine Reise durch das chinesische Wien" das Ergebnis ihrer Arbeit. Ein Kaleidoskop des chinesischen Wiens soll das Buch sein, erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, sei es aus jener der Universitätsprofessorin, die sich darüber wundert, dass so viele Austrochinesen in ihren Kursen Chinesisch lernen wollen, der Obfrau des chinesischen Frauenvereins, die von den Latin-Dance-Kursen ihrer Schützlinge schwärmt, oder des Gastrokritikers, der sich der chinesischen Küche annimmt. Heikle Themen sucht der Leser vergeblich. Beispielsweise, ob die Kommunistische Partei aus Peking zunehmend Einfluss auf die Auslandschinesen nimmt oder wie die Bedingungen jener Chinesen aussieht, die ohne Papiere in Österreich leben.

Heute sind die Bösewichte Chinesen


"Es ist ein experimentelles genreübergreifendes Werk", erklärt Herausgeberin Mosleh, "kein Aufdeckerjournalismus." Einen Gegenentwurf wollte sie bieten zu der aktuellen globalen antichinesischen Stimmung, wie sie Mosleh zunehmend in Hollywoodfilmen, aber auch in heimischen Produktionen wie "Tatort" und "Schnell ermittelt" propagiert sieht. "Waren früher die Russen die Bösewichte in den Filmen, sind es heute Chinesen", erzählt sie.