• vom 08.11.2016, 17:15 Uhr

Stadtpolitik

Update: 09.11.2016, 11:43 Uhr

Fachkräftemangel

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    Wien. "Herr Hassan Ghasemi hat sich bei uns als Kochlehrling beworben. Zu dem Zeitpunkt wussten wir gar nicht, dass er Flüchtling war. Seine Selbstsicherheit und Leidenschaft für den Lehrberuf haben unseren Küchenchef und mich aber wahnsinnig beeindruckt", erzählt Doris Schweng, Personalmanagerin bei den Schick Hotels Wien, über den 20-jährigen afghanischen Flüchtling, der bereits im zweiten Lehrjahr im Wiener Hotel Stefanie den Beruf Koch erlernt.

    Der junge Afghane ist 2012 als Flüchtling alleine nach Österreich gekommen. Dass er eine Lehre in Wien macht, ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Obwohl es mittlerweile in vielen Branchen genug Lehrstellen gibt, gestaltet sich die Besetzung immer schwieriger. Hier sieht die Wirtschaft eine Chance bei jungen Migranten und Flüchtlingen.

    Fachkräftemangel lindern

    Die Wirtschaftskammer Wien klagt seit Jahren über einen eklatanten Mangel an Lehrstellensuchenden, insbesondere in der Gastronomie oder in einigen traditionellen Handwerksberufen. Aus diesem Grund stellte die Wirtschaftskammer im vergangenen Jahr das Pilotprojekt "Überregionale Lehrstellenvermittlung" vor, das sich insbesondere an junge Flüchtlinge wendet, die einen Lehrberuf ergreifen wollen. In Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium, dem Sozialministerium und dem AMS möchte die Wirtschaftskammer den Fachkräftemangel lindern, aber auch die Binnenmobilität der Lehrstellensuchenden verbessern.

    Im Rahmen des Pilotprojekts wird 100 jugendlichen anerkannten Flüchtlingen die Möglichkeit gegeben, die berufliche Perspektive in einem Mangelberuf zu bekommen. Den Jugendlichen steht dabei ein Lehrlingscoach zur Seite, der auch den Betrieb dafür vorbereitet, einen jungen Flüchtling auszubilden. Das Pilotprojekt ist nur eine der Maßnahmen der Wiener und österreichischen Wirtschaft, das Potenzial der migrantischen Arbeitnehmer in Österreich zu steigern.

    Im Rahmen des 2008 ins Leben gerufenen Mentoring-Programms für Migranten, das die WKO zusammen mit dem Integrationsfonds und dem AMS durchführt, nahmen österreichweit mehr als 1500 junge Migranten teil. Seit 2015 wird aber im Rahmen dieses Programms ein besonderer Schwerpunkt auf Flüchtlinge gelegt. Das Programm wird auch im nächsten Jahr fortgesetzt.

    Gut aufgenommen

    "Für eine gelungene Integration von Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund ist eine erfolgreiche Eingliederung in den Arbeitsmarkt eine zentrale Voraussetzung. Qualifizierte Migranten sind zudem ein wichtiges Arbeitskräftepotenzial für die heimische Wirtschaft - vor allem, weil es in etlichen Branchen und Regionen trotz hoher Arbeitslosigkeit schwierig ist, offene Jobs und Lehrstellen zu besetzen", sagt auch Anna Maria Hochhauser, WKO-Generalsekretärin.

    Hassan Ghasemi fühlt sich in seinem Lehrbetrieb sehr wohl. "Hier haben sie mich vom ersten Tag sehr gut aufgenommen. Ich war jetzt drei Wochen im Krankenstand, weil ich mich beim Fußballspielen verletzt habe. Nach meiner Rückkehr an die Arbeit teilten mich die Kollegen in die Frühschicht ein, weil ich morgens nicht so starke Schmerzen habe wie am Abend", berichtet der 20-Jährige über kollegiale Beziehungen in seinem Lehrbetrieb. Dort arbeitet er vier Tage in der Woche, einen Tag besucht er den Unterricht in der Berufsschule.

    Die Leidenschaft für den Kochberuf bringt er aus Afghanistan mit: Dort arbeitete er sogar als Minderjähriger in einem Hotel. Nachdem er nach Österreich gekommen war, wollte Hassan weiter lernen: Nach einem Jahr Hauptschule versuchte er, einige Wochen als Lehrling in einem Tischlerbetrieb sowie in einem Altersheim zu arbeiten.

    Dann überwog doch die Liebe zum Kochberuf. Von seinem Engagement konnte er das Management der Schick Hotels überzeugen: "Herr Ghasemi absolvierte zunächst ein 14-tägiges Job-Shadowing bei uns im Betrieb und hatte alle Kollegen mit seinem Engagement beeindruckt. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, ihm eine Lehrstelle in unserem Betrieb anzubieten, da wir ein sehr großes Potenzial in ihm sehen", sagt Schweng. Es folgte ein Antrag auf Beschäftigungsbewilligung. Nach acht Wochen und etlichen bürokratischen Hürden konnte Ghasemi mit seinem Lehrberuf im Hotel Stefanie in der Leopoldstadt anfangen.

    Vorbehalte groß

    Und der Lehrbetrieb hat die Entscheidung, einen jugendlichen Flüchtling einzustellen, keinesfalls bereut: "Mit Herrn Ghasemi haben wir ausschließlich gute Erfahrungen", betont Schweng, "Die Integration ins Team hat von Anfang an sehr gut geklappt, es gab überhaupt keine Probleme und auch keine Berührungsängste."

    Die Wirtschaftskammer ruft mittlerweile Betriebe auf, junge Flüchtlinge als Lehrlinge aufzunehmen. Vorbehalte können jedoch immer noch groß sein. Das bestätigt uns auch Ghasemi: "Ich habe mich bereits als Asylwerber um viele Lehrstellen beworben. Als ich sagte, dass ich aus Afghanistan komme, stieß ich bei einigen Menschen auf Ablehnung. Es gibt immer noch viele, die glauben, ich sei irgendwie böse."

    Diesen Vorbehalten seitens mancher Betriebe steht aber der Bedarf der Wirtschaft nach gut ausgebildeten Fachkräften gegenüber. Für die Schick Hotels war es von Anfang an kein Problem, einen jungen Flüchtling als Lehrling aufzunehmen: "Wir haben im Unternehmen nicht speziell thematisiert, dass Hassan ein Flüchtling ist. Er wurde genauso in das Unternehmen eingeführt und aufgenommen wie jeder andere Lehrling auch", sagt Schweng.

    Andere Betriebe ermutigen

    Sie möchte andere Betriebe ermutigen, den gleichen Weg einzuschlagen: "Es herrschen in Österreich gleiche Gesetze, wenn man einen autochthonen österreichischen Lehrling und einen jungen Flüchtling als Lehrling aufnimmt. Daher besteht hier kein spezielles Risiko für Unternehmen."

    "Man sollte einfach den Vorteil darin sehen, mehr Bewerber für eine Lehrstelle zu haben. Es soll jedenfalls nicht darum gehen, nur einen Lehrling einzustellen, weil er Flüchtling ist, sondern weil er für den Lehrberuf geeignet ist und die Begeisterung dafür hat", meint Schweng abschließend.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2016-11-08 17:20:06
    Letzte Änderung am 2016-11-09 11:43:25


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