• vom 14.03.2015, 11:00 Uhr

Wien

Update: 22.06.2015, 10:50 Uhr

Mariahilf

Der ruhigere Siebente




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Von Ina Weber

  • Der 6. Bezirk ist nicht ganz so hipp wie sein Nachbar Neubau, dafür sehr sozial und durchwachsen.



Wien. Bei näherer Betrachtung gibt es zwischen den beiden Seiten der Mariahilfer Straße ausgehend vom Christian-Broda-Platz keinen Unterschied. Gibt es auf der linken Seite eine Apotheke, so ziert die andere Seite ein gut besuchtes Lokal. Haben wir links eine Sanierung für ein neues Hotel, stehen rechts Menschen Schlange für ein rundes Gebäck mit Loch drin. Die Grenze zwischen dem 6. und 7. Bezirk läuft geradewegs längs durch die Mitte der neuen Fußgängerzone. Die Mariahilfer Seite kennzeichnet die Mariahilfer Kirche, den Platz davor, der immer für Marktstände genutzt wird, und die dort untergebrachte Gruft der Caritas - die Schlafstätte für Obdachlose.

Vom Christian-Broda-Platz (l.u.) über das Haus des Meeres (M.u.) bis zum Naschmarkt (r.o.): Mariahilf hat viel Platz für junge Kreative wie "Blumenkind" (r.u.).

Vom Christian-Broda-Platz (l.u.) über das Haus des Meeres (M.u.) bis zum Naschmarkt (r.o.): Mariahilf hat viel Platz für junge Kreative wie "Blumenkind" (r.u.).© Weber Vom Christian-Broda-Platz (l.u.) über das Haus des Meeres (M.u.) bis zum Naschmarkt (r.o.): Mariahilf hat viel Platz für junge Kreative wie "Blumenkind" (r.u.).© Weber

Die Gruft ist nicht von ungefähr auf der Seite des 6. Bezirks. Mariahilf scheint einer der sozialsten Bezirke Wiens zu sein. Rund 30 bis 40 soziale Einrichtungen zählt Markus Rumelhart (SPÖ), Bezirksvorsteher seit 2014, als die langjährige Chefin Renate Kaufmann zurückgetreten ist. Eine enorme Anzahl, wenn man bedenkt, dass Mariahilf der zweitkleinste Bezirk von Wien ist.


Neben Gruft sind die Suchthilfe Jedmayer (der ehemalige Ganslwirt), die Ester für obdachlose Frauen in der Gumpendorfer Straße, die Aids Hilfe am Gürtel, das Kolping Haus, Frauenhäuser oder Axxept für junge wohnungslose Erwachsene zu nennen.

Abmarschiert ist der rote Bezirk schnell. Die Mariahilfer Straße hinunter, den Getreidemarkt entlang, beim Naschmarkt wieder zurück bis zum Gürtel. Dazwischen schlängelt sich die Gumpendorfer Straße dahin. Das Sorgenkind des 6. Bezirks - viel Verkehr, große Geschäftsfluktuation, wenig Parkplätze - hat schon so manchem Bezirksvorsteher Nerven gekostet, doch Rumelhart nimmt’s leichter. Die Straße habe keine Priorität, sagt er zur "Wiener Zeitung". "Das hat alles nicht gefruchtet." Es sei ein langsamer Prozess. Von den Besuchern der Mariahilfer Straße profitiert sie kaum und so schafft sie sich stets von Neuem ihren eigenen Kosmos. Vom Getreidemarkt weggehend, der mit Leerstand kämpft, hält die Straße ein Highlight des Bezirks - das denkmalgeschützte Wiener Traditionskaffee Café Sperl.

Die Wohngegend ist beliebt. Die Miet- und Eigentumspreise schossen auch dort in den vergangenen Jahren in die Höhe. Die Studenten der TU Wien und viele Kreative finden sich dort. Neben Essenslokalen - vorwiegend gehobene asiatische Restaurants - springen immer wieder Bars und Frühstückslokale - zwischen alternativ und Bobo-Schick - aus dem Boden. Von "Mach Dir Dein Müsli selbst" bis zu offenen Frühstückbars findet sich Hippes wie im benachbarten 7. Bezirk - nur etwas ruhiger, weniger und bescheidener. Die Öffnungszeiten haben sich an die jungen Erwachsenen angepasst. Vor elf Uhr macht hier kaum ein Laden auf.

"Unten die Kreativen, dann das Essen und dann die Möbel", fasst Rumelhart "die Gumpi" zusammen. Tatsächlich reiht sich im oberen Drittel in Gürtel-Nähe ein Möbel- oder Küchenstudio an das andere. Von antiken Stilmöbeln bis zu modernen Einrichtungen - Alt und Neu stehen sich in Mariahilf an vielen Stellen gegenüber.

Brigitte Kreuziger führt seit 15 Jahren ein Papiergeschäft in der Gumpendorfer Straße. Hinter parkenden Autos ist es recht unscheinbar. "Papier Erika" steht in alten Buchstaben geschrieben. Sie denkt zurück. Vor zehn Jahren habe es noch mehr Geschäfte auf dieser Straße gegeben. Außerdem würde sie seit dem Umbau der Mariahilfer Straße nur noch die Hälfte an Umsatz machen. "Viele kommen nicht mehr, weil sie hier keinen Parkplatz mehr finden", sagt die Pensionistin. Sie werde wohl bald zusperren müssen.

Was für Kreuziger dem Ende zu geht, hat für Alexandra Haupt erst begonnen. Ihr Bio-Mode-Geschäft "Blumenkind" liegt schräg gegenüber. Ob sie sich im Bezirk geirrt habe? "Nein", lacht sie. Sie habe für ihre Geschäftseröffnung schon auch an den 7. Bezirk gedacht. Aber dort gebe es schon so viele solcher Geschäfte, sagt sie. Außerdem sei es im 6. Bezirk etwas ruhiger. "Hier kann ich mich wirklich um meine Kunden kümmern." Und so nimmt sie in Kauf, dass an manchen Tagen nur wenige kommen. Denn für viele ist der 6. ein Durchzugsbezirk. Und das nicht nur für Autos. So mancher Fußgänger läuft von der Mariahilfer Straße viele Stiegenanlagen hinunter, überwindet dabei einen Höhenunterschied von 30 Metern, um nach kurzer Zeit am Naschmarkt zu landen. Der übrigens erst seit 2009 als Ganzes zum 6. Bezirk gehört.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-03-13 17:20:07
Letzte Änderung am 2015-06-22 10:50:50


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