• vom 20.04.2018, 14:02 Uhr

Stadtpolitik

Update: 21.04.2018, 06:47 Uhr

Cartellverband

"Wir haben keine weiße Weste"




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Von Bernd Vasari

  • Der ÖVP-nahe Österreichische Cartellverband arbeitet seine Geschichte auf. Sein Präsident über Islam, Austrofaschismus und Sozialpolitik.

"Der Islam ist seit mehr als 100 Jahren Teil der österreichischen Kultur", sagt der Präsident des Cartellverbands, Michael Jayasekara. - © Diva Shukoor

"Der Islam ist seit mehr als 100 Jahren Teil der österreichischen Kultur", sagt der Präsident des Cartellverbands, Michael Jayasekara. © Diva Shukoor

Wien. Wenige Organisationen sind in Österreich so mächtig wie der Cartellverband. Zu den Mitgliedern des katholischen Männerbunds zählen ehemalige Politiker wie Engelbert Dollfuß, Leopold Figl, Andreas Khol und Reinhold Mitterlehner, sowie Wirtschaftsbosse wie Wolfgang Anzengruber (Verbund), Christoph Neumayer (Industriellenvereinigung) und der langjährige Chef der Casinos Austria, Karl Stoss. Was an der türkisen ÖVP noch christlich ist, wie ein Zusammenleben zwischen den Religionen funktionieren kann und warum Frauen keine Mitglieder werden dürfen, erklärt Cartellverband-Präsident Michael Jayasekara.

"Wiener Zeitung": Herr Jayasekara, Sie haben vor kurzem einen Stadtrundgang mit jungen Vertretern der jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubensgemeinschaften gemacht. Warum?

Information

Michael Jayasekara (25), Mitglied der Wiener Bajuvaria, hat mit Juli 2017 den Vorsitz des Österreichischen Cartellverbandes übernommen. Jayasekara ist gebürtiger Wiener mit Wurzeln in Sri Lanka. Er studiert BWL an der WU Wien.

Sein Couleurname ist "Django", die Farben der Verbindung Dunkelblau - Rot - Gold.

Der Österreichische Cartellverband (ÖCV) ist mit mehr als 13.000 Mitgliedern der größte Akademikerverband in Österreich. Mit seinen 49 katholischen Studentenverbindungen ist er in allen großen Städten des Landes vertreten.

Michael Jayasekara: Wir wollen als Österreichischer Cartellverband eine Plattform bieten. Bei unserem ersten Treffen machten wir eine Stadttour über das muslimische, jüdische und katholische Wien. Bei dem Spaziergang lernten wir einander persönlich kennen. Danach haben wir alle zu uns in die Verbindung eingeladen. Damit jeder nicht nur vom Hörensagen oder aus den Medien weiß, wie unsere Verbindung funktioniert.

Sie sagten bei dem Rundgang, dass ein Dialog zwischen den Religionen in Zeiten wie diesen besonders wichtig sei. In welchen Zeiten leben wir?

Ich habe ja selbst Migrationshintergrund (Anmerkung: Sri Lanka) und bin daher der Meinung, dass wir nicht immer nur übereinander sprechen sollten, sondern vor allem miteinander. Wir Jugendlichen müssen aufzeigen, wie dieses Miteinander funktionieren kann, wie wir das Einende vor das Trennende stellen können.

Ist die Initiative auch ein Zeichen an die Regierung, wo es kein klares Bekenntnis zum Islam in Österreich gibt?

Aus meiner Sicht ist der Islam seit mehr als 100 Jahren Teil der österreichischen Kultur. Er ist als Religion anerkannt. Mir geht es darum, zusammen mit der muslimischen Jugend ganz allgemein Vorurteile abzubauen. Ich glaube, man kann am Ende des Tages besser diskutieren, wenn man ein Verständnis dafür hat, warum jemand zum Beispiel ein Kopftuch trägt. Jeder hat dafür eine ganz persönliche Definition. Für die einen ist es Freiheit, für die anderen ist es ein Ausdruck ihrer selbst. Manche tragen es auch als Stilmittel. Die Anfeindungen dagegen können wir Couleurstudenten nachvollziehen. Wie werden aufgrund unseres Äußerlichen auch oft angefeindet.

Frauen dürfen im Cartellverband nicht Mitglied werden.

Frauen dürfen im Cartellverband nicht Mitglied werden.© Bernd Vasari Frauen dürfen im Cartellverband nicht Mitglied werden.© Bernd Vasari

Als Heinz-Christian Strache und Sebastian Kurz zuletzt gefragt wurden, ob der Islam zu Österreich gehört, verneinte Strache. Kurz wich aus, verwies auf die Gesetzeslage mit dem Nebensatz: Keine Toleranz für radikale Gedanken und politischen Islamismus. Ist das ein christlicher Weg, mit 700.000 Menschen umzugehen?

Persönlich glaube ich, dass der politische Islam keinen Platz in unserer Gesellschaft hat. Und da gilt es eben genau zu erkennen, wo der Unterschied zum politischen Islam und zum Islam an sich liegt. Jeder, der hier in Österreich geboren wurde und diese Konfession hat, ist somit auch irgendwo Teil von Österreich.

Wie sehen Sie das? Gehört der Islam zu Österreich?  

(Denkt lange nach) Das ist eine sehr schwierige Frage. Das ist nicht mit einem Ja oder Nein zu beantworten, denn es geht ja um die Personen, die dahinterstecken. Jene Personen, die sich gut in Österreich integriert haben, ein Bestreben haben, sich als Teil der Gesellschaft zu sehen, die sind definitiv auch Teil unserer ganzen Gesellschaft in Österreich.

Diesen Maßstab müsste man bei den Christen und Juden dann aber auch anlegen?

Das sehe ich genauso. Also auch hier hat Radikalismus überhaupt keinen Platz.

Wie viele Muslime müssten in Österreich leben, damit der Islam zu Österreich gehört?

Das weiß ich nicht, ob das an einer Zahl definierbar ist. Ich glaube, es geht nicht um die Zahl, sondern um die Art und Weise, wie auch ein Islam europäischer oder österreichischer Prägung sein kann. Da gilt es, den Rechtsstaat anzuerkennen und sich in diesem Rahmen zu bewegen. Sofern man niemanden in seiner eigenen Freiheit einschränkt, sofern sollte jeder auch die Möglichkeit haben, wirken zu können.

Warum ist es notwendig, beim Islam immer die Gefahr der Radikalität mitzubetonen? Jeder Bürger muss sich dem Rechtsstaat unterordnen.

Es ist eine emotionale Geschichte der Mehrheitsbevölkerung. Viele haben das Gefühl, dass ihre eigene Identität nicht mehr als diese wahrgenommen wird.

Zuletzt kritisierten die CV-Mitglieder Caritas-Präsident Michael Landau und Kardinal Christoph Schönborn das Vorhaben der Regierung, bei den Ärmsten zu sparen. Schließen Sie sich dieser Kritik an?

Ich schätze Caritas-Präsident Landau und Kardinal Schönborn sehr. Wir haben in Österreich einen Sozialstaat, der auf der ganzen Welt Seinesgleichen sucht. Es ist ein Auffangnetz, aber dieses Auffangnetz darf nicht zur sozialen Hängematte werden. Kardinal Schönborn hat dann ja relativiert und gesagt, dass es ums Gemeinwohl in Österreich geht. Bei der Regierung wurden Maßnahmen ergriffen, etwa die Studienbeihilfe und der Familienbonus, die die Ärmsten auch unterstützen.

Der Familienbonus gilt doch nur für Besserverdienende. Je mehr man verdient, desto mehr bekommt man heraus. Ist das der richtige Weg?

Die Intention ist, dass jene, die mehr einzahlen, auch mehr rausbekommen sollen. Leistung soll in der Gesellschaft etwas Wesentliches sein. Ein Auffangnetz, aber keine Hängematte. Es sollte eine Möglichkeit sein, wo man sich kurz sammeln kann, um danach wieder neu durchstarten zu können.

Bundeskanzler Kurz kürzt bei den Armen, nicht bei den Reichen. Was ist an der türkisen ÖVP noch christlich?

Ich glaube, sehr viel. Die rund eineinhalb Milliarden Euro, die zur Stärkung der Familie zu Verfügung gestellt wurden.

Vor allem den Besserverdienenden…

Jene, die besser verdienen, haben natürlich auch eine Verantwortung den Ärmsten gegenüber. Die christliche Soziallehre verweist hier auf die Subsidiarität, eine der Säulen der christlichen Soziallehre. Gib einem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag. Lehre einen Mann zu fischen, und du ernährst ihn für sein Leben. Hilfe zur Selbsthilfe ist das beste Sozialprogramm.

Der Cartellverband war immer die heimliche Macht in der ÖVP. Mit Gernot Blümel hat der Cartellverband einen engen Vertrauten von Sebastian Kurz als Minister in der Regierung. Wie stark ist der Einfluss des Cartellverbands?

Man kann den Cartellverband nicht per se als Strippenzieher in der ÖVP sehen. Vielmehr sind es Einzelpersonen, die gemäß ihrer Hymne ihrem Volke stets voran gegangen sind. Der Einfluss des Verbands ist nicht zurückgegangen. Sehr viele unserer Mitglieder sitzen aufgrund ihrer starken fachlichen Qualifikation und Persönlichkeit in den Kabinetten.

Wenn die ÖVP nicht die Partei des Cartellverbands ist, warum klingen Sie dann wie ihr Pressesprecher?

Die Gründer der ÖVP sind mit Leopold Figl und Julius Raab Cartellverbands-Mitglieder gewesen. Deswegen ist das Wertekonstrukt ein Ähnliches.

Wir befinden uns im Gedenkjahr. Ist es nicht bedenklich, dass rechtsradikale Burschenschafter in einer der beiden Regierungsparteien sitzen?

FPÖ-Mitglieder, die einer Burschenschaft angehören, können nicht über einen Kamm geschoren werden. Solange sie sich innerhalb des Rechtsstaates bewegen, haben sie auch die Möglichkeit zu wirken. Sie sind ja auch gewählt worden. Nur weil sie Mitglieder in Burschenschaften sind, kann man nicht sagen, das ist fatal.

Herbert Kickls Kommunikationschef Alexander Höferl war bis zu seiner Bestellung ins Innenministerium Redakteur des Online-Magazins "unzensuriert.at", das er auch gegründet hatte. Der Verfassungsschutz bescheinigt dem Portal "antisemitische Tendenzen". Das sind ja schon einflussreiche Personen.

Mir fällt es schwer, über jemanden zu sprechen, mit dem ich keine Berührungspunkte habe.

Der Unterschied zwischen Couleurstudenten des Cartellverbands und Burschenschaftern ist für Außenstehende nicht immer klar zu erkennen. Müsste man zur besseren Unterscheidbarkeit nicht entschiedener gegen rechte Umtriebe der Burschenschafter auftreten?

Der Cartellverband ist ganz bewusst als Gegenbewegung zu Burschenschaften entstanden. Es hat hier auch unzählige Auseinandersetzungen, auch Tote gegeben, weil wir eben klerikal waren. Wenn man von uns verlangt, dass wir uns zu den Burschenschaftern äußern müssen, dann wäre das, wie wenn sich die Pfadfinder zur Jungschar äußern müssten.

Wie wollen Sie sich abgrenzen?

Ich möchte nicht nur über Burschenschaften sprechen, sondern es geht darum, wie wir auftreten. Wir haben zuletzt Mitgliedern gedacht, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind. Wir verarbeiten unsere Geschichte sehr stark. Es ist beispiellos, wie sehr wir uns nach der Befreiung Österreichs kümmerten, dass keine Nazis in unseren Reihen Platz haben.

Bevor die Nazis 1938 in Österreich die Macht übernahmen, gab es bereits ein autoritäres System, das als Austrofaschismus in die Geschichte einging. Die Anführer waren Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, zwei Mitglieder des Cartellverbands. Wie stehen Sie dazu?

Den Begriff Austrofaschismus zu verwenden, verharmlost den Nationalsozialismus. Etliche Historiker sagen das. Da würde man Italien unter Mussolini und das Dritte Reich unter Hitler verharmlosen. Natürlich, der Ständestaat ist kritisch zu betrachten. Aber er ist Teil der österreichischen Geschichte. Dollfuß hat den Ständestaat damals ausgerufen, und ist damit auch Hitler zuvorgekommen. Man hat das Parlament ausgeschaltet, um den Einzug der Nationalsozialisten in Österreich zu verhindern. Das ist da hoch zu halten. Zu den Befürwortern der Machtübernahme Hitlers gehörte übrigens der Sozialdemokrat Karl Renner. Das wird nicht so kritisch betrachtet.

Wie geht man mit dieser Vergangenheit um?

Es heißt in der zweiten Strophe unserer Hymne: Geht Brüder unverdrossen unserem Volke stets voran. Das ist unser Anspruch. Wir wollen die Gesellschaft positiv mitgestalten. Deswegen haben wir auch den Schwerpunkt Gedenkjahr. Wir haben ja keine weiße Weste, das muss man auch klar sagen. Aber wir brauchen uns nicht vor unserer Vergangenheit zu scheuen. Es gilt aber auch, nach vorne zu sehen.

Was bringt die Zukunft?

Verbindungen werden immer wichtiger. Das sehen wir in unseren Reihen. Der Mitgliederzuwachs steigt konstant. Vor zehn Jahren haben wir jährlich noch 270 Mitglieder österreichweit aufgenommen, heute sind es jährlich über 340. Man sehnt sich nach Werten und Orientierung. Es werden auch neue Verbindungen gegründet, das heißt, es ist ein Bedarf da. Wir leben eine andere Art der Generationengerechtigkeit. Die Art und Weise, wie unsere alten Herren uns junge Aktive unterstützen, ist beispiellos. Ein Gedankenaustausch auf Augenhöhe. Das habe ich noch nirgends so kennen gelernt.

Die Generationengerechtigkeit gilt aber nur für ein Geschlecht. So wie bei den Burschenschaften dürfen Frauen auch im Cartellverband nicht Mitglied werden. Ist das noch zeitgemäß?

Es ist das Recht jeder Vereinigung zu bestimmen, wer die Mitglieder sein dürfen. Es gibt ja genauso Frauenvereinigungen, die keine Männer zulassen. Sie sagen auch, wir wollen unter uns sein. Im Cartellverband gab es gemischte Verbindungen. Das war jedoch weniger erfolgreich. Es war nicht mehr dasselbe, wie es vorher war. Wir scheuen aber nicht die Diskussion mit Frauen. Sie sind jederzeit herzlich willkommen, wie man auch oft bei unseren Veranstaltungen sehen kann.




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