• vom 11.03.2017, 08:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 17.03.2017, 11:42 Uhr

Partizipation

Paradiesgarten mitten in der Stadt




  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (67)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Seiß

  • Vor 40 Jahren startete Wiens erstes Partizipationsprojekt der sanften Stadterneuerung. Das Modell ging nie in Serie.





Wien. Wer in der stark befahrenen Margaretenstraße steht oder sich auf schmalen Gehsteigen an beidseitig parkenden Autoreihen vorbei durch die Preßgasse, die Mühlgasse oder die Schikanedergasse zwängt, ahnt kaum, dass im Inneren des von diesen Straßen umschlossenen Häuserblocks im dicht bebauten 4. Bezirk eine wahre Grünoase liegt.

Noch ungewöhnlicher ist es, dass dieser Park weder den Anwohnern vorbehalten ist noch von der Stadt als öffentliche Grünfläche bereitgestellt wird: Er wird seit 1977 vom sogenannten Gartenhofverein erhalten - und steht untertags jedem offen, der einen der beiden nüchternen Durchgänge von der Margaretenstraße oder Preßgasse aus passiert.


Im Gartenhof angekommen, staunt man über die Lebendigkeit und gleichzeitige Ruhe in den unterschiedlich bepflanzten Teilräumen des Parks: Kinder aller Altersgruppen laufen von einem Spielplatz zum anderen und planschen im Sommer im Wasser des Brunnens. Eltern sitzen in Gruppen beisammen und brauchen sich kaum um ihre Kleinen zu kümmern, zumal hier weder Autos noch Hunde eine Gefahr darstellen. Und während Studenten auf der Wiese liegend lernen, genießen Pensionisten auf windgeschützten Bänken die Natur.



Dass es sich bei diesem Park um ein Stück Wiener Stadterneuerungsgeschichte handelt, bleibt einem aufs Erste verborgen. Nur wer sich öfter hier sehen lässt, wird irgendwann von einer freundlichen älteren Frau mit einem Zahlschein in der Hand gefragt, ob man nicht Mitglied des Gartenhofvereins werden und einen kleinen Beitrag zur Erhaltung der Grünoase leisten möchte.

5000 Quadratmeter Freiraum
Kommt man dabei mit Maria Mahn ausführlicher ins Gespräch, erfährt man, dass sie 18 Jahre lang die Obfrau des Vereins - und vor 40 Jahren eine von rund 50 Mieterinnen und Mietern des Blocks war, die sich zur Gestaltung des gemeinsamen Innenhofs zusammengefunden hatten. Mit freiwilligen Arbeitseinsätzen sorgten sie für die Rodung und Säuberung der bis dahin verwahrlosten und den einzelnen Häusern zugeordneten Hofbereiche - und begannen, den 5000 Quadratmeter großen Freiraum mit vom Stadtgartenamt bereitgestelltem Material zu begrünen.



Derweil lief auch die Sanierung der bereits zum Abbruch bestimmten Wohnhäuser durch die Stadt Wien an: "Ich bin 1967 in die Mühlgasse gezogen und hatte da Zimmer, Küche, Kabinett - ohne Bad und mit Klo am Gang", erinnert sich Frau Mahn. "Nach der Sanierung hatte ich eine Kategorie-A-Wohnung mit Badezimmer, Heizung und allem Drum und Dran. Und statt Holzplanken und ein paar Mistkübeln hatte ich jetzt einen Park vor meinem Hoffenster."

Dass es so weit kam, war keine Selbstverständlichkeit, sondern ein absolutes Novum in der Wiener Stadtentwicklung - ein Wendepunkt in der kommunalen Wohnbau- und Planungspolitik: sozusagen das erste "bottom-up"-Projekt, veranlasst nicht vom Rathaus, sondern von Bürgerinnen und Bürgern aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft.



Am Beginn standen drei Fernsehjournalisten des Österreichischen Rundfunks: Helmut Voitl, Elisabeth Guggenberger und Peter Pirker. Sie wollten anhand eines konkreten Baublocks den damals dramatischen Verfall der historischen Bausubstanz Wiens thematisieren und wählten dafür den maroden Block an der Margaretenstraße, unweit des Naschmarkts, als sogenanntes Planquadrat aus: Etwa ein Drittel der Häuser war - nicht untypisch für die Gegend Anfang der 70er Jahre - vom Abriss bedroht. Die Stadt Wien hatte bereits die meisten davon aufgekauft und wollte zusätzlich zur geplanten Neubebauung auch noch eine Verdichtung im Blockinneren vornehmen, als der ORF 1974 in einem halbleer stehenden Gebäude ein eigenes Fernsehstudio einrichtete, um fortan regelmäßig aus dem Planquadrat zu berichten. Durch ihre ständige Anwesenheit vor Ort gelang es den Redakteuren, mit den zunächst skeptischen Mietern in Kontakt zu kommen und bald auch ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Beinahe gleichzeitig versuchte eine Gruppe von Architekturstudenten im Rahmen eines Planspiels im Planquadrat, die Potenziale der gründerzeitlichen Bebauung herauszuarbeiten und in Gesprächen mit den Bewohnern Umgestaltungsmöglichkeiten zu eruieren. Bald gesellte sich ein Team von freien Architekten um Hugo Potyka und Willy Kainrath hinzu, das sich ebenfalls ein Büro im Planquadrat schuf.

Die Planer demonstrierten in einem der Leerstände mittels einer sanierten Musterwohnung, welche Wohnqualität im Altbau mit leistbarem Aufwand erzielbar ist - und konnten hunderte Wiener für einen Besuch ihres Prototyps interessieren.

Im Laufe der Zeit wurde aus dem Engagement der unterschiedlichen Akteure ein mustergültiger Bewusstseinsbildungs- und Beteiligungsprozess - mit wöchentlichen Mieterversammlungen und gemeinsamen Festen, mit partizipativer Planung, Vermittlung zwischen Hauseigentümern, Bewohnern und Beamten, öffentlichen Ausstellungen und politischem Lobbying. Allein in den Jahren 1974 und 1975 berichtete der ORF 16 Mal über das Projekt, und zwar zur besten Sendezeit: von Beiträgen in Nachrichtensendungen bis hin zu Diskussionsrunden, moderiert vom damaligen Fernsehprogrammdirektor und späteren Wiener Bürgermeister Helmut Zilk.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-03-10 17:33:13
Letzte Änderung am 2017-03-17 11:42:11


Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter




Start-up

Der eingebremste Weltretter

Gründer Martin Wesian im Hinterhof seiner Firma Helioz auf der Mariahilfer Straße. - © Saskia Blatakes Wien. Durst, Wasserhahn aufdrehen, trinken. So einfach ist das in Österreich. Aber mehr als 660 Millionen Menschen in Afrika... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Besenreiner" Abzug der Leihräder
  2. Hälfte der Abrisshäuser in Wien sind erhaltenswert
  3. Cocktails in der Hand, Füße im Sand
  4. Österreichs Nationalstolz aus erhabener Perspektive
  5. Die allerverborgenste Kirche von Wien
Meistkommentiert
  1. Liste der verbotenen Speisen
  2. "Das Stigma ist sehr groß"
  3. Nach dem Leberkäse die Würstel?
  4. Aufregung um Begegnungszone
  5. Wiener Bäder verzeichnen Besucherschwund

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung