• vom 23.02.2016, 18:42 Uhr

Stadtpolitik

Update: 24.02.2016, 06:37 Uhr

Semmelweis-Areal

"A Raubersg’schicht"




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (24)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Michael Häupl nahm erstmals zu den Vorwürfen Stellung - Die Opposition schaltet den Stadtrechnungshof ein.

Eine Eliteschule befindet sich derzeit in drei der historischen Semmelweis-Pavillons. Danach könnten Wohnungen entstehen.

Eine Eliteschule befindet sich derzeit in drei der historischen Semmelweis-Pavillons. Danach könnten Wohnungen entstehen.© Luiza Puiu Eine Eliteschule befindet sich derzeit in drei der historischen Semmelweis-Pavillons. Danach könnten Wohnungen entstehen.© Luiza Puiu

Wien. (red) Mehr als eine Woche lang hat Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) zu den undurchsichtigen Vorgängen im Fall Semmelweis geschwiegen. In der Gemeinderatssitzung am Dienstag musste er nun Rede und Antwort stehen. Er bezeichnete die Zeitungsartikel dazu als "Raubersg’schicht".

Die Geschichte: Wie die "Wiener Zeitung" berichtete, wurden die drei historischen Pavillons auf dem Semmelweis-Areal von der Stadt um 14,2 Millionen, und damit unter dem tatsächlichen Wert verkauft. Das bestätigte man auch im Büro des Wohnbaustadtrats Michael Ludwig (SPÖ). Der Gutachter, der den Kaufpreis ermittelte, erstand ein dreistöckiges Zinshaus auf dem Areal um 500.000 Euro, ein paar Monate vor dem Deal. "Es gibt kein Zinshaus um 500.000 Euro in Wien", sagte dazu ein Immobilienentwickler zur "Wiener Zeitung".


Die drei Pavillons wurden an zwei verschiedenen Zeitpunkten an eine Investorengruppe rund um den neuseeländischen Milliardär Richard Chandler und den Immobilienentwickler Peter Nikolaus Lengersdorff veräußert, der sogar eine privat platzierte Anleihe dafür verkaufte.

Die Investorengruppe errichtete daraufhin die Eliteschule "Amadeus Vienna" - jährliche Schulgebühren bis zu 43.000 Euro. Häupl sprach nach dem Verkauf von einem "Vorzeigeprojekt".

Nach dem Erwerb des ersten Pavillons kündigten die Investoren Jürgen Kremb, den Ideengeber der Schule. Die Investoren hätten kein Interesse an der Schule und wollen daraus langfristig Luxusimmobilien machen, begründete Kremb seinen Rauswurf. Außerdem wollten ihn die Investoren nach eigenen Aussagen bestechen - es gilt die Unschuldsvermutung.

Davon wollte bei der gestrigen Gemeinderatssitzung niemand etwas wissen. Zur Ankündigung von Lengersdorff in der "Wiener Zeitung", die Immobilie weiter zu veräußern, sagte Häupl nichts. Er erklärte aber, dass die Amadeus Vienna vertraglich dazu verpflichtet sei, "bis Ende Juni 2027 den Vertragsgegenstand ausschließlich zu Bildungszwecken und kulturellen Zwecken zu nutzen." Doch grundsätzlich ist der Bereich der Pavillons bereits als Bauland, Wohngebiet mit Bauklasse 3 und mit offener Bauweise, ausgewiesen.

"Es obliegt dem Grundeigentümer in welcher Form und in welchem Ausmaß bei einer entsprechenden Nachnutzung die zum Zeitpunkt der Beschlussfassung des Plandokumentes angestrebte öffentliche Nutzung weiterhin gewährleistet werden soll", so diese Bestimmungen. Auch laut den Grünen ist eine Widmung im Jahr 2027 gar nicht notwendig. Das Areal ist bereits jetzt auf Wohnen gewidmet.

Dabei soll, so Kremb, die Gemeinde Wien über die Absichten der Investoren von ihm vorgewarnt worden sein. Kremb hat eigenen Aussagen zufolge Häupl in einem Brief über dubiose Vorgänge rund um die Amadeus-Schule informiert. Die Investoren seien nicht an einem Schulprojekt interessiert, hatte er den Bürgermeister gewarnt.

Eine Angelegenheit der Schule
Im Gemeinderat sagte Häupl, dass er den Brief erhalten habe, aber die Argumente von Kremb nicht nachvollziehen konnte. Außerdem sei es nicht die Angelegenheit der Stadt Wien zu prüfen, was hinter privaten Mauern der Schule passiert. Er könne und wolle als Bürgermeister nicht Einfluss auf private Unternehmungen und deren Entscheidungen nehmen, sagte er.

Die zwei weiteren Pavillons wurden - nach den brieflichen Hinweisen von Kremb - an die Schule verkauft. Doch die Schule kämpft auch drei Jahre später mit Schwierigkeiten. Die Schülerzahlen sind weiterhin gering und nur zwei der Pavillons wurden bislang renoviert. Der dritte ist leer und heruntergekommen.

Der Bürgermeister steht jedoch weiterhin hinter der Eliteschule. "Ich wünsche mir nach wie vor, dass die Musikschule funktioniert", sagte er. Er räumte aber ein, dass das "angestrebte Ziel" noch nicht erreicht worden sei. Es war abzusehen, dass die Schule in Schwierigkeiten gerät, wenn Kremb nicht mehr an Bord ist, erklärte Häupl.

Zum Verdacht der Opposition, dass der Erfolg der Schule nicht von Interesse sei, sagte Häupl: "Bekanntlich ist die Schule in Betrieb." Aufhorchen ließ der Bürgermeister damit, dass die Amadeus-Schule auch die restlichen Semmelweis-Pavillons bekommen könnte. "Für den Fall, dass es funktioniert, können wir über weitere Liegenschaften reden." Fix sei aber noch nichts. "Ich weiß zur Stunde nicht, was der endgültige Plan dort sein wird. Wir haben ja noch Zeit."

Wie die "Wiener Zeitung" berichtete, ist rund um die Privatisierung auf dem Semmelweis-Areal auch der Verdacht auf Geldwäsche laut geworden. In Dokumenten aus europäischen Geheimdienstkreisen taucht der Amadeus-Schule-Investor Richard Chandler auf, der wegen seiner früheren Milliarden-Investitionen bei der russischen Gazprom und der Sberbank ins Fadenkreuz geriet. Chandlers Holding, derzeit Clermont Group genannt, sitzt in Singapur.

Häupl sagte dazu, dass er zu dem Verdacht der Geldwäsche keinerlei Hinweise bekommen habe. Er habe schließlich keine Kontakte zu Geheimdiensten: "Ich bin kein Agent", erklärte der Bürgermeister. "Ich hatte 2012 keine Kenntnis über den Investor." Zu den Vorwürfen der Geldwäsche sagte Häupl: "Die behaupteten Umstände waren nicht bekannt und betreffen in keinerlei Weise den eigenen Wirkungsbereich der Gemeinde."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-02-23 18:47:05
Letzte Änderung am 2016-02-24 06:37:33



Rohstoffe

Das Gold der Städte

Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen... weiter




Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Offenbar kein verpflichtender Abbiegeassistent
  2. Teure Schulen
  3. Tiergarten Schönbrunn räumt bei Giant Panda Global Awards ab
  4. Rückstau in den Bezirksgerichten
  5. "Milli Görüs ist extrem anti-integrativ"
Meistkommentiert
  1. Offenbar kein verpflichtender Abbiegeassistent
  2. "Milli Görüs ist extrem anti-integrativ"
  3. Mehr Sicherheit vor Schulen
  4. Neos fordern 13,8 Millionen Euro für sicherere Schulwege
  5. Rechnungshof kritisiert zu teure Poller

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung