• vom 24.06.2014, 06:00 Uhr

Wien

Update: 02.07.2014, 17:07 Uhr

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So funktioniert Kapitalismus




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Von Fabian Kretschmer

  • "Das Klassenzimmertheater" thematisiert Komasaufen, Zivilcourage und die Finanzkrise an Wiener Schulen.

Zu menschlich für Banker: die Künstler und Schauspieler Dinah Pannos und Thomas Weilharter.

Zu menschlich für Banker: die Künstler und Schauspieler Dinah Pannos und Thomas Weilharter.© Kretschmer Zu menschlich für Banker: die Künstler und Schauspieler Dinah Pannos und Thomas Weilharter.© Kretschmer

Wien. An der Tafel kämpft ein weißer Standventilator gegen die stickige Nachmittagshitze an, aus den Fenstern des Kellerraumes locken die Versuchungen des Hochsommers: blauer Himmel, pralle Sonne, Badewetter. Es war ein langer Tag für die Schüler der kaufmännischen Berufsschule in der Meiselstraße 19 im 15. Bezirk, und eine ebenso harte Woche liegt hinter den 15-Jährigen, die bereits in Lehrlingsbetrieben Pakete schichten, Schnitzel servieren oder Motoren reparieren. Die Vorfreude auf die nächsten zwei Stunden hält sich sichtlich in Grenzen. Interaktives Theater steht auf dem Programm, selber mitdenken müssen, die eigene Situation reflektieren.

Die Klassentür öffnet sich, ein Endzwanziger im schwarzen Sakko betritt Raum, an seiner Seite folgt eine Assistentin im Sekretärinnen-Look. Ohne Begrüßung stellen die beiden einen Aktenkoffer auf den Lehrertisch, greifen hinein, holen prall gefüllte Geldbündel hervor. Stapelweise wirbeln sie die Scheine in die Luft, bis der Boden mit grünen Banknoten gepflastert ist. "Wir sind Hannes und Eva, und wir sind eine Bank", sagen sie im Chor auf: "Wir wollen euch als Kunden, und zwar mit echtem Geld."


Auf Augenhöhe
Ein ziemlich fulminanter Einstieg, die Aufmerksamkeit der Schüler ist den beiden schon einmal sicher. Einige schauen noch skeptisch ob der Arroganz der Neulinge, da springt bereits ein Mädchen reflexartig von ihrem Sitz und liest mit funkelnden Augen das Papiergeld vom Laminatboden auf. "Schade, dass die nicht echt sind", tönt es aus der hinteren Reihe - und schon befinden sich die Jugendlichen mitten in einer Diskussion darüber, was man denn mit so viel Geld alles anstellen könnte: Schnelle Autos wollen die einen, schicke Kleidung die anderen, ein Mädchen träumt gar von einer Yacht. Eigenheim oder Weltreise? Fehlanzeige.

Natürlich sind die beiden Banker da vorne die Schauspieler Dinah Pannos und Thomas Weilharter. Und in Wahrheit verbirgt sich hinter ihrem Yuppie-Gehabe ein linksalternatives Künstlerkollektiv aus jungen Kreativen. "Klassenzimmertheater" heißt das Projekt, das durch Wiens Schulen tourt, die Programme sind direkt aus dem Leben der Schüler gegriffen: Komasaufen, Zivilcourage, Mobbing. Kommuniziert wird auf Augenhöhe, pädagogische Belehrungen bleiben aus.

"Ist das fair?"
Heute soll es ums Banken- und Wirtschaftssystem gehen: Die beiden Schauspieler erzählen von der Entstehung von Papiergeld, von Inflation und Kapitalrendite. Sie wollen den Schülern als ihren potenziellen Kunden satte Kredite andrehen, hundert Euro gäbe es bar auf die Hand. "Wie soll das so leicht gehen?", zweifelt eine Schülerin: "Geld wächst doch nicht an den Bäumen!" Oder etwa doch? "Wisst ihr, wie wir Banken Geld machen? Wir erfinden es einfach!", prahlt der vermeintliche Banker Hannes in die Runde: "Das nennt sich Geldwertschöpfung - so funktioniert Kapitalismus."

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Dokument erstellt am 2014-06-23 17:33:05
Letzte Änderung am 2014-07-02 17:07:11


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