• vom 14.04.2016, 17:17 Uhr

Stadtpolitik

Update: 14.04.2016, 17:49 Uhr

Ärztekammer

Hausarzt oder Zentrum?




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Von Ina Weber

  • Wiener Pilotprojekt der Erstversorgungszentren läuft für die Wiener Ärztekammer gut - beim neuen Gesetz ist sie skeptisch.

- © apa/Fohringer

© apa/Fohringer

Wien. Die Österreicher bestehen auf ihren Hausarzt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die die Ärztekammer für Wien im März in Auftrag gegeben hat und gestern, Donnerstag, präsentierte. 79 Prozent der Befragten stimmten zu, dass sich "der klassische Hausarzt in Österreich" gut bewährt hat und "unbedingt erhalten bleiben" sollte.

Hintergrund der Umfrage ist die Sorge der Ärztekammer, dass das derzeit in Verhandlung befindende neue Gesetz der Erstversorgung, auch PHC-Gesetz (Primary Health Care, also Erstversorgung) genannt, negative Auswirkungen auf das persönliche Hausarzt-System haben könnte. Die Kammer stößt sich bekanntlich seit jeher am Vorhaben des Bundes, dann Direktverträge mit den sogenannten PHC-Ärzten abzuschließen anstatt eine Eingliederung in den bereits bestehenden Ärztekollektivvertrag vorzunehmen.

Für den Kammervizepräsidenten Johannes Steinhart ist das Ergebnis der Umfrage ein Auftrag, weiterhin gegen das geplante Gesetz des Bundes vorzugehen: "Ich frage mich, wie man ein solches Ergebnis ignorieren kann." Immerhin sind 40 Prozent der Befragten mit dem österreichischen Gesundheitssystem unzufrieden. 72 Prozent davon geben auch der Bundesregierung die Schuld dafür. 48 Prozent sehen das System in eine richtige Richtung gehen.

"Die Umfrage ist nicht nur Lobhudelei, sondern auch ein kritischer Blick auf die Ärztekammer", sagte Peter Hajek von Public Opinion Strategies. Immerhin sagen 45 Prozent, dass die Ärztekammer schuld an den Negativentwicklungen im Gesundheitssystem ist. "Das ist ein Handlungsauftrag", so Steinhart. Wobei er den Wert so interpretierte: "Wenn wir Kritik einbringen, werden wir ja oft geradezu stigmatisiert." Den Ärzten selbst geben übrigens nur 18 Prozent der Umfrageteilnehmer die Schuld.

Dass das neue PHC-Gesetz den Hausarzt ja nicht abschaffe, wollte Steinhart so nicht sehen. Denn "hinter den Kulissen" werde sehr wohl darüber gesprochen, dass es nur noch Primärversorgungszentren geben solle, sagte er. "Es wird nur noch von Primäranbietern anstatt von Ärzten gesprochen", so der Vizepräsident.

Die Mehrheit weiß nicht, was ein PHC-Zentrum ist

Modelle wie das Wiener Pilotprojekt "PHC Medizin Mariahilf" auf Basis des Gruppenpraxenvertrages unterstützt die Ärztekammer hingegen. "Das funktioniert." "Die Zukunft der Vesorgung ist, dass man sämtliche Möglichkeiten der organisatorischen Gestaltung anbietet", sagte Steinhart zur "Wiener Zeitung". "Es wird Patienten geben, die lieber in eine Einzelordination gehen, andere wiederum haben nichts gegen eine Gruppenpraxis." Man könne Einzelordinationen untereinander vernetzen, Gruppenpraxen gestalten, Einzelordinationen mit Gruppenpraxen vernetzen - "und auf dieser Ebene kann man auch PHC gestalten", so Steinhart. Der Vorteil für die Patienten sei es, dass der Zusammenschluss von ein paar Ärzten, längere Öffnungszeiten möglich macht. Die könne ein einzelner Hausarzt nicht anbieten.

Bei der Umfrage ließ die Kammer auch die Bekanntheit dieser PHC-Zentren testen. 64 Prozent der Befragten wissen nicht, was ein Primary Health Care Center also ein Erstversorgungszentrum ist. "Es ist also noch nicht klar, wohin die Reise geht", fügte Hajek hinzu. Lediglich 36 Prozent können mit dem Begriff etwas anfangen und glauben zu wissen, was ein Erstversorgungszentrum ist. "Ob ein solches Zentrum eine gute Alternative zum bestehenden Hausarztsystem ist, wissen die Patienten aber auch nicht so recht." Bei einer älteren Umfrage konnten erst 17 Prozent der Befragten etwas damit anfangen.

Grundsätzlich zeigten sich die Befragten aber mehrheitlich zufrieden, was Öffnungs- und Wartezeiten anbelangt. Überwiegend negative Beurteilungen gab es hier allerdings bei Wartezeiten in Ambulanzen und auf Operationstermine. Außerdem wünscht man sich offenbar mehr Budget für das Gesundheitssystem, mehr Ärzte - auch hier sieht sich die Kammer bestätigt - und eine höhere Berücksichtigung der Meinung von Ärzten im Zusammenhang mit gesundheitspolitischen Entscheidungen.

"Die Politik ist nun sofort gefordert, in Gesundheitsfragen nicht mehr auf Preis und Profit, sondern auf Arzt und Patient zu hören", fasst Steinhart zusammen. Auch einen Ärztemangel gaben die Österreicher an. Bereits 81 Prozent der Befragten finden, dass man in Österreich mehr Allgemeinmediziner und Fachärzte benötigt.

Die Ärztekammer hält an ihrem Konzept "Das Team rund um den Hausarzt" fest und betonte, sich auch weiterhin für eine Etablierung weiterer Pilotprojekte einsetzen zu wollen. Es gibt in Wien bereits zehn weitere allgemeinmedizinische Gruppenpraxen, die sich für ein Projekt wie das "PHC Medizin Mariahilf" eignen würden, hieß es. Steinhart: Ganz entscheidend für jedes Pilotprojekt sei aber, dass es im Rahmen des Gesamtvertrags zwischen Ärztekammer und Gebietskrankenkasse vereinbart werde. Eine Übernahme von PHC-Zentren durch Investoren und Konzerne komme nicht in Frage.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-14 17:20:05
Letzte Änderung am 2016-04-14 17:49:32


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