• vom 07.01.2016, 19:28 Uhr

Stadtpolitik


Migration

Gefängnis Europa




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Von Valentine Auer

  • Abseits von platten Parolen bieten zwei Autorinnen Einblick in den Zusammenhang zwischen Migration und Gefängnissen.



Wien. "Ich spreche immer von zwei Gefängnissen, vom kleinen und vom großen Gefängnis. Ins kleine Gefängnis kommt man, wenn man Dummheiten macht, man findet sich dort, um dafür zu zahlen. Das große Gefängnis, das ist vor allem für Sans Papiers und Harraga (Einwanderungswillige aus Nordafrika, Anm.) ganz Europa. Meine Frage lautet: In welchem der beiden Gefängnisse lebt es sich schwieriger?" Diese Frage stellt Simo Kader in einem Gespräch mit Simon S. Beide sind Migranten aus Afrika. Kader ist seit zehn Jahren in Europa. Aufenthaltstitel hat er nach wie vor keinen. Mit ein Grund dafür: Er hat etwa sechs Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht.

Übersetzerin und Aktivistin Birgit Mennel sowie Politikwissenschafterin Monika Mokre verbinden im gemeinsam herausgebrachten Sammelband "Das große Gefängnis" die zwei Themenkomplexe Migration und Gefängnis - und das abseits von Stammtischparolen à la "Ausländer sind alle kriminell". Vielmehr bewegen sich die Beiträge um die These, dass die Rahmenbedingungen des großen Gefängnisses - also jene Rahmenbedingungen, die Migranten in Europa vorfinden - eine Basis sein können, um im kleinen Gefängnis zu landen.


Die Stimmen, die sich dazu äußern, könnten unterschiedlicher nicht sein: So verstrickt das Werk theoretische Annäherungen mit Erfahrungsberichten von Betroffen und mit gesellschaftskritischen Betrachtungen aus der Perspektive politischer Aktivisten. Bereits veröffentlichte Texte reihen sich ein in erstmals publizierten Gespräche und erhalten so ein neues Gewand. Auch hinsichtlich der anhaltenden politischen, medialen, aber auch (zivil-)gesellschaftlichen Asyldebatten ist das Thema brandaktuell und schafft so einen erweiterten Rahmen.

Die Verbindung Migration und Kriminalität ist keineswegs neuartig. Der älteste Text des Sammelbandes stammt von Félix Guattari aus dem Jahr 1976. Er zeigte damals auf, dass die Gefängnisse als geeignete Institution geführt werden, welche das "Andere" nicht nur registrieren, sondern auch kontrollieren können. Die Schuld immigrierter Personen basiere weniger in den kriminellen Handlungen, sondern "auf ihr Sein als solches". So ist es gerade einer der Verdienste des Buches, den Glauben daran, dass das Gefängnis immer mit Kriminalität einhergeht, zu entlarven - vor allem im Bereich der Migration.

Der Philosoph Pierre Tevanian und der Soziologe Abdelmalek Sayad sprechen diesbezüglich von "Hyperkorrektheit". Es wird "mit zweierlei Maß" gemessen, wenn es um das geht, was in den europäischen Nationalstaaten als korrektes Verhalten verstanden wird.

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Dokument erstellt am 2016-01-07 17:35:04



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