• vom 26.02.2015, 18:45 Uhr

Wien

Update: 06.03.2015, 12:47 Uhr

Verzierungen

Leben wie der Kaiser




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Von Arian Faal

  • Ein Paradies für Nostalgiker: drei Stuckgeschäfte in Wien und Umgebung als Boten der Vergangenheit.

Goldene Stuckaturen im Kleinen Redoutensaal der HOFBURGVienna.

Goldene Stuckaturen im Kleinen Redoutensaal der HOFBURGVienna.

© cc: HOFBURG Vienna, L. Lammerhuber

Goldene Stuckaturen im Kleinen Redoutensaal der HOFBURGVienna.

© cc: HOFBURG Vienna, L. Lammerhuber

Wien. "So leben wie der Kaiser, wer möchte das nicht", will Georg H. wissen. "Ich hab es mir hier ein wenig so eingerichtet", erzählt er. Goldene Wandverzierungen mit Ornamenten, darunter einige Kartuschen und Blumenkörbe im Biedermeier-Stil: Die Wohnung des Nostalgie-Fans ist ein Stuckparadies. Bossensteine, toskanische, dorische und ionische Säulen reihen sich neben Perserteppiche und einen Bösendorfer-Flügel.

"Ich lebe nur einmal und es hat noch niemand etwas mit ins Grab genommen. Daher gönne ich mir auch als Angehöriger des kleinen Mittelstandes den kleinen Luxus, dass ich es mir in meiner Gemeindebauwohnung so einrichte, wie ich mich wohlfühle. Dazu gehört für mich auch mein Stuck", erklärt der 49-jährige Mechaniker voller Freude. Vier Jahre musste er Monat für Monat sparen, damit er es sich leisten konnte, seine 80-Quadratmeterwohnung im Alsergrund mit Stuck versehen zu lassen. "Denn Stuck ist ein bisschen früher im heute", erklärt er sichtlich berührt. Barock und Biedermeier seien wieder stark im Trend und er sei sehr froh, dass es in Wien noch Stuckgeschäfte gibt. Nur zur Orientierung: Für einen rund 15 Quadratmeter großen Raum einer Gemeindewohnung kosten 20 Laufmeter rund 250 Euro Materialkosten und rund 500 Euro Verlegungskosten, wenn man das nicht selbst machen will.

Information

In Europa gibt es heftige Diskussionen zwischen Stuckherstellern und Kunsthistorikern rund um die Stilrichtungen und ihre Ursprünge. Im Folgenden eine Stilrichtungsauswahl der Wiener Stuckmanufaktur.

Barock (17. und 18. Jhdt.)

Hat seinen Ursprung in Italien und bekam den Namen baruca (portugiesisch = barocco) von Spanien und bedeutet eine ungleichmäßige, bizarr geformte Perle. Anfänglich wurde dies als Beleidigung für alles Regelwidrige und nicht dem guten Geschmack entsprechende angewendet.

Rokoko Ende 18. Jhdt.

Kein eigener Baustil, sondern Spät- bzw. Hochform des Barocks. Das Wort kommt vom Französischen rocaille (Muschel). Kein Ruhepunkt, die Ornamente ragen über den Ihnen zugewiesen Platz hinaus.

Beliebte Bauformen: Ellipse, Kreis, Sprenggiebel, kurvenreich, asymmetrisch; beliebte Ornamente: Ochsenaugen, Blüten, Ranken, Muscheln, Kartuschen, Putten; berühmte Bauwerke: Oberes Belvedere, Karlskirche, Schloss Versailles.

Klassizismus 1770-1850

Name stammt vom lateinischen Wort "classici" ab; barocke Ausschweifungen wurden durch klassische Strenge und Klarheit (Sachlichkeit und Symmetrie) ersetzt.

Frühklassizismus (Luis XVI) 1770 - 1800, Hochklassizismus (Empire) 1800-1830, Spätklassizismus (in Österreich Biedermeier) 1830-1850.

Biedermeier-Bauformen werden zierlicher und dekorativer.

Beliebte Bauformen: Bossensteine, toskanische, dorische und ionische Säulen, Rosetten; beliebte Ornamente: Zopf, Girlande, Lorbeer, Vasen, Blumenkörbe, Kartuschen. Berühmte Bauwerke: Brandenburger Tor.

Historismus 1850-1900
(Gründerjahre)

Einfache Nachahmung bereits gewesener Stile. Verbindung von Stilrichtungen an ein und demselben Gebäude (sogenannter Mischstil). Wird in Neogotik, Neurenaissance, Neubarock, Neuklassizismus und Heimatstil unterteilt. Berühmtes Bauwerk: Eiffelturm, Gestaltung der Wiener Ringstraße.

Jugendstil 1890-1910

Anfangs ein Spottname. Wird auch Insel-Stil, art nouveau, style nouille und Sezesions-Stil genannt.

Beliebte Bauformen: geschwungene Linien; beliebte Ornamente: asymmetrische Wellenkurven, Schlangenlinien, Pflanzenbilder; berühmtes Bauwerk: Wiener Sezession.


"Kaiser-Stuck"-Besitzer Kastner war der erste Verkäufer in Wien, der Stuck einer breiten Masse zugänglich gemacht hat.

"Kaiser-Stuck"-Besitzer Kastner war der erste Verkäufer in Wien, der Stuck einer breiten Masse zugänglich gemacht hat.© Kaiser Stuck "Kaiser-Stuck"-Besitzer Kastner war der erste Verkäufer in Wien, der Stuck einer breiten Masse zugänglich gemacht hat.© Kaiser Stuck

Während im Duden als Bedeutung für das Wort Stuck "Gemisch aus Gips, Kalk, Sand und Wasser zur Formung von Plastiken und Ornamenten" zu finden ist, ist es für Georg H. ein Stück "Lebensqualität und ein Wohlfühlfeeling im Wohnalltag". Bei jedem Blick auf die Decke oder auf die Säulen würde seine Tagesverfassung verbessert, meint er.


Einzug in den Gemeindebau
In Wien und Umgebung gibt es noch drei Stuckgeschäfte. Den Kaiser-Stuck in Neubau, die Wiener Stuckmanufaktur mit ihren zwei Standorten in der Breitenfurter Straße und am Matzleinsdorfer Platz und ein Stuckgeschäft auf der Schönbrunner Straße, das aber nur sporadisch geöffnet hat.

Einer, der sich als Urkern der Wiener Stuckverkäufer sieht, ist im 7. Bezirk zu Hause. Martin Kastner, 55, ist der Betreiber des Kaiser-Stuck-Geschäftes und liebt sein Geschäft. "Meine Eltern haben im Jahre 1965 begonnen, die ersten Modelle aus Italien zu importieren. Wir waren die erste Firma, die den Stuck für den kleinen Mann zugänglich und erschwinglich gemacht hat", berichtet er in Anspielung auf das heurige 50-jährige Jubiläum seines Betriebes stolz. Demnach gibt es mittlerweile viele Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen mit niedriger Raumhöhe, in denen Stuck zu finden ist. Für den Laien erklärt er sein Handwerk so: "Wir sind ein Stuckatur-Fachgeschäft. Das heißt, wir beschäftigen uns mit dem Handel und der Verlegung von vorgefertigten Stuckelementen, die außer Haus nach unseren Angaben gefertigt werden."

Im Mittelpunkt steht bei ihm die Beratung. "Der Kunde kommt, ist an Stuck grundsätzlich interessiert und hat eigentlich keine fixe Idee, wie er sich was gestalten möchte. Durch mehrere Gespräche und Fachberatung finden wir dann für jeden eine maßgeschneiderte Lösung, die auch seinem Budget entspricht", verspricht Kastner.

Die Geschichte des Kaiser-Stuck-Geschäftes ist so vielschichtig wie die Ornamente, die Kastner verkauft. Begonnen hat seine Familie im Jahre 1965 im 15. Bezirk in der Wurzbachgasse. Dann ist die Familie 1968 in die Kaiserstraße 24 gezogen. Der Kaiserstraße blieb er seither treu, wenn auch an drei unterschiedlichen Standorten: 1974 zog er in die Kaiserstraße 24 und schließlich 1997 zum heutigen Standort in der Kaiserstraße 32, wo es auf 266 Quadratmetern Stuck in all seinen Facetten gibt.

Das Wegbleiben der Russen
Rund zehn Kunden kommen pro Tag in sein Geschäft. Kastner unterscheidet hierbei drei Arten von Käufern: der Großhandel (Maler, Tapezierer und Raumausstatter), das Objektgeschäft (Hausverwaltungen, Stiegenhausausstattungen und das Einrichten von Geschäftslokalen) und letztlich die Privatkunden. Die letzte Gruppe erledigt die Verlegung des Stucks zu 70 Prozent selbst. Der Rest kauft die Profi-Verlegung von "Gips und Putz in verzierter Form", wie Kastner sein Gewerbe nennt, dazu.

Wichtig sei bei einem Stuckkauf, dass man dem Kunden bewusst macht, dass Stuck ein Rohmaterial ist und zum Bau dazugehöre. Das bedeutet, dass normalerweise vor dem Ausmalen verlegt werden muss.

Den Namen Kaiser-Stuck will er doppelt verstanden wissen. "Einerseits ist es eine Anspielung auf den Kaiser und andererseits auf die Kaiserstraße. Jedenfalls steht unser Name für Markenmaterial, Fachberatung und Know-how", so Kastner, der auch wirtschaftlich mit einem Jahresumsatz von 380.000 Euro durchaus zufrieden ist. "Der Schuldenstand beträgt null und es geht uns nicht schlecht", resümiert er.

Während Kastner sich auch auf "den einfachen Mann" spezialisiert hat, bietet die Wiener Stuckmanufaktur vor allem Großkunden und Palais ein umfassendes Stuckservice an. Dessen Besitzer, Kurt Teufl, sieht die Zukunft der Branche aber weit skeptischer als sein Mitbewerber, mit dem er ein sehr korrektes und kollegiales Verhältnis hat.

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Dokument erstellt am 2015-02-26 15:59:07
Letzte Änderung am 2015-03-06 12:47:30


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