• vom 19.02.2018, 16:18 Uhr

Wien

Update: 19.02.2018, 20:00 Uhr

Schimpanse

Honzo, der Proto-Österreicher




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (30)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Clemens Marschall

  • Er war Raucher, Trinker, Grantscherben - und Schimpanse. Heute steht er ausgestopft im Museum.



Wien. Wenn man von Honzo spricht, muss man eigentlich mit Ernst Zwilling anfangen: Der im Jahr 1904 geborene Afrikaforscher und Reiseschriftsteller kam aus einer wohlhabenden Familie und wuchs in Wien auf. In den 1930ern war Zwilling zum ersten Mal in Kamerun. Nach dem "Anschluss" 1938 setzte sich das NSDAP-Mitglied für die Rückgewinnung der ehemaligen Kolonien zum Deutschen Reich ein.

Auf einer seiner ersten Afrika-Expeditionen lernte Zwilling Honzo kennen - damals noch ein Säugling. Gerhard Heindl, Historiker des Tiergartens Schönbrunn, hat seine Archive für die "Wiener Zeitung" nach Honzo durchforstet und liest aus dem "Wiener Montagsblatt" vom 29. August 1952 vor: "Wochenlang hat Zwilling das Sorgenkind in der Tasche seines Tropenrockes spazieren getragen und buchstäblich mit der eigenen Körperwärme am Leben erhalten."


Zwilling musste wieder nach Österreich, und die Kriegsjahre verhinderten vorerst weitere Afrikareisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte niemand mehr von Zwillings Gesinnung gewusst haben, und er führte ein unbeschwertes Leben als Forscher und Großwildjäger.

"Mit einem Riesenrausch
lag er auf dem Sofa"

Als er 1950 wieder nach Afrika aufbrach, hatte Honzo bereits mehrmals seine Besitzer gewechselt und war schlussendlich bei einem tschechischen Ehepaar gelandet, das in Kamerun eine Kaffeeplantage betrieb. Im Montagsblatt steht: "Auf der schönen Farm hatte sich ‚jener von Prina‘ - dieses Adelsprädikat verliehen ihm seine tschechischen Besitzer gratis und franko - ausgesprochene Paschaallüren zugelegt. Durch versperrte Türen fand er immer wieder den Weg zum Eisschrank, aus dem er, der Feinschmecker, fünfkiloweise Prager Schinken und flaschenweise Whisky entwendete, um das alles - wie man hierzulande sagt - ‚auf einen Sitz‘ zu konsumieren. Mit einem Riesenrausch lag er dann auf dem Sofa im Wohnzimmer und ließ die Strafpredigt seines Besitzers gelangweilt über sich ergehen. Im Laufe der Jahre war ‚Honzo‘ überdies auch ein leidenschaftlicher Raucher geworden, der skrupellos Zigarettendosen plünderte und dann nur darauf wartete, mit Feuer ‚bedient‘ zu werden."

Das konnte Zwilling nicht davon abhalten, den wandelnden Sündenpfuhl Honzo im September 1951 nach Österreich zu bringen, wie weiter im Montagsblatt steht: "Da das Tier wenig Lust zeigte, die Transportkiste zu besteigen, entschloß man sich zu einer kleinen Hinterlist: ‚Honzo‘ wurde betrunken gemacht und als lallendes Bündel fachgemäß verpackt. Das lebende Transportgut wanderte dann auf das nächste Flugfeld."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-19 16:23:27
Letzte Änderung am 2018-02-19 20:00:59


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Zocken gegen Demenz
  2. Unternehmer wollen Seidenstraße
  3. Krawuzikapuzi: Andre Heller rettet Kasperl und Pezi
  4. Rückgang bei Lagezuschlägen erwartet
  5. DariaDaria: "Baby-Steps reichen nicht"
Meistkommentiert
  1. Das grüne Gespenst
  2. Ein Buch als Zündstoff für eine Politik-Debatte
  3. "Muss schlichten statt unterrichten"
  4. "Das war ein Amoklauf"
  5. Chorherr geht mit Jahresende

Werbung



Edip Sekowitsch

"Der Setschko war ein Fighter"

Den Sekowitschweg gibt es seit 2012 - doch jetzt wurde er offiziell eingeweiht und gesegnet. - © Schmölzer Wien. Wenn man ihn danach fragte, redete Edip Sekowitsch bereitwillig über seine alte Leidenschaft. Nur vom Äußeren her hätte dem Besitzer eines... weiter




Holzhochhaus

Hoch hinaus mit Holz

Das weltweit höchste Holzhochhaus entsteht in der Seestadt Aspern. - © RLP Ruediger Lainer und Partner Wien/Dornbirn. Das weltweit höchste Holzhochhaus soll in der Seestadt Apern entstehen. Seit mehr als einem Jahr wird an dem Bauwerk aus 24 Stockwerken... weiter




Geschichte

Bitte à la Giraffe!

Wildlife Animals - © Chris Van Lennep Wien. Die Geschichte fängt harmlos an: 1828 erhielt Kaiser Franz I. (II.) vom Vizekönig von Ägypten eine Giraffe, die dieser wiederum im Tiergarten... weiter






Werbung