• vom 14.03.2015, 12:00 Uhr

Stadtleben


installation

Grinser und Gaffer




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Die Zuschauer als Täter
Es sind nur wenige Sekunden Filmmaterial, aber sie fangen die unverhohlene Schadenfreude, die Erheiterung der "Grinser und Gaffer", wie Beckermann sie nennt, ungeschönt ein. Beckermann hat diese Filmsekunden gemeinsam mit Klaus Pamminger geschnitten, verlangsamt, Details herausgearbeitet. Da blickt einen der Jude am Boden in Großaufnahme an, in seinem Blick liegt Verzweiflung. Da lässt Beckermann das ausgelassene Lachen einer Frau erstarren und so eine böse Fratze entstehen. Nun geht es nicht nur um den Juden als Opfer, nun geht es auch um die umstehenden Menschen als Täter.

Und als dritter Körper der nun erweiterten künstlerischen Intervention kommen die Passanten von heute hinzu: Wie nehmen sie das hier Gezeigte wahr? Noch weiter verdichtet wird die beklemmende Atmosphäre um einen von Olga Neuwirth geschaffenen Klangteppich. Für die technische Umsetzung zeichnet Lichttapete verantwortlich, die Produktionsleitung obliegt Milli Segal.

Die Banalität des Bösen
Die entscheidenden Fragen sind nach Ansicht Beckermanns: "Was sieht man? Was sieht man nicht? Was sieht man heute und warum hat man es gestern nicht gesehen? Was behauptete man 1945 nicht gesehen zu haben, obwohl man 1938 zugeschaut hat?" Die Vergangenheit habe "einen biegsamen Charakter". Und Österreich habe seine ganz eigene Geschichte, was den Umgang mit seiner Vergangenheit angehe. Beckermanns Auseinandersetzung mit diesem Thema ist nun bis 10. November am Albertinaplatz zu sehen.

Das Material, das die Künstlerin hier nun neu montiert hat, ist Teil eines rund 6000 Rollen umfassenden Bestands an Amateuraufnahmen, das im Österreichischen Filmmuseum lagert. Im Jahr 2005 wurde diese Szene bei einer Sichtung eines Teils dieser Amateurfilme entdeckt und 2008 zum ersten Mal im Rahmen der Reihe "Filmdokumente zur Zeitgeschichte" gezeigt, sagte der Direktor des Österreichischen Filmmuseums, Alexander Horwath, im Rahmen der Enthüllung. Beckermann habe damit nun ein "multiperspektivisches Bild" geschaffen.

Was Beckermann hier - "zu Recht" - zeige, sei "die Banalität des Bösen", betonte Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Mit dieser Installation erfolge das, was man traditionell Vermittlung nenne. Grundsätzlich sei es wichtig, Denk- und Mahnmale wie jenes von Alfred Hrdlicka nicht einfach in der Stadt sozusagen liegenzulassen. Arbeiten wie diese gehörten immer wieder hinterfragt, neu belebt und auch ergänzt.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-03-13 17:17:05
Letzte Änderung am 2015-03-13 19:43:12


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