• vom 22.05.2018, 13:59 Uhr

Stadtpolitik

Update: 22.05.2018, 15:47 Uhr

Michael Häupl

Alles, nur kein Balkonmuppet




  • Artikel
  • Fotostrecke
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (15)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, APA

  • Am Donnerstag nimmt der langjährige Wiener Bürgermeister Michael Häupl Abschied.

Eine seiner letzten Auftritte als Bürgermeister: Michael Häupl nach einer Sitzung der Landeshauptleute-Konferenz im Mai 2018 in Wien.

Eine seiner letzten Auftritte als Bürgermeister: Michael Häupl nach einer Sitzung der Landeshauptleute-Konferenz im Mai 2018 in Wien.© APAweb / Roland Schlager Eine seiner letzten Auftritte als Bürgermeister: Michael Häupl nach einer Sitzung der Landeshauptleute-Konferenz im Mai 2018 in Wien.© APAweb / Roland Schlager

Wien. Nach exakt 23 Jahren und 198 Tagen endet die Ära Häupl. Am Donnerstag gibt er das Amt des Bürgermeisters an seinen Nachfolger Michael Ludwig ab. Der 68-Jährige ist einer der Superstars der heimischen Sozialdemokratie - und das längst dienende Stadtoberhaupt seit Josef Georg Hörl (1773-1804). In Zukunft will er es ruhiger angehen und sicher nicht den "Balkonmuppet" spielen, wie er verspricht.

"Deine depperten Frösch' kannst du auch später noch zählen" - Mit diesem denkwürdigen Satz soll der frühere Bürgermeister Helmut Zilk seinen späteren Nachfolger in die Politik gelotst haben. Das Amt des Bürgermeisters trat Häupl im Herbst 1994 - konkret am 7. November - an, mehr als ein Jahr nach der Wahl zum Wiener Parteichef.

Die Jungen kennen keinen anderen Wiener Bürgermeister

Jüngere Wienerinnen und Wiener haben somit nie einen anderen obersten Rathausmann gekannt. Doch nicht nur für sie wird der Abschied vom Langzeit-Stadtchef einen Einschnitt bedeuten. Freunde und Konkurrenten werden einen mächtigen Weggefährten bzw. einen wortgewaltigen Gegner vermissen, der stets pointiert zu formulieren wusste - egal, ob eine ehrlich gemeinte Anerkennung auszusprechen oder eine süffisante Spitze anzubringen war.



Der studierte Biologe und bekennende Austria-Wien-Fan machte als erster SPÖ-Landeschef Österreichs mit den Grünen gemeinsame Sache. Im Vorfeld der Wien-Wahl im Herbst 2015 gab er die Devise aus, die rote Absolute zurückerobern zu wollen. Bald war jedoch klar, dass dies ein nicht mehr zu realisierender Traum bleiben würde. Durch vehemente Abgrenzung von FPÖ und Heinz-Christian Strache versuchte er den blauen Siegeszug und damit einhergehende deutliche Verluste für die Sozialdemokraten aufzuhalten. Das gelang zwar nicht, der Vorsprung zu den Blauen blieb aber respektabel.

Ein belesener Intellektueller, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt

Mit Aussprüchen wie "Wahlkampf ist Zeit fokussierter Unintelligenz" oder "Wenn ich 22 Stunden in der Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig" - gemünzt auf die Debatte über längere Lehrer-Arbeitszeiten - hat sich Häupl längst in die heimischen Zitate-Anthologien eingeschrieben. Er gilt als belesener Intellektueller, der sich bei öffentlichen Auftritten gern leutselig gibt.

Geboren ist der scheidende Wien-Chef außerhalb der Stadtgrenzen: Häupl kam am 14. September 1949 in Altlengbach (Niederösterreich) zur Welt und wuchs in einer ÖVP-nahen Lehrerfamilie auf. Der Bub besuchte unter anderem die Schule der Benediktiner in Seitenstetten. Nach der Matura begann er in Wien das Studium der Biologie und Zoologie. Ab dem Jahr 1975 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Naturhistorischen Museum und promovierte zwei Jahre später über die Schädelkinetik bei Gekkoniden, den Kleinechsen der Tropen. Schon während des Studiums erfolgte ein politischer Richtungswechsel: Er beendete seine Mitgliedschaft in einer Burschenschaft und dockte beim Verband Sozialistischer Studenten (VSStÖ) an. Als dessen Bundesvorsitzender fungierte er von 1975 bis 1977.

Zilk war sein politischer Ziehvater

1983 zog er in den Gemeinderat ein. Am 29. Jänner 1988 wechselte Häupl auf Wunsch seines politischen Ziehvaters Helmut Zilk als Umweltstadtrat in die Stadtregierung. Endgültig zu Zilks Kronprinzen auf das Amt des Bürgermeisters avancierte Häupl schließlich am 23. April 1993, als er die Nachfolge Hans Mayrs als Vorsitzender der Wiener SPÖ antrat. Die Wahl zum Stadtoberhaupt erfolgte am 7. November des Folgejahres, wobei Gemeinderatsvorsitzender Mayr den Neo-Bürgermeister damals als "Dr. Michael Haupt" vorstellte.

Häupl musste gleich bei seinem ersten Urnengang 1996 eine herbe Niederlage einstecken. Die rote Absolute war Geschichte, es folgte eine SPÖ-ÖVP-Koalition. 2001 konnten die für die Wiener SPÖ gewohnten Verhältnisse jedoch wiederhergestellt werden, wohl auch dank des erklärten Lieblingsfeindes des Bürgermeisters - der schwarz-blauen Bundesregierung. Sie wurde zum Hauptangriffsziel im Wahlkampf.

Das Rote Wien: Häupl konnte 2005 die Absolute leicht ausbauen

Die Absolute konnte Häupl im Wahljahr 2005 nicht nur verteidigen, sondern sogar leicht ausbauen. Fünf Jahre später mussten die Roten mit 44,3 Prozent jedoch deutliche Stimmenverluste hinnehmen und kamen nur mehr auf 49 von 100 Mandaten. Häupl, der bis dahin als bekennender Großkoalitionär galt, entschied sich diesmal für einen Regierungspakt mit den Grünen, wobei er das Koalitionsabkommen per "Man bringe den Spritzwein" öffentlich besiegelte.

Das Stadtoberhaupt ist in dritter Ehe mit Barbara Hörnlein, der ärztlichen Direktorin der Wiener Gebietskrankenkasse, verheiratet. Aus seinen vorangegangenen Ehen gingen zwei Kinder hervor, wobei Sohn Bernhard auch in der SPÖ aktiv ist. Häupl urlaubt bevorzugt in der Toskana und frönt dem Fußball - wobei er im Kuratorium der Wiener Austria sogar den Vorsitz innehat. Dem Punk ist der Politikerprofi auch nicht abgeneigt: "London Calling" von The Clash ist sein Lieblingsalbum.

Eine turbulente letzte Phase

Vergleichsweise wild und turbulent verlief auch die letzte Phase seiner Ära. Denn bis vor nicht allzu langer Zeit wäre es völlig undenkbar gewesen, Häupl unverblümt den Abgang nahezulegen. Doch genau dies ist passiert. Aufgebrochen sind interne Gräben, die möglicherweise lange nur gut verschüttet waren, im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage jedoch offen zutage traten. Der Groll richtete sich zunächst gegen den damaligen Kanzler Werner Faymann. Die Proteste kulminierten bei der Kundgebung am 1. Mai 2016 - worauf der Regierungschef wenig später zurücktrat. Das bescherte Häupl kurzfristig sogar ein Intermezzo als Bundesparteichef.

Wenig später folgte dann die Retourkutsche: Vertraute des Kanzlers - also etwa der einstige Wiener Landesparteisekretär Christian Deutsch oder Ex-Bundesgeschäftsführer Gerhard Schmid - forderten Häupl unverhohlen auf, seine Nachfolge zu regeln. Auch aus den sogenannten Flächenbezirken wehte dem Stadt- und Parteichef plötzlich rauer Wind entgegen, wobei die Spaltung auch hier zu spüren war und die Bezirksfraktionen in dieser Frage keineswegs immer geschlossen auftraten.

Häupl und die Wiener SPÖ versuchten gegenzusteuern. Der Chef fühlte sich letztendlich aber dennoch veranlasst anzukündigen, "zeitnah" nach der Nationalratswahl den Hut zu nehmen.

"Es beginnt eine freiere Zeit" - aber nicht die eines Balkonmuppets

Am 27. Jänner dieses Jahres gab Häupl zunächst einmal den Parteivorsitz der Wiener SPÖ ab. 25 Jahre nach seiner Kür wurde im Rahmen eines Sonderparteitages mit Michael Ludwig ein neuer Obmann gewählt. Nun tritt er auch als Bürgermeister ab, Ludwig folgt ihm auch in dieser Funktion. "Ich weiß ganz sicher, es gibt ein Leben nach der Politik", sagte er bei einem Abschiedstreffen mit Medien. "Es beginnt eine freiere Zeit des Lebens." Auch wenn er sicher nicht "den Balkonmuppet" spielen werde, wird Häupl nicht beschäftigungslos sein: Häupl wird ein Büro beim Wiener Wissenschafts-, Forschungs-und Technologiefonds (WWTF) beziehen, dessen Präsident er ist.





Schlagwörter

Michael Häupl, SPÖ, Wien, Helmut Zilk

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-22 14:03:04
Letzte Änderung am 2018-05-22 15:47:19


Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter




Start-up

Der eingebremste Weltretter

Gründer Martin Wesian im Hinterhof seiner Firma Helioz auf der Mariahilfer Straße. - © Saskia Blatakes Wien. Durst, Wasserhahn aufdrehen, trinken. So einfach ist das in Österreich. Aber mehr als 660 Millionen Menschen in Afrika... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die allerverborgenste Kirche von Wien
  2. Fahrerlose Busse in Wien
  3. Kein Happy End für "Kino unter Sternen"
  4. "In Gedanken bin ich schon weg"
  5. Kontroverse um Radweg beim Wiener Naschmarkt
Meistkommentiert
  1. Liste der verbotenen Speisen
  2. "Das Stigma ist sehr groß"
  3. Nach dem Leberkäse die Würstel?
  4. Aufregung um Begegnungszone
  5. Kontroverse um Radweg beim Wiener Naschmarkt

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung