• vom 27.09.2014, 09:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 15.12.2014, 10:11 Uhr

Sexarbeit

Verdrängte Nachteulen




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Von Bettina Figl

  • Durch das Wiener Prostitutionsgesetz hat sich der Straßenstrich an die Peripherie verlagert und ist für die Frauen unsicherer geworden. Erlaubniszonen und Sexboxen sind umstritten.

Sarah in ihrem Zimmer. Sie hat sich für eine Woche in einem Laufhaus eingemietet.

Sarah in ihrem Zimmer. Sie hat sich für eine Woche in einem Laufhaus eingemietet.© Janine Schranz Sarah in ihrem Zimmer. Sie hat sich für eine Woche in einem Laufhaus eingemietet.© Janine Schranz

Wien. Ihre Kollegin hatte gerade einen Kunden, also beugt sich Nati über das Bett, streift das Bettlaken zurecht und stellt das Gleitgel wieder auf seinen Platz. Sie ist Sexarbeiterin, einer ihrer Arbeitsplätze ist ein kleines Bordell in Penzing. In einem der drei Zimmer stellt sie einen Hocker zwischen gynäkologischen Stuhl und Himmelbett, vom Himmel baumeln Handschellen, und nimmt Platz. Früher wollte sie etwas mit Sport oder Kunst machen, doch nach der Lehre heuerte sie als Escort an. Sie sei "immer schon eine Nachteule gewesen", erzählt die 31-Jährige. Inzwischen ist sie seit 11 Jahren im Geschäft, nach wie vor macht sie als Escort Hausbesuche, womit sie sich in einen legalen Graubereich begibt. Ans Aufhören denkt sie nicht, die Arbeit sei ein angenehmer Ausstieg aus dem Alltag, meint sie.

Sie ist eine von 3700 angemeldeten Sexarbeiterinnen in Wien. Dass man sie im Stadtbild kaum noch wahrnimmt, liegt daran, dass Prostitution mit dem Wiener Prostitutionsgesetz 2011 in Wohngebieten verboten wurde. Damit hat die Stadt auf massive Bürgerproteste reagiert. Damals waren Anrainer in der Felberstraße mit Fackeln durch die Straße gezogen oder haben heißes Wasser aus dem Fenster geschüttet.

Information

Buchtipps:
Melissa Gira Grant: "Hure Spielen. Die Arbeit der Sexarbeit." Nautilus Flugschrift, 2014.

Gail Pheterson: "Huren-Stigma. Wie man aus Frauen Huren macht." Galgenberg Verlag, 1990.


Vor zwei Jahren arbeiteten in Wien noch 200 bis 300 Prostituierte auf dem Strich, inzwischen stehen die sie an der Peripherie und sind auf ein Grüppchen von maximal 40 Frauen geschrumpft.


© Janine Schranz © Janine Schranz

Derzeit gibt es in Wien zwei legale Straßenstriche, einen in Floridsdorf und einen in Liesing: In der Brunner Straße im 23. Bezirk stehen beim Lokalaugenschein der "Wiener Zeitung" etwa zwei Dutzend Frauen, ab und zu macht eine von ihnen mit einem kleinen Tanz auf sich aufmerksam.

Seit kurzem stehen Sexarbeiterinnen auch am äußersten Rand des 21. Bezirks in der Einzingergasse, gleich neben der Autobahnabfahrt Strebersdorf. Es sind maximal zehn Frauen, die vereinzelt zwischen Lkw stehen und den vorbeifahrenden Autos winken. Aufgrund fehlender Stundenhotels findet der Sex vermutlich im Auto oder in den Büschen statt. Es ist dunkel, außer einer Tankstelle gibt es weit und breit nichts, und seit 1. September dürfen die Frauen hier nur noch zwischen 22 und 6 Uhr stehen.

Beschwerden in Floridsdorf
"Das ist die beste Lösung für die Bürger, die naheliegende Berufsschule ist natürlich besonders schützenswürdig", sagt Georg Papai, roter Bezirksvorsteher im 21. Bezirk. Zuvor gab es Beschwerden von Pendlern, die auf dem Weg zur S-Bahn von Freiern angesprochen wurden. Von "Frauen, die breitbeinig vom Gehsteig springen", spricht der frühere FPÖ- und BZÖ-Politiker Hans Jörg Schimanek von der Kleinpartei Wiff ("Wir für Floridsdorf"). Schimanek will Prostitution nur hinter geschlossenen Türen dulden und hat eine Unterschriftenliste für ein Verbot von Straßenprostitution ins Leben gerufen, laut Eigenangabe haben 5000 Menschen unterzeichnet.

"Die Anrainer werden ermutigt, Frauen zu fotografieren. Das ist diskriminierend und beleidigend, schadet der Atmosphäre und dem Geschäft", sagt die Sozialarbeiterin Renate Blum von Lefö zu den Hetzkampagnen. Die Streetworker von Lefö sprechen ein- bis zweimal pro Woche mit Frauen, die auf der Straße arbeiten, jährlich führen sie 1700 Gespräche. Doch zu vielen Frauen, die auf der Straße arbeiteten, habe man seit der Einführung des neuen Gesetzes den Kontakt verloren.

Zwar arbeitete immer nur ein kleiner Teil der Frauen auf dem Straßenstrich, der Großteil der Sexarbeit findet aber illegal in Wohnungen oder in legalen Laufhäusern oder Bordellen statt. Bei Letzteren fließen bis zu 50 Prozent der Einnahmen an den Betreiber, im Laufhaus müssen sich die Frauen für mindestens eine Woche einmieten. Daher bevorzugen einige Frauen die Straße, da sie hier am unabhängigsten sind.

Um 40 Prozent mehr Notrufe
Für Blum oder auch die Soziologin Helga Amesberger (siehe Interview) hat die Verdrängung des Straßenstrichs dazu geführt, dass sich die Zahl der Arbeitsplätze vermindert und die Arbeitsbedingungen der Frauen verschlechtert haben. Während für die Frauen der Prater und das Stuwerviertel im 2. Bezirk unkompliziert mit der U-Bahn erreichbar war, sind sie nun von jemandem abhängig, der sie mit dem Auto an den Stadtrand bringt. Es gebe nun 40 Prozent mehr Notrufe aufgrund von gewaltvollen Übergriffen, sagt Christian Knappik. Der Sprecher des Forums Sexworker.at (einem von Sexarbeiterinnen betriebenen Internetforum) fährt Nacht für Nacht Notfallseinsätze und befürchtet, dass die Frauen in der Peripherie im Winter auch zu Niedrigstpreisen in die Autos steigen, da sie sich sonst nirgends aufwärmen können.

Dass hier Verbesserungen nötig sind, ist auch den Verantwortlichen der Stadt bewusst. "Die Situation ist für die Frauen extrem unangenehm, es gibt viel zu wenige sichere Bereiche, da gibt es nichts schönzureden", sagt Birgit Hebein von den Wiener Grünen. In welcher Form Infrastruktur nötig sei, soll in der aus Vertretern der Stadt, NGOs und der Polizei bestehenden Steuerungsgruppe besprochen werden, die die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes seit Einführung beobachtet.

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Dokument erstellt am 2014-09-26 17:50:07
Letzte Änderung am 2014-12-15 10:11:15


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