• vom 04.12.2014, 07:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 04.12.2014, 11:38 Uhr

Kopftuch

"Politik auf den Köpfen von Frauen"




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Von Momcilo Nikolic und Conny Sellner

  • Nach Angriffen auf Muslimas in Favoriten, in der U-Bahn oder auf der Straße erzählen eine Frau und ein Mädchen, warum sie sich entschlossen haben, ein Kopftuch zu tragen.

"Schläfst du damit? Trägst du es daheim? Wie sieht es mit Sport aus?" Das sind die harmloseren Fragen, mit denen Muslimas oft konfrontiert sind. - © corbis/Pete Saloutos

"Schläfst du damit? Trägst du es daheim? Wie sieht es mit Sport aus?" Das sind die harmloseren Fragen, mit denen Muslimas oft konfrontiert sind. © corbis/Pete Saloutos

Wien. Man sitzt in einer U-Bahn und lauscht dem einschläfernden Geräusch des fahrenden Zuges. Die meisten Menschen bleiben für sich allein, spielen mit dem Telefon, lesen ein Buch oder sehen einfach gelangweilt aus dem Fenster. So auch Menerva Hammad, als zwei betrunkene Männer einsteigen und sich gezielt zu ihr setzen. Lauthals fangen sie an, darüber zu fantasieren, wie es einmal wäre, eine muslimische Frau zu vergewaltigen.

Eine individuelle Entscheidung sei das Tragen des Kopftuches, darauf beharrt auch die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich.

Eine individuelle Entscheidung sei das Tragen des Kopftuches, darauf beharrt auch die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich.© apa/Herbert P. Oczeret Eine individuelle Entscheidung sei das Tragen des Kopftuches, darauf beharrt auch die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich.© apa/Herbert P. Oczeret

Menerva Hammad ist 25 Jahre alt, ägyptischer Abstammung und hat Publizistik studiert. Mit 18 hat sie entschieden, ein Kopftuch zu tragen, und ist seitdem immer wieder Ziel von Aggression oder Unverständnis. Einmal wurde sie angespuckt: "Das Schlimmste war dabei die Demütigung, die du spürst. Andererseits war ich dann froh, als mir ein Österreicher ein Taschentuch zugesteckt hat." Als sich vor knapp vier Wochen die beiden Betrunkenen zu Menerva gesetzt hatten und sie eine Salafistin nannten, versuchte die Akademikerin der Situation zu entkommen. "Ich dachte mir, ich bin keine Salafistin und wollte mich woanders hinsetzen. Sie folgten mir, doch mein Glück war, dass ein Bekannter einstieg. Dann gaben sie Ruhe, denn mein Bekannter sieht aus wie ein Kasten."


Die Muslima wurde zwar islamisch erzogen, aber das Kopftuch sei erst auf Nachfrage einer Schulkollegin zum Thema geworden. "Mich hat geärgert, dass ich nicht viel über diese Thematik wusste, und so habe ich begonnen zu recherchieren", erzählt sie. Im Verlauf der Nachforschungen gelangte Menerva zur Ansicht, dass sie die Kontrolle darüber habe, wer was von ihr sehen durfte. "Das, was man zum Kommunizieren braucht, sieht man sowieso."

Auch Meryem (Name von der Redaktion geändert), elf Jahre alt, trägt ein Kopftuch. Den Entschluss dazu fasste sie vergangenen Sommer: "Bereits früher wollte ich eines tragen und habe immer mit Tüchern experimentiert. Ich fand es einfach schön. Meine Eltern waren zu Beginn dagegen und meinten, ich sei für eine solche Entscheidung zu jung. Ich solle mir Zeit lassen. Diesen Sommer habe ich mich endlich durchgesetzt."

Auch Menervas Mutter war gegen das Kopftuch: "Mit 18 bin ich in Ägypten an einem Tüchergeschäft vorbeigekommen. Dort habe ich gleich 25 davon gekauft, weil sie mir gefallen haben. Ich habe vorab mit niemandem darüber gesprochen, damit es mir niemand ausredet. Als mich meine Mutter das erste Mal mit Kopftuch sah, hat sie mich nicht erkannt und wollte, dass ich es abnehme. Ein Jahr später folgte sie aber meinem Beispiel." Bei Meryem dominierte dagegen die Überraschung. "Manche Mitschüler haben mich direkt angesprochen, andere tuschelten darüber. Meine besten Freunde haben Zeit gebraucht, sich an mein verändertes Äußeres zu gewöhnen, sind aber noch immer mit mir befreundet, weil sie mich mögen. Ihnen ist egal, wie meine ‚Verpackung‘ ist."

"Kein Zwang"
Die anfänglichen Ressentiments von Menervas Mutter gegen das Kopftuch lagen in der Sorge um ihre Tochter begründet: "Sie hatte Angst, dass ich diskriminiert werde und es schwer bei der Jobsuche hätte. Aber Zwang war bei uns nie ein Thema. Ich wurde noch nie zu etwas gezwungen. Ebenso wenig meine Brüder." Auch Meryems Eltern fürchteten, dass sich ihre Tochter mit dem Tragen des Kopftuchs Angriffen aussetzen könnte. Doch die Schülerin erklärte ihren Eltern, warum sie sich mit Kopfbedeckung wohler fühlt. "Weil es mich ausmacht und zu mir gehört. Ich fühle mich damit frei, geborgen, beschützt und reifer." Die Eltern Meryems denken dennoch, dass sich ihre Tochter mit dem Kopftuch in der Öffentlichkeit einer größeren Gefahr aussetzt. Sie muss nach der Schule sofort heimkommen und darf nur in Begleitung einkaufen gehen.

Muslima und Österreicherin
Das Kopftuch wird bei muslimischen Frauen zum Thema, wenn sie die Geschlechtsreife erreichen. "Ja, aber man muss es auch wirklich wollen. Wenn ich ein Kopftuch trage, nur weil es ein Mann will, dann ist es umsonst. Und eins ist auch wichtig: Nur weil man ein Kopftuch trägt oder einen Bart im Gesicht hat, heißt das nicht, dass man ein guter Moslem ist", stellt Menerva klar. Die 25-Jährige hat die vergangenen 23 Jahre in Österreich verbracht. Seitdem sie denken kann, stand sie immer unter Druck, sich beweisen zu müssen. "Ich war ja immer das ,Mulattenkind‘ oder das ,kleine Negerlein‘." Durch die häufige Diskriminierung strebe man nach dem Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Es gehe um Identität und Zugehörigkeit. "Ich besaß zwei Identitäten, die ich nicht zur gleichen Zeit pflegen konnte. Später habe ich mir gedacht, dass ich ja muslimische Austro-Ägypterin sein könnte. Das widerspricht sich nicht. Man kann Muslima und Österreicherin sein."

"Gehören Sie zum IS?"
Das steigende Unverständnis gegen Muslime in Wien begegnet Menerva immer sachlich. "Lautes Brüllen bringt nichts. Als mich neulich eine Frau fragte, ob ich dem IS angehöre, habe ich sie gefragt, wieso sie das glaube. Sie hat es nicht böse gemeint und antwortete, weil ich ein Kopftuch trage. Ich habe ihr dann gesagt, dass die zwei Wiener Mädchen, die zum IS gegangen sind, keine Kopftücher getragen haben. Sie waren nicht mal Muslimas. Das hat sie eingesehen. Ich sage auch oft, dass sich auch Nonnen verhüllen und Verhüllung in der Orthodoxie und im Judentum auch ein Bestandteil ist. Das bringt Menschen oft zum Nachdenken."

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Dokument erstellt am 2014-12-03 18:02:13
Letzte Änderung am 2014-12-04 11:38:21



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