• vom 24.08.2017, 07:03 Uhr

Stadtpolitik


Bargeld

Bargeldlos und gläsern




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Von Alexander U. Mathé

  • Manche Lokale - wie im Allianz Stadion in Wien - akzeptieren keine Scheine mehr. Ein Trend zwischen Fortschritt und Risiko.





Wien. Als in Argentinien 2001 das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch stand, stürmten die Menschen die Banken, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Schon bald verfügte die Regierung das, was die Argentinier witzelnd "corralito" nannten - "Laufstall": Maximal 250 Pesos - rund 100 Euro - durften nur noch pro Woche und Nase abgehoben werden. Der Rest blieb in den Banken festgefroren und wurde von Tag zu Tag weniger wert. Viele Argentinier mussten zusehen, wie sich vor ihren Augen der Traum vom Häuschen in nichts auflöste, auf den sie ein Leben lang hingespart hatten. Sie haben ihre Lektion gelernt. Seit damals horten die Argentinier Dollars in ihren Safes, um eines Tages allfällige Großzahlungen zu tätigen. Sogar Wohnungskäufe werden noch heute in bar getätigt. Doch was, wenn es eines Tages kein Bargeld mehr gibt? Dann könnte auch Europäern und Österreichern das blühen, was die Argentinier schon erlebt haben, fürchten Experten.

Stetig setzt sich in Europa das bargeldlose Zahlen durch. In Schweden akzeptieren inzwischen sogar Obdachlose EC-Karte, Kreditkarte oder Paypal. Frankreich forciert den Trend gleich von Staats wegen. Mit Scheinen und Münzen darf man dort per Gesetz nur noch Beträge bis 1000 Euro begleichen.


Bargeldloses Zahlen ist praktisch, egal ob mit Plastikkarte oder Handy. Es gibt kein Kramen in der Brieftasche, es ist international einsetzbar, die Sorgen um Fremdwährung werden sekundär, es macht Online-Bestellungen möglich und hält bei Verlust durch Sperren und Höchstbetragsgrenzen das Risiko gering. Gäbe es kein Bargeld mehr, wäre auch der Schattenwirtschaft ein Riegel vorgeschoben, meinen Korruptionsbekämpfer. Den zugesteckten Hunderter gäbe es dann nicht mehr. Doch Kritiker warnen vor verborgenen Gefahren.

"Bargeld ist eine Säule unserer Freiheit", erklärt der deutsch-US-amerikanische Ökonom Max Otte. Der ehemalige Professor an der Universität Graz und Leiter des Instituts für Vermögensentwicklung sagt, dass Menschen ohne Bargeld lückenlos überwachbar sind. Tatsächlich hinterlässt jede bargeldlose Zahlung digitale Spuren; der Einkauf kann einer konkreten Person zugeordnet werden. Bargeld hingegen ist anonym. Wer bargeldlos zahlt, dessen Konsumverhalten kann analysiert werden. Sogar Aussagen über die persönlichen Lebensumstände können getätigt werden. Einfaches Beispiel: Eine Frau, die bei ansonsten gleichbleibendem Einkaufsverhalten aufhört, Tampons und Alkohol zu kaufen, ist höchstwahrscheinlich schwanger. Je mehr man über einen Menschen weiß, um so besser kann man ihn manipulieren. "Das sind Methoden, die sich Diktatoren in der Vergangenheit gewünscht hätten, und heute steht das vor der Tür", sagt Otte.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-08-23 18:30:08
Letzte Änderung am 2017-08-23 18:33:50



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