• vom 24.11.2016, 17:01 Uhr

Stadtpolitik

Update: 25.11.2016, 09:10 Uhr

Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (27)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Solmaz Khorsand

  • Auf dem Gelände in Neu Marx prallen die Zwischennutzungswelten aufeinander.

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . .

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . .



Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe, bei denen man einen Schritt weiter gehen muss, um sie ernsthaft zu verwirklichen. Sie müssen gelebt werden. So wie Marthas Entwurf. Er steht unter einer Brücke auf dem vom Regen aufgeweichten Boden hinter einer Parkgarage unter der Autobahnausfahrt der Südosttangente. Da parkt Marthas Lkw. Er gehört zur "Wagentruppe Treibstoff."

. . . auf der anderen Seite die Bewohner der Wagentruppe Treibstoff.

. . . auf der anderen Seite die Bewohner der Wagentruppe Treibstoff.© OpenMarx, Spasic . . . auf der anderen Seite die Bewohner der Wagentruppe Treibstoff.© OpenMarx, Spasic

Für die einen ist das Leben im Wohnwagen ein verwahrlostes Nomadendasein. Für die anderen ist es die ultimative Freiheit. Es bedeutet, mobil zu sein und sein Hab und Gut immer in Reichweite zu haben. Es ist ein Leben ohne Ballast und ohne die Annehmlichkeiten, an die sich der verhätschelte Großstadtprimat nun einmal gewöhnt hat. Alles wird zu einer Frage der Kreativität, egal ob es sich um das Heizen, Duschen oder eine innovative Raumaufteilung handelt. Wer im Wohnwagen lebt, muss erfinderisch sein. Das gefällt Martha. Seit vier Jahren lebt die Kunststudentin, die in ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, nun in ihrem Lkw. Auf 15 Quadratmeter hat sich die 28- Jährige eingerichtet. Wenn sie auf die Toilette muss, benützt sie das "Turmklo", ein verholztes Plumpsklo im Raketendesign. Wenn sie duschen will, benutzt sie den "Badezimmer"-Lkw, inklusive Badewanne, und wenn sie einmal Lust hat auf ein bisschen Wellness, schwitzt sie im dafür vorgesehenen Sauna-Wagen.

"Es ist die Lebensform, die meinen Ansprüchen am nächsten kommt. Ich brauche nicht viel Raum. Ich will ein Bett und ich will es warm haben", sagt Martha, "und mit einem Wagen bin ich mobiler und es gibt viel mehr Möglichkeiten politisch aktiv zu sein."



Die einen bereichern das Areal, die anderen mieten bloß

Der politische Aktivismus. Er ist ihr größtes Image-Problem. Das weiß Martha. "Autonomes Leben ist nicht willkommen in der Stadt, und schon gar nicht, wenn man Druck macht, besetzen geht oder mit den Wägen den Ring blockiert hat", erklärt Martha. Während andere Wagenplätze in Wien sich auf Kunstinitiativen oder ein stilles mobiles Schrebergartendasein konzentrieren, bekennt sich die "Wagentruppe Treibstoff" offen zu einer "linken Kultur." Das Leben im Wohnwagen gilt für sie auch als politisches Statement. Es ist die Demonstration einer anderen Lebensform, vor allem in Zeiten, in denen Raum in der Stadt immer knapper und teurer wird.

Seit einem Jahr steht die Wagentruppe auf einem Grundstück in der Maria-Jacobi-Gasse im 3. Bezirk, im Schatten des Media Quarter Neu Marx, dem ehemalige Schlachthofgelände. Rund 1500 Quadratmeter hat ihnen die Eigentümerin des Areals, die WSE, die Wiener Standortentwicklung GmbH, ein Tochterunternehmen der Wien Holding, dort bis nächsten Sommer zur Verfügung gestellt.

Derzeit leben fünf Menschen auf dem Gelände. 500 Euro Miete zahlen sie für das Grundstück. Um Strom und Wasser müssen sie sich selbst kümmern. "Das ist ein erkämpfter Platz. Den hat uns keiner geschenkt", sagt Martha. Sie lacht. Mehr als 30 Mal ist sie in den vergangenen vier Jahren mit ihren Wägen umgezogen, musste immer wieder bei Magistratsbeamten und Privateigentümern anklopfen um für einige Monate den Lkw an einem Standort parken zu dürfen. Ihre Nachbarn hatten es da wesentlich leichter.

Seit Oktober stehen ein paar hundert Meter vom Wagenplatz entfernt die Container des Stadtlabors der Technischen Universität (TU). Hier dürfen sich angehende Architekten und Raumplaner auf 150 Quadratmeter auf der Betonfläche bei der Karl-Farkas-Gasse für die nächsten zwei Jahre austoben. Bejubelt wurde das Projekt, würden doch die Studenten das Areal beleben und die Fläche neben den Urban Gardening Beeten, dem Skaterpark und den Foodtrucks um eine Facette bereichern. Zahlen muss die TU für die Nutzung des Geländes nichts. Auch um die Nebenkosten muss sie sich keine Sorgen machen. Um Wasser und Strom kümmert sich die WSE.

"Es ist eine Win-win-Situation", sagt Mario Scalet, Sprecher der WSE. "Die TU beschäftigt sich mit Stadtplanung und das hat auch für uns einen Gegenwert. Außerdem nutzen wir auch ihre Räumlichkeiten für unsere Planungsprozesse. Und wir hoffen, dass wir Input von Studentenseite bekommen. Das ist ein vollkommen anderer Hintergrund, als eine Wohnfläche zu vermieten", erklärt Scalet die unterschiedlichen Parameter auf dem Gelände.

Rund 80.000 Quadratmeter besitzt die WSE auf dem Areal. Das Kernstück ist die 40.000 Quadratmetergroße Betonfläche bei der Karl-Farkas-Gasse unmittelbar bei der ehemaligen Rinderhalle. Ursprünglich war die Fläche für den ORF reserviert gewesen. Nachdem man sich am Küniglberg gegen den neuen Standort entschieden hat, wurden die ersten Planungsprozesse für das Stadtentwicklungsgebiet eingeleitet. Begleitet wurde der Prozess vom Planungsbüro Raumposition unter der Ägide des TU-Dekans Rudolf Scheuvens. Derzeit ist man in der zweiten Planungsphase. Ziel ist es einen Mix aus Wohnungen, Büros und Freizeitangeboten zu schaffen. Die ersten Ergebnisse sollen dann im ersten Quartal 2017 vorgestellt werden und im Jahr darauf soll der erste Spatenstich für die Umsetzung folgen. Bis dahin dürfen TU und Co. die Fläche nutzen.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-24 17:05:11
Letzte Änderung am 2016-11-25 09:10:19


Rohstoffe

Das Gold der Städte

Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen... weiter




Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Ich bin ein Einzelkämpfer"
  2. Lichterbaum am Christkindlmarkt
  3. Vom Cabaret zur Systemgastro
  4. Das große Teilen auf der Straße
  5. Der allerzweckloseste Zweckbau von Pötzleinsdorf
Meistkommentiert
  1. Shoah-Gedenkmauer fix
  2. Wien soll 2027 Zwei-Millionen-Stadt werden
  3. Jetzt schon vorweihnachtlich
  4. Nichts zu machen?
  5. Zu schnell für den Gehsteig

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung