• vom 06.12.2016, 08:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 17.01.2018, 09:36 Uhr

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel




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Von Matthias Winterer

  • Das Zwischennutzungsprojekt in den ehemaligen Siemens-Gebäuden könnte das Kreta-Viertel nachhaltig verändern.

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. © Phillipp Hutter





Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten, ein Grundstück zu betreten. Denn auch im 10. Bezirk gibt es Kreta, oder vielmehr eine Kreta, wie der Wiener sagt.

Die Kreta ist ein Stück vergessenes Wien. Knappe sechs strukturschwache Hektar im hintersten Winkel von Favoriten. Seit Jahrzehnten führt das Viertel das Dasein einer Insel - im wahrsten Sinne des Wortes. Richtung Norden und Osten ist die Kreta durch Gleiskörper und der Südosttangente vom Rest der Stadt abgeschnitten. Im Westen begrenzt sie die vierspurige Absberggasse, im Süden ein massiver Gemeindebaublock. Mietskasernen und baufällige Gründerzeithäuser prägen die Gegend. Hier wohnen die armen Leute, der Migrationsanteil ist hoch. Nicht gerade der Traum der Investoren.

Doch das soll sich nun ändern. Nach Jahrzehnten der Winterstarre könnte die Kreta vom maroden Grätzel zur gefragten Wohngegend mutieren. Der Grund liegt direkt hinter dem Zaun am Rande der Kreta.

Denn hier findet Zwischennutzung statt, und zwar im großen Stil. Auf 30.000 Quadratmetern Bürofläche brüten Start-up-Gründer Ideen aus, tippen Freiberufler in Co-Working-Büros auf ihren MacBooks, bieten das BFI und die BIZ Schulungen an, wird in einer Privatschule gelehrt, hält die TU-Wien Kurse zum Thema Stadtentwicklung. Und nicht zuletzt wohnen hier Flüchtlinge gemeinsam mit Studenten in einem Projekt der Caritas. "Am Kempelenpark" nennt sich Wiens größtes Zwischennutzungsprojekt.

Ursprünglich wurden die grauen Plattenbauten Mitte der 1980er Jahre von der Firma Siemens errichtet. Hunderte Angestellte verdienten hier ihr täglich Brot. Es war die Österreich- und Osteuropazentrale des Technologiekonzerns. 2007 verkaufte Siemens die Gründe an die SA Gudrunstraße Alpha Liegenschaftsprojekt und Betriebs GmbH. Vor einem Jahr erwarb schließlich die Sowe11 Immobilienverwertung GmbH des Investors Thomas Levenitschnig den Bürokomplex. Und seither ist alles anders.

Flüchtlinge lehnen an besagtem Zaun und diskutieren. Mit Laptoptaschen behangene Menschen rollen auf Scootern durch die Straßenzüge des Grätzels. Eine Frau in Röhrenjeans und Vintage-Pullover raucht zwischen den Bürobauten des Kempelenparks eine Pausenzigarette. Auf der Holzpritsche daneben hält ein Pensionist sein Gesicht in die warmen Strahlen der Wintersonne. Im Gasthaus Stefan an der angrenzenden Quellenstraße mampfen Studenten Pizza. Das soll also die berüchtigte Kreta sein, Wiens heißestes Pflaster, Wiens Ghetto? Hier, wo nie stadtentwickelt wurde, herrscht plötzlich reges Treiben. "Es ist uns wichtig, dass im Kempelenpark Vielfalt herrscht", sagt der frühere Besitzer des Areals Christian Ragger, der nun die neue Eigentümergesellschaft berät und das Projekt mitbetreut. "Wohnen, Bildung, Arbeit. Bei uns findet alles gleichzeitig statt. Die Sowe11 hat Interesse am Stadtleben. Sie versucht, verschiedene Möglichkeiten von urbanem Leben durchzuexerzieren."

Soziale Utopie oder reines Profitdenken

Außerdem stehe das Projekt im Sinne sozialer Kompetenzen. "Wohltätige Projekte, wie die Flüchtlingsunterkunft der Caritas, zahlen geringere Mieten - weit unter dem Marktpreis - und erhalten die besten Räume des Gebäudes im vierten Stock." Ragger betont die sozioökonomischen Aspekte des Projekts. "Wenn das AMS in unserem Haus Kurse hält, sind wir bemüht, die Arbeitssuchenden bei uns zu beschäftigen, etwa als Hausmeister. Bald wird es auch eine Tischlerei geben und Felder zur landwirtschaftlichen Bewirtschaftung am Laaer Berg."

Klingt so ziemlich nach der sozialen Utopie eines altruistischen Mäzens. Doch natürlich hat auch der Investor Levenitschnig etwas davon. Aus seiner Sicht ist die Rechnung simpel und äußerst lukrativ. Er erwirbt in einer unattraktiven Gegend günstig Gebäude und holt sich vorübergehend Start-up-Gründer, Künstler oder soziale Initiativen ins Haus. Das hebt das ohnehin angeschlagene Image der Berufsgruppe des Spekulanten. Er kann sich als Wohltäter geben, der hilfsbereit Raum zur Verfügung stellt. Doch hinter der sozialen Ader steht naturgemäß Profit. Schließlich ist es sein Job, mit Immobilien Geld zu verdienen. Denn die Künstler, Sozialarbeiter und Hipster beleben die Nachbarschaft, was wiederum den Wert der Immobilie steigen lässt. Es ist die Geschichte der leidigen Gentrifizierung. An ihrem Ende stehen unerschwingliche Mieten und die Verdrängung der alten, einkommensschwächeren Bewohner.

Jutta Kleedorfer winkt ab. Die Projektkoordinatorin für Mehrfachnutzung in der MA18 ist Wiens Expertin zum Thema Zwischennutzung. "Man kann diese Entwicklung nicht so schwarz-weiß sehen. In erster Linie ist das Projekt vorbildlich. Wenn man alles, was die Lebensqualität verbessert, als Vorbote der Gentrifizierung verteufeln würde, könnte man nichts mehr machen. In Wahrheit profitieren alle Beteiligten am Kempelenpark. Der Investor, die Zwischennutzer und nicht zuletzt die Bewohner selbst. Der Kreta konnte nichts Besseres passieren."

Was der Kreta noch passiert ist, ist der Hauptbahnhof. Nach der Schleifung des alten Südbahnhofs begannen 2012 auf der freiwerdenden Fläche die Bauarbeiten des "Sonnwendviertels." Bis 2020 werden hier 4700 Wohnungen rund 13.000 Menschen Quartier bieten. Es ist neben der Seestadt Aspern Wiens wichtigstes Stadtentwicklungsgebiet. Herzstück des Areals ist der Helmut-Zilk-Park. Und dessen östlichste Spitze stößt nordwestlich an die Kreta.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-05 17:20:06
Letzte Änderung am 2018-01-17 09:36:43


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