• vom 03.03.2018, 15:11 Uhr

Wien

Update: 06.03.2018, 07:51 Uhr

Vorarlberger in Wien

Ned hudla, sondern gnüßa!




  • Artikel
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Harald Schume

  • Katrin Schedler hat die einzige Vorarlberger Greißlerei in Wien eröffnet, das "Grundbira", wo ihre Ländleleute ein Stück Heimat finden. Und die Hauptstädter eintauchen können in die Welt des Rasskäse und des Riebelmais-Whisky.

Vorarlberger finden bei Katrin Schedler in Wien ein Stück Heimat, Wiener ein Stück Vorarlberg. - © Mike Hackenberg

Vorarlberger finden bei Katrin Schedler in Wien ein Stück Heimat, Wiener ein Stück Vorarlberg. © Mike Hackenberg


© Mike Hackenberg © Mike Hackenberg

Man kann zu einer Kartoffel sagen, wie man will, das Püree bleibt immer das gleiche. Erdapfel. Grundbirn. Oder eben Grundbira. Aber nur dann, wenn man des Vorarlbergerischen mächtig xsi tut. Katrin Schedler hat es sogar verinnerlicht. Und veräußert deshalb Produkte aus ihrem Heimatbundesland, aus dem Ländle, in der Margaretenstraße. "Als ich noch studiert habe, bin ich immer mit einem Kofferraum voller Spezialitäten nach Wien gefahren, drin war natürlich Käse für die Käsknöpfle und Riebelgrieß, damit ich bis zum nächsten Besuch über die Runden komme", sagt die ausgebildete Theater-, Film- und Medienwissenschafterin, die nur kurz als Regieassistentin tätig war. Genau genommen, ein paar Monate lang, bis die 29-Jährige im Oktober 2017 ihr "Grundbira" aufsperrte, die einzige Vorarlberger Greisslerei in Wien. Der Name soll Bodenständigkeit und Regionalität vermitteln. Und er tut das gut.



Information

Grundbira
Katrin Schedler
Margaretenstraße 78/3
1050 Wien
www.grundbira.at

"Kulinarik zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich bin ein Kind der Gastronomie", sagt Katrin Schedler. Die Großeltern führten in Feldkirch die Rappenwaldstube, sie selbst absolvierte die Tourismusschule, schrieb vier Jahre für "Hof & Markt", die Zeitung für Direktvermarkter, Fleischer, Heurige und Winzer. Dort kam sie auch mit jenen Produzenten aus Vorarlberg in Kontakt, deren Spezialitäten sie heute "als Stück Heimat" in Wien verkauft.

Der Laden, fesch und hell, bestehend aus je 20 Quadratmetern Verkaufsraum und Innenleben, sieht nicht nur Katrin Schedlers Ländleleute als Kunden. Wenngleich sie seit Beginn an klarerweise in der Überzahl sind. "Vorarlberg ist für die Wiener immer noch etwas Besonderes, weil es so weit weg ist. Die wenigsten waren je dort. Deshalb finden sie die Produkte auch so exotisch." Etwa den aromatischen, fünf Monate gereiften Rässkäse von Hilkater aus dem Bregenzerwald um 2,69 Euro pro 100 Gramm. Sechs Sennereien sind es, die Katrin Schedler ein Mal pro Monat persönlich besucht, um den Käse in den Kofferraum zu packen. Wenn's zu wenig sein sollte, helfen Freunde und die Familie mit ihren Autos aus. "Der Käse ist eindeutig das Zugpferd", sagt die Jung-Unternehmerin, die sich freut, dass auch die gehobene Gastronomie die Liebe zur Würze entdeckt hat. "Es gibt viele Anfragen, weil mein Käse keine Massenware ist und sich für tolle Gerichte eignet. Die Zusammenarbeit wird sich bald intensivieren."


© Mike Hackenberg © Mike Hackenberg

Auch abseits der Kühlvitrine finden sich Leckereien, die den Weg durch den Arlbergtunnel hinter sich haben. Vom Apfel-Birne-Balsamico mit getrockneten Bergblumen aus dem Kleinwalsertal über den einzigartigen Riebelmais-Whisky bis hin zum Fraxner Kriasiwasser, einem Kirsch-Schnaps, der sich puncto Exzellenz mit dem Subirer-Schnaps matcht. Der wird aus Mini-Birnen gebrannt, die nur auf Vorarlberger Bäumen wachsen. Neben den kulinarischen Highlights bietet Katrin Schedler eine Menge Drumherum an, etwa die originale Käsknöpfle-Brenta, also eine Holzschüssel aus Vorarlberger Bergfichte, Kochbücher und Pflegeprodukte, wie die handgemachte Ziegenmilchseife aus dem Bregenzerwald. Und mit auf dem Weg kriegt man auch was, nämlich eine Empfehlung, wie mit der Ware aus dem Ländle umzugehen ist: "Ned hudla, sondern gnüßa!" Auf gut Deutsch: Nicht verschlingen, sondern sondern in Ruhe genießen.

Weil nun einmal die Vorarlbergerin per se ein fleißiger Mensch ist, muss das Privatleben ein wenig in den Hintergrund rücken. Wenn Katrin Schedler nicht gerade heim fährt, um den Kofferraum mit Käse zu beladen, steht sie hinter der Budel: Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, an Samstagen "nur" bis 18 Uhr. Mitarbeiter gibt es nicht, noch nicht. Vielleicht dann, wenn sich die 29-Jährige tatsächlich entschließt, auch auf Märkten zu verkaufen. "Wenn ich krank bin, wofür ich eigentlich keine Zeit habe, bleibt der Laden zu. Aber ich will und kann mich nicht beklagen. Es ist noch kein Tag vergangen, an dem ich nicht mit Freude ins Geschäft gegangen wäre."

Und kein Tag, an dem sich nicht zumindest ein Vorarlberger ein Stück Heimat mitgenommen hat in seine Wiener Wohnung.

Dieser Artikel ist auch im "Wiener Journal" vom 2. März 2018 erschienen.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-03 15:14:39
Letzte Änderung am 2018-03-06 07:51:29


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Ich bin ein Einzelkämpfer"
  2. Lichterbaum am Christkindlmarkt
  3. Das große Teilen auf der Straße
  4. Vom Cabaret zur Systemgastro
  5. Der allerzweckloseste Zweckbau von Pötzleinsdorf
Meistkommentiert
  1. Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden
  2. Shoah-Gedenkmauer fix
  3. Jetzt schon vorweihnachtlich
  4. Nichts zu machen?
  5. Zu schnell für den Gehsteig

Werbung



Innere Stadt

Noch kein Fort Knox

Älteste Kirche von Wien, die Ruprechtskirche, Schwedenplatz, Kohlmarkt, Dirndln auf der Kärntner Straße, Vivienne-Westwood-Shop in der Tuchlauben v.l.n.r. - © Ina Weber Wien. Ist man kein Anzugträger und wohnt dennoch im 1. Bezirk, kommt die Antwort auf die Frage nach dem Wohnort fast einem Geständnis gleich... weiter





Kaiserin Elisabeth

Der ewige Mythos

- © Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H./Alexander Eugen Koller Wien. Audienzen? Langweilig. Etikette? Nein, bloß nicht. Leben in einem Schloss mit Saus und Braus, dafür aber nach strengem Protokoll... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Eine Legende wird 80
  2. "Sexualität ist wie eine Vergrößerunglinse"
  3. "Der Maidan ist für mich magisch, schrecklich und schön zugleich"
  4. Kinderernährung in der Zeit nach dem Krieg: "Süßes vermissten wir besonders"
Meistkommentiert
  1. Kurz attackiert Vorarlberg
  2. Verzweifelte Schubhäftlinge
  3. Rechtsextremer als Security beim BVT-Ausschuss
  4. Frei oder willig?


Werbung