• vom 13.11.2013, 05:30 Uhr

Stadtpolitik


Karl Seitz

Erinnerung an einen Vergessenen




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander Spritzendorfer

  • In elf Jahren Amtszeit entstehen 60.000 Gemeindewohnungen, die noch heute das Wiener Stadtbild prägen
  • Vor 90 Jahren wurde Karl Seitz als Wiener Bürgermeister angelobt.

Karl Seitz, gezeichnet von Fritz Schilling 1918.

Karl Seitz, gezeichnet von Fritz Schilling 1918.© Stadt & Landesarchiv Karl Seitz, gezeichnet von Fritz Schilling 1918.© Stadt & Landesarchiv

Wien. Der heurige November ist voller Anlässe, die ein würdiges Gedenken verdienen: 95 Jahre ist es her, dass am 12. November 1918 die Erste Republik ausgerufen wurde, 75 Jahre, dass am 9. November 1938 Nazischergen und ihre Komplizen jüdische Synagogen zertrümmert und verbrannt haben. Und vor 90 Jahren wurde am 13. November 1923 Karl Seitz als Wiener Bürgermeister angelobt. Bis zu seiner gewaltsamen Entfernung aus dem Rathaus im Februar 1934 durch die Austrofaschisten hat Seitz unsere Stadt und ihre Politik maßgeblich geprägt und ihr ein Gesicht verliehen, das bis heute sichtbar ist. Gerade weil die beeindruckende Persönlichkeit von Karl Seitz in Vergessenheit zu geraten droht, möchte ich mein Novembergedenken diesem großen Baumeister des "roten Wien" widmen.

Nach dem krankheitsbedingten Rücktritt von Jakob Reumann, wird der Volksschullehrer Karl Seitz am 13. November 1923 zum Wiener Bürgermeister gewählt. Am Tag seiner Wahl sind die Titelblätter der Zeitungen gefüllt mit Berichten über den gescheiterten Bräuhausputsch von Adolf Hitler in München. In seiner Antrittsrede vor den Magistratsbeamten betont der volksnahe Seitz: "Was wir als Vertreter des Volkes von den Ämtern wünschen, ist einfach gesagt: Der Bürger will nicht als Akt, sondern als Mensch behandelt werden."


Dreamteam der 20er Jahre
In den elf Jahren seiner Amtszeit entstehen rund 60.000 Gemeindewohnungen in 350 Wohnhausanlagen, die noch heute das Bild unserer Stadt prägen. "Errichtet aus den Mitteln der Wiener Wohnbausteuer". Hinter dieser harmlosen Aufschrift auf diesen "Palästen des Proletariats" verbirgt sich ein tiefer Konflikt zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen, die sich vehement gegen die progressive Reichsteuer zur Wehr setzen, mit der Finanzstadtrat Breitner das umfangreiche Wohnbauprogramm der Gemeinde Wien finanziert. Mit Hugo Breitner, Otto Glöckel und Julius Tandler verfügte Seitz über ein "Dreamteam der 20er Jahre", das maßgeblich zum Aufbau des "roten Wien" beitrug. Zum 10-jährigen Jubiläum der Gründung der Ersten Republik wird am 12. November 1928 der Grundstein zum Bau des Praterstadions, des modernsten und größten Stadions Europas gelegt, das 1931 anlässlich der Arbeiterolympiade von Karl Seitz eröffnet wird.

Der Bau von Stadionbad und Amalienbad, dem größten Hallenbad des Kontinents fallen ebenso in die Ära Karl Seitz, wie die Elektrifizierung der Wiener Stadtbahn und die Versorgung Wiens mit sauberem Strom aus dem Wasserkraftwerk Opponitz. Im September 1926 übernimmt die Gemeinde Wien das Denkmal des Altbürgermeisters auf dem Dr.-Karl-Lueger-Platz. Leopold Kunschak, als Vorsitzender des Komitees, hatte Seitz darum ersucht. Seitz spricht eine respektvolle Eröffnungsrede für seinen langjährigen politischen Gegner in Parlament und Landtag. In seinen Erinnerungen schreibt Seitz dazu: "Dieser Wunsch fiel mir schwer aufs Herz, denn was sollte ich über den Lueger reden? Gegen den ich seit meinem 20. Lebensjahr gekämpft habe. Und dann führte ich in einer ausführlichen Rede aus, dass Lueger in großen Fragen der Gemeindeverwaltung wirklich das Beste wollte; ich bin lange Zeit zu Dr. Karl Lueger in heftigem Gegensatz gestanden, wir haben viel miteinander gestritten, aber es war kein persönlicher Kampf, es war ein Streit der Meinungen, vielleicht ein Gegensatz der Generationen."

Am 12. Februar 1934 um 3 Uhr morgens wird Seitz von der Polizei gewaltsam aus seinem Büro im Rathaus entfernt, inhaftiert und wegen Hochverrats angeklagt. Die Ausschaltung des Verfassungsgerichtshofs und die Zerschlagung der jungen Republik kann Seitz nur noch aus seiner Zelle im Wiener Landesgericht verfolgen. Während andere führende Sozialdemokraten in der Zeit ihrer Inhaftierung ihre Erinnerungen und Memoiren verfassen, studiert Seitz das Werk von Immanuel Kant und korrespondiert mit Thomas Mann. Am 5. Dezember 1934 wird Seitz aus der Haft entlassen, bleibt aber unter ständiger polizeilicher Bewachung. Seine Spaziergänge durch die Straßen Wiens werden für viele zu einem Symbol des Widerstands und Seitz zu einem lebenden Denkmal zur Erinnerung an die Zeit der Freiheit.

"Einen anderen gibt es nicht"
Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten im März 1938 gehört Karl Seitz zu den Ersten, die verhaftet werden. Bei seiner Verhaftung soll der SS-Gruppenführer Josef Bürckel Seitz gefragt haben: "Sind Sie der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Karl Seitz?" "Nein"! - "Lachhaft, Sie können das doch nicht leugnen!" - "Gar nichts leugne ich." "Wieso?" - "In den paar Worten, die Sie da geredet haben, sind nicht weniger als drei grobe Fehler. Erstens bin ich kein Doktor, sondern ein ganz gewöhnlicher Volksschullehrer, zweitens bin und war ich kein Oberbürgermeister. So etwas gibt es in Deutschland. Hier in Wien haben wir es nur zu einem Bürgermeister gebracht, und der bin ich. Und drittens, Ihr allergrößter Fehler. Ich bin kein ehemaliger, sondern ich bin der legal gewählte Bürgermeister von Wien, und einen anderen gibt es nicht."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-11-12 17:07:06
Letzte Änderung am 2013-11-12 17:40:43


Rohstoffe

Das Gold der Städte

Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen... weiter




Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Parkverbot-Zonen für Leih-Scooter
  2. Der erste Schnee
  3. ÖVP gegen neue Widmungskategorie geförderter Wohnbau
  4. Vom Cabaret zur Systemgastro
  5. Das große Teilen auf der Straße
Meistkommentiert
  1. Shoah-Gedenkmauer fix
  2. Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden
  3. Jetzt schon vorweihnachtlich
  4. Nichts zu machen?
  5. Lichterbaum am Christkindlmarkt

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung