• vom 01.10.2014, 18:03 Uhr

Stadtpolitik

Update: 01.10.2014, 19:35 Uhr

Islam

"Es gibt keinen moderaten Islam"




  • Artikel
  • Kommentare (37)
  • Lesenswert (171)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Solmaz Khorsand

  • Islamkritiker Hamed Abdel-Samad fordert, dass sich friedliche Muslime der "faschistoiden Kernbotschaft" des Islams stellen.

Salafisten bei einer Koran-Verteilungsaktion im Wuppertal. "Sie bieten Anerkennung und klare Strukturen", so Abdel-Samad. . - © dpa/Henning

Salafisten bei einer Koran-Verteilungsaktion im Wuppertal. "Sie bieten Anerkennung und klare Strukturen", so Abdel-Samad. . © dpa/Henning

Islamkritiker Abdel-Samad: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichtepolitisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet."

Islamkritiker Abdel-Samad: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichtepolitisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet."© Droemer Knaur Islamkritiker Abdel-Samad: "Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichtepolitisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet."© Droemer Knaur

Wien. Hamed Abdel-Samad polarisiert. Für die einen ist der deutsch-ägyptische Islamwissenschafter ein mutiger Islamkritiker, der Dinge beim Namen nennt, für die anderen ein Scharfmacher, der rechten Kreisen mit seinen provokanten Thesen in die Hände spielt. 2013 wurde der streitbare Publizist nach einem Vortrag mit einer sogenannten Fatwa belegt, radikale Islamisten rufen zu seiner Ermordung auf. Seither steht er unter Personenschutz. In seinem aktuellen Buch "Der islamische Faschismus" argumentiert er, dass der Ur-Islam in seinem Kern einen faschistoiden Charakter hat. Heute, Donnerstag, diskutiert er bei den "Wiener Stadtgesprächen" zum Thema "Islam und Westen". Mit der "Wiener Zeitung" sprach Abdel-Samad vorab über die Mär eines moderaten Islams, verdächtige Glaubensgemeinschaften und warum er Europa verlassen will.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Buch werfen Sie die These auf, dass der Islam in seinem Kern faschistisch sei und dass sich Muslime - ähnlich wie die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vom Nationalsozialismus - auch vom Islam emanzipieren müssten. Wie soll diese Emanzipation aussehen?

Information

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 in Kairo als
Sohn eines Imams, trat er 1991 der Muslimbruderschaft bei, von der er sich drei Jahre später abwendete. Heute ist der bekannte Islamkritiker Mitglied der Deutschen Islamkonferenz.


Hamed Abdel-Samad: Der Islam hat einen Geburtsfehler. Er ist sehr früh in seiner Geschichte politisch erfolgreich geworden und hat bereits zu Lebzeiten des Propheten einen Staat gegründet. Das hat keine andere Religion geschaffen. Der Islam ist von Anfang an politisch geworden. Und dabei vermischt sich Politik, Wirtschaft, Kriege und Gewalt mit der Religion. So wurde alles sakralisiert. Das ist das Ur-Problem. Nicht einzelne Passagen.

Also Muslime, die sich als Demokraten bezeichnen, müssten ihre Religion per se ablehnen?

Sie müssen sich von der juristisch-politischen Seite des Islams lösen, denn diese Seite trägt faschistoide Züge. Solange der Islam davon ausgeht, dass Gott der Gesetzgeber ist und seine Gesetze nicht verhandelbar und veränderbar sind, muss ich - wenn ich Demokrat bin - ablehnen, dass Gott der Gesetzgeber ist. Das Christentum und Judentum in Europa haben auch keine Demokratien gestaltet. Sie mussten politisch entmachtet werden, bevor sie unter dem Dach der Demokratie leben konnten. Man kann den Islam politisch entmachten und trotzdem Muslim bleiben.

Um bei Ihrer Parallele zum Faschismus zu bleiben: Sie sagen, den Faschismus besiegte man mit konsequenter Kriegsführung. Die faschistische Ideologie musste erst eine vernichtende militärische und moralische Niederlage erleiden, sodass Widerstand keinen Sinn ergab. Wie soll eine moralische Niederlage bei den Muslimen aussehen?

Das dauert, aber man muss anfangen. Die moralische Niederlage ist nur möglich, wenn man sagt, dass die Idee des politischen Islams, der Scharia und des Kalifats an sich, falsch sind und nicht die Umsetzung von Leuten wie IS und Boko Haram, die den Islam nur falsch umsetzen. Das ist eine gefährliche Formulierung.

Warum? Die Argumentation ist, dass sich diese Gruppen aus dem Koran günstige Passagen zusammenklauben, um so ihre Taten religiös zu legitimieren.

Das stimmt nicht und ist gefährlich. Zu sagen: "Die setzen das nur falsch um" bedeutet, dass es eine Möglichkeit gibt, den Islam richtig umzusetzen. Das ist eine Hintertür für den politischen Islam. Es braucht einen Bruch mit dieser Vorstellung, dass man aus dem Islam heraus Anweisungen für politisches Handeln beziehen kann. Die Geschichte lehrt uns, dass das unmöglich ist. Wann immer sich die Religion in die Politik einmischt, mündet das in politischen und wirtschaftlichen Katastrophen.

Inwiefern unterscheidet sich der Ex-Muslimbruder Hamed Abdel-Samad vom heutigen Islamkritiker Hamed Abdel-Samad? Beide sprechen von dem einen wahren Islam.

Nicht ich gehe davon aus, sondern die Texte des Korans und die islamische Geschichte sagen das. Dass es ein paar kluge Theologen gibt, die etwas Modernes und Säkulares im Islam sehen wollen, ist lobenswert und kreativ, aber es ist eigentlich eine Umgehung der Kernbotschaft des Islams. Die Kernbotschaft ist, dass die Menschen Gott dienen und seine Gesetze auf Erden vollenden sollen. Natürlich gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschen im Irak oder in Syrien, der Ungläubigen den Kopf abschneidet, und einem Vater in Wien oder Berlin, der seine Tochter zwingt, ein Kopftuch zu tragen. Aber beide handeln aus dem Motiv heraus, sich Gottes Willen zu beugen, und ich habe als Mensch keine andere Wahl als Gottes Willen zu vollstrecken und da liegt das Problem.

Einen moderaten Islam gibt es Ihrer Meinung nach nicht?

Das ist eine Erfindung. Der Islam hat den Anspruch das Leben eines Muslims zu regulieren, von dem Moment an, wo er aufwacht, bis hin zum Moment, wo er zu Bett geht. Wenn man sagt, es gibt einen moderaten Islam, der auf den Dschihad, auf die Scharia, auf Geschlechterapartheid und die Durchregulierung des Alltags verzichtet, was bleibt dann vom Islam übrig? Es gibt moderate Muslime, aber keinen moderaten Islam. Sie sind dann nicht wegen des Islams, sondern trotz des Islams moderat.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




37 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-01 17:56:09
Letzte Änderung am 2014-10-01 19:35:33


Rohstoffe

Das Gold der Städte

Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen... weiter




Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein Hochsee-Dampfer vor Anker in Wien
  2. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  3. "Machbares vom Nötigen unterscheiden"
  4. Haus in Ottakring geräumt
  5. Wiederkehr zum Landessprecher gewählt
Meistkommentiert
  1. "Die FPÖ ist eine rassistische Partei"
  2. Birgit Hebein ist die neue Nummer 1
  3. Debatte um Zukunft der Zweierlinie
  4. 50 Euro für Schlafsack und eine warme Mahlzeit
  5. Die Aufgabenliste für die Wiener Grünen

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung