• vom 24.11.2016, 17:01 Uhr

Stadtpolitik

Update: 25.11.2016, 09:10 Uhr

Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt




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Ein Zwischennutzungs-Hub wie aus dem Lehrbuch

So auch Theresa Amesberger. Die 23-jährige Architekturstudentin gehört zum "Design Build" Team der Technischen Universität. Seit 16 Jahren wird das Seminar an der TU angeboten. Das Ziel: learning by doing. Die Studenten sollen die Möglichkeit haben, ihre Entwürfe realisieren zu können, 1:1, so wie sie es sich in ihren Skizzen vorgestellt haben. Von Anfang bis zum Ende. Das kann ein Gemeinschaftshaus für ein Waisenheim im indonesischen Sumatra sein, ein Kindergarten in Johannesburg, ein Jugendzentrum am Gürtel oder ein mobiles Stadtlabor in Neu Marx. Jedes Jahr bewerben sich bis zu 50 Studenten für das Seminar, nur die Hälfte wird genommen.

Es gilt auf der TU als aufwendiges Seminar, in dem man für seine ECTS-Punkte arbeiten muss. Auch körperlich. Bis zu 70 Stunden pro Woche hat Amesberger an diversen Projekten in Neu Marx gewerkt. "Als werdende Architekten müssen wir uns mit mehr beschäftigen als nur mit dem Wohnbau, und wir sollen wissen, dass das Leben nicht bei der Wohnungstür aufhört, sondern weitergeht", sagt sie. Stolz zeigt sie die neue Gemeinschaftsküche am Areal, in das sie die Mauer am Geländerand in ihre Entwürfe so integriert haben, dass sie nun als meterlange Tischtafel dient. "Es ist unser Baby. Man hängt einfach daran", sagt Amesberger und streicht über die Arbeitsfläche der Küche. Gleich daneben befinden sich eine offen zugängliche Fahrradwerkstatt und die Container des mobilen Stadtlabors, in dem Veranstaltungen, Workshops - unter anderem für Flüchtlinge - und Diskussionen stattfinden. Auch das Büro der Kreativen Räume, der Zwischennutzungsagentur der Stadt Wien, hat in einem der Container ihr Büro.

Damit ist die Betonfläche ein Zwischennutzungs-Hub wie aus dem Lehrbuch. Studenten, urbane Gärtner, Skater, Architekten und ein bisschen Charity. Für die Ästhetik der Wagenplätze hat man hier keine Verwendung. Ab und zu kamen die Bewohner vorbei, wollten wissen, ob sie ihre Wägen hier abstellen dürfen gleich neben den Containern der Studenten. Das durften sie nicht. Solche Dinge müssen mit dem Dekan abgesprochen werden. Aber sie seien jederzeit willkommen, wollen die Studenten klarstellen. Sie selbst waren noch nie auf dem Wagenplatz nebenan. So richtig geheuer scheinen ihnen die Nachbarn nicht zu sein.

Dabei unterscheiden sich ihre Welten gar nicht so sehr voneinander. Zumindest inhaltlich. Beide beschäftigen sich mit der Frage des öffentlichen Raumes, wie er unkommerziell und kreativ für alle zugänglich gemacht werden kann. Die einen tun es im Rahmen des Systems, die anderen eher am Rande, oder gar von außen.

"Wer keine Lobby hat, kann scheißen gehen"

Martha wird nicht müde zu betonen, dass auch die Wagentruppe für die Öffentlichkeit zugänglich ist, dass man auch hier Veranstaltungen macht, Konzerte gibt, Filme zeigt, diskutiert - kurz: einen Mehrwert erzeugt, der über das Wohnen hinaus geht. "Wir wollen die gleichen Bedingungen wie die anderen Zwischennutzer auf dem Areal. Wir wollen auch zumindest Prekariatsverträge. Schließlich zahlen die alle nichts", sagt sie. Sie schüttelt den Kopf. "Diese Stadt gehört nicht nur den Investoren und den Leuten mit viel Kapital. Wenn du keine Institution und keine Lobby hinter dir stehen hast, kannst du scheißen gehen. Das wird schmerzlich deutlich, wenn man sich umschaut."

Am liebsten würde Martha mit ihrem Wagen wieder in der Krieau im 2. Bezirk stehen. Dort in der Natur hat es ihr gefallen. Doch der Vertrag für die Wagentruppe ist vor einem Jahr ausgelaufen und die Karawane musste weiterziehen.

Nun haben sich dort neue Mieter eingefunden. Seit September will die Leerstandsagentur Nest das Areal mit neuen Ideen bespielen. Ein "kreatives Dorf" ist dort geplant, mit Künstlern und Handwerkern in ihren Ateliers, Werkstätten und Pop-up-Stores. Auch sie sind nur Zwischennutzer. Bis Herbst 2018 darf sich die Kreativwirtschaft auf dem Gelände austoben. Und ihre Entwürfe aus der Schublade holen. Für Marthas Entwurf ist dort aber kein Platz mehr.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-24 17:05:11
Letzte Änderung am 2016-11-25 09:10:19


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