• vom 30.08.2016, 16:03 Uhr

Stadtpolitik

Update: 30.08.2016, 20:34 Uhr

Integration

Als Araber lernt sich Tirolerisch leichter




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Von Teresa Reiter aus Alpbach

  • Der Sender Refugee TV wird von Flüchtlingen gestaltet und ist auf dem Forum Alpbach vertreten.

Arman Niamat Ullah (rechts) und Sobhi Aksh berichten über das Forum Alpbach. - © Luiza Puiu

Arman Niamat Ullah (rechts) und Sobhi Aksh berichten über das Forum Alpbach. © Luiza Puiu

Alpbach. Das Europäische Forum Alpbach ist ja ohnehin ein wiederholter Kulturschock für die meisten seiner Besucher. Die Kalenderblattkulisse der Tiroler Berge, das schwere Essen und die vielen Balkonblumen sind nur die Oberfläche eines ab und zu surreal anmutenden Mikrokosmos in den Alpen, der jedes Jahr die Denker und Wirtschaftsbosse mit einem wilden Haufen Stipendiaten in Alpbach vereint. So oft kann man gar nicht hinfahren, dass man sich nicht trotzdem wundert, wenn Männer und Frauen im Business casual sich schwankend an der Bar über die Weltpolitik und Tiroler Gröstl unterhalten und irgendwer ein Regierungsmitglied mit "Du, Herr Bundesminister" anspricht. In diese Welt der fortwährenden Konträrfaszination wagten sich am vergangenen Wochenende auch Arman Niamat Ullah und Sobhi Aksh vor. Die beiden kommen aus Afghanistan und Syrien und arbeiten für Refugee TV, einen TV-Sender, der von Flüchtlingen gestaltet wird. Gemeinsam mit einem deutsch-österreichischen Filmteam waren die Reporter unterwegs, um die Essenz von Alpbach in sich aufzusaugen.

"Super", sagt Arman auf die Frage nach seinem ersten Eindruck vom Denkerberg. Er freue sich schon auf später, wenn Außenminister Kurz endlich käme. "Der ist gar nicht so kurz, der ist doch so ein Lulatsch! Wieso heißt denn der Kurz?", zwinkert er schelmisch. Berührungsängste hat Arman trotz ungewohnter Umgebung keine. Er wolle den Außenminister fragen, wie er sich das vorstellt, dass Australien Vorbild für die österreichische Flüchtlingspolitik sein könne. "Es gibt doch hier keine Insel!", ruft er, als wäre er gerade an der Pointe eines guten Witzes angelangt.

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Auf dem Volksfest in afghanischer Tracht
Den Kulturschock hat er mit Flucht nach vorne abgefangen. Gleich am ersten Abend warf er sich in seine afghanische Tracht und die beiden Reporter zogen los, um auf einem Blasmusikfest in Inneralpbach die Menschen das Fürchten zu lehren. "Er sah voll islamisch aus", sagt Sohi über seinen Kollegen. Klar seien sie komisch angeschaut worden. "Das war eben ein Volksfest und ich wollte gerne meine Tracht anziehen, damit wir ein bisschen vergleichen können." In Sakko und langem weißen Gewand darunter, mischte er sich darum unter die Tiroler. Man hätte ihn viel über seine Kleidung gefragt und er hätte gerne Auskunft gegeben. Und auch die Tiroler Tracht gefalle ihm sehr gut.



Insgesamt war der Kulturschock dann wohl doch gar nicht so groß, denn man habe sie überall mit offenen Armen empfangen und die Tiroler Kultur sei eher interessant als verwirrend gewesen. Dass beiden aber am Forum Alpbach so gar nichts eigenartig vorkommt, ist verdächtig. Achja, da ist doch noch was. Die Aussprache der Tiroler, sagt Sobhi. "Sie machen immer dieses ,Chhhrrr‘, egal was sie sagen." Er habe immer versucht, wie die "normalen Österreicher" zu reden, aber der Tiroler Kehllaut sei eigentlich näher am Arabischen. "Die Araber können sicher leichter Tirolerisch lernen, weil die sprechen das auch so aus", lacht er. Die Anekdote wirkt ein bisschen symptomatisch für die gesamte Alpbach-Erfahrung der beiden. Sie sind nicht fremder als alle anderen, die einmal im Jahr in dem kleinen Dorf zusammenkommen, um zu diskutieren, zu netzwerken, neue Freunde zu finden und alte Freunde wiederzusehen.

Mitreden bei Flüchtlingsthemen

Franz Fischler haben sie getroffen und Ulrike Lunacek. Besonders die grüne EU-Parlamentarierin hat es den beiden angetan. Sie sei nicht wie der "typische EU-Politiker", sondern viel freundlicher und vor allem verständnisvoller gegenüber den Flüchtlingen. Aber auch die Dorfbewohner seien ihnen gegenüber sehr offen gewesen. "Vielleicht ist das hier ein besonderer Ort, weil die Leute durch das Forum an Ausländer gewöhnt sind", sagt Arman. Aber sie wissen auch, dass in Alpbach keine Flüchtlinge untergebracht sind. In der Nähe gebe es zwar schon Quartiere, aber direkt hier nicht. Und auch wenn im Zuge des Forums immer wieder die Sprache auf die Flüchtlingskrise kommt und allen noch das eisige Gefühl vom letzten Jahr in Erinnerung ist, als die Meldung über die 71 Toten im Kühlwagen kam, wird hier sehr viel mehr über Flüchtlinge gesprochen als mit ihnen.

Sohi und Arman sind zwei der ersten, die hier mitreden durften und zumindest kritische Fragen stellen durften. Auch unter den Stipendiaten finden sich ein paar der neuesten Bewohner Österreichs. Vielleicht werden im nächsten Jahr einige Menschen mit Fluchterfahrung auf die Panels eingeladen. Bis dahin kann man sich die Erfahrungen, die Arman und Sobhi am Berg gemacht haben, auf ihrer Website ansehen oder die Reporter im Zuge der Wienwoche bei einem Filmworkshop besuchen. Und auch künftig ist von beiden wohl noch einiges zu erwarten. Sie wollen weiter Filme machen, Geschichten erzählen. Wichtige, wie die vom Forum Alpbach und wirklich wichtige, wie die von ihren Heimatländern, von Familien, Ängsten, Träumen, vom Weggehen und Ankommen und dem Rest der Welt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-30 16:08:08
Letzte Änderung am 2016-08-30 20:34:58


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