Wien. Ist man kein Anzugträger und wohnt dennoch im 1. Bezirk, kommt die Antwort auf die Frage nach dem Wohnort fast einem Geständnis gleich. "Ich wohne dort, weil meine Oma über viele Generationen . . ., sonst könnt’ ich mir das eh nicht leisten." Der 1. Bezirk ist für die meisten jungen Wiener ein Fortgeh-Bezirk - etwa zum Poltern im Bermudadreieck. Er ist ein Bezirk zum Arbeiten oder wo man mal zum Amt, auf die Bank oder zum Arzt muss. Ansonsten überlässt man ihn gerne den Scharen an Touristen und den G’stopften.

"Darf’s noch ein Alpenchampagner sein?", fragt der Kellner des Café Korb in der Brandstätte charmant. Zum "Wiener Frühstück" gibt es damit ein Glaserl Wasser. Der Kellner träumt laut von seinen Indienreisen, die er sich nach zwölf Jahren in diesem Café hart verdient hat, und stellt zum Abschluss fest: "Ich hab’ Glück, dass mir Geld nicht wichtig ist."

Ein Fiaker nach dem anderen kreuzt Tuchlauben/Ecke Brandstätte. In jeder Kutsche ein Elternpaar mit ihrer eigenen kleinen Prinzessin. Dazu jede Menge Autos, Busse, wenige Radfahrer dafür viele Menschen im Businessanzug begleitet von Damen, die ganz gemäß den Schaufenstern in diesem Bezirk gekleidet sind. Die Touristen sind gut erkennbar. Sie tragen keinen grauen Anzug oder Polo-Shirt, sondern meistens kurze karierte Hosen samt Kapperl. Der Mann an der Supermarkt-Kassa, die es auch im kulissenhaften 1. Bezirk gibt, wenn auch versteckt, blickt nur in Brusthöhe: Wenn ihm dort ein Fotoapparat entgegenbaumelt, spricht er automatisch englisch.

Der 1. Bezirk ist voll von Menschen und stirbt dennoch aus. Lebten in den 1960er Jahren noch 40.000 Bewohner in der Innenstadt, so sind es heute nur noch 16.000. Pro Jahr ziehen rund 200 Bewohner weg. Alexander Hirschenhauser von den Grünen Innere Stadt sieht dafür die immer höher werdenden Miet- und Kaufpreise verantwortlich. Die Gentrifizierung habe schon vor 20 Jahren begonnen. Damit gehe die soziale Vielfalt immer mehr verloren.

Hirschenhauser erinnert sich zurück, als er als Kind mit seinen Eltern und Geschwistern auf 80 Quadratmetern in der Wollzeile wohnte. Damals habe es noch viele Bewohner aus einfachen Verhältnissen gegeben. Der Verkehr war allerdings auch doppelt so viel wie heute. Es herrschte Leben im Herzen der Stadt in jeder Hinsicht. "Eine Wohnbevölkerung wirkt ausgleichend", sagt Hirschenhauser zur "Wiener Zeitung". Der Tourismus folge der Authentizität einer Stadt. Damit nicht immer mehr Reiche die City bevölkern, die investieren und Wohnraum leer stehen lassen würden, und Mieter nach und nach mit üblen Mitteln herausgedrängt werden, plädiert Hirschenhauser etwa für die Koppelung von Wohnungseigentum an einen Hauptwohnsitz. Ein Problem ortet der Politiker auch darin, dass Schanigärten immer mehr würden. "Bei 80 Prozent Gastronomie und 20 Prozent Handel - da kann niemand mehr gut wohnen." Die Vision der Grünen: eine verkehrsberuhigte Innenstadt.

"Der Bezirk darf keine Bürowüste werden"


"Mehr Platz zum Leben" wünscht sich auch die stellvertretende Bezirksvorsteherin Daniela Ecker-Stepp (SPÖ). "Die größten Herausforderungen sind die Verteilung des öffentlichen Raums, also wer, welche Plätze, Straßen wie nützen darf", sagt sie. Der Lärm durch den Autoverkehr, durch die vielen Lokal-Besucher und die sehr hohen Mieten bzw. dass jahrelang nur mehr riesige Luxuswohnungen errichtet wurden und normaler Wohnraum immer mehr verloren geht, sieht sie als Grundprobleme. Auch ÖVP-Bezirksparteiobmann Markus Figl sieht die Verödung der Innenstadt als Gefahr. "Der Bezirk darf keine Bürowüste, kein Freilichtmuseum, kein Disneyland werden", sagt er. Er hat die parteiübergreifende Initiative "Bewohnte Innere Stadt.Wien" ins Leben gerufen.

Weil die schwarze Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel sich aufgrund von Differenzen von der ÖVP abgespalten hat und zur FPÖ gewechselt ist, rechnen sich nun Rot und Grün größere Chancen für die Wahl am 11. Oktober aus. Aber auch Stenzel ließ mit Themen der Verkehrsberuhigung aufhorchen. Sie forderte innerhalb des Rings Begegnungszonen in allen Straßen - ausgenommen Fußgängerzonen, Wohn- und Busstraßen. Für den FPÖ-Obmann der Inneren Stadt, Georg Fürnkranz, ist das "eine Idee". "Das würde den Ist-Zustand legalisieren", sagt er zur "Wiener Zeitung".

Noch hat die Innenstadt aber eine soziale Durchmischung. Sieben Gemeindebauten stehen sogar in diesem noblen Bezirk. Und noch kann man mit dem Auto sogar bis zum Stephansplatz fahren - und dann sitzt man in seinen vier Blechwänden und blickt auf das Herzstück von Wien.