• vom 02.06.2018, 08:00 Uhr

Stadtpolitik

Update: 05.06.2018, 08:25 Uhr

Segregation

Die Wiener von morgen




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Von Bernd Vasari

  • 60 Prozent der Volksschüler haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Eine gebildete, linksliberale Mittelschicht versucht, ihre Kinder von ihnen abzuschotten. Die rot-grüne Stadtregierung unterstützt sie dabei.

An Wiens Volksschulen findet eine schleichende Entmischung statt. - © apa/Schneider

An Wiens Volksschulen findet eine schleichende Entmischung statt. © apa/Schneider



Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (links) appelliert an die Eltern. Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (rechts) sieht kein Problem.

Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (links) appelliert an die Eltern. Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (rechts) sieht kein Problem.© apa/Techt Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (links) appelliert an die Eltern. Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (rechts) sieht kein Problem.© apa/Techt

Wien. Alma und Josef sind schüchtern. Zwar eigenständig, aber auch sensibel. Sie sind große Gruppen nicht gewöhnt. Zu viele Kinder auf einmal machen ihnen Angst. Wir möchten nicht, dass sie dort keine Freunde finden, alleine sind, vielleicht sogar ausgelacht werden. Wir haben uns deswegen gegen die Volksschule gleich ums Eck entschieden. Sie sind in der Schule, die wir ausgesucht haben, besser aufgehoben. In jener Schule, in die auch Frida, Amelie und Jonas gehen. Und nicht Hamid, Milos und Aygül.

Geht es um die Schulwahl ihres Kindes, ist der Weg eines Menschen mit weltoffenem, linksliberalem Multikulti-Anspruch zum kleinbürgerlichen Globalisierungsgegner nicht weit. So, als müssten sie mit ihren Ellbogen tagtäglich um ihr Überleben in dieser Gesellschaft kämpfen, verhalten sie sich wie jene, auf die sie sonst herabsehen.

Das eigene Junggenie mit migrantischen Kindern in eine Klasse geben? Nein, das wäre nur hinderlich für den Lernerfolg. Das Ergebnis: Eine schleichende Entmischung an Wiens öffentlichen Schulen. Nach der Oberschicht, die ihre Kinder in Privatschulen schickt, möchte nun auch die gebildete Mittelschicht unter sich bleiben. Die rot-grün geführte Stadt Wien spielt dabei mit.

SPÖ-Bildungssprecher Heinz Vettermann schaut seit 20 Jahren zu.

SPÖ-Bildungssprecher Heinz Vettermann schaut seit 20 Jahren zu.© SPÖ Wien SPÖ-Bildungssprecher Heinz Vettermann schaut seit 20 Jahren zu.© SPÖ Wien

Es gibt klare Regeln, welches Kind in der jeweiligen Volksschule einen Platz bekommt. Es zählt die Wohnortnähe und ob bereits ein Geschwisterkind die Schule besucht. Sollte dann noch Platz frei sein, können auch Kinder aufgenommen werden, die beide Kriterien nicht erfüllen. Die Regeln sind eindeutig. Doch sie werden umgangen.

Hamid, Milos, Aygül haben keine Chance

Ein beliebter Trick ist das Ummelden seiner Kinder bei Bekannten, die in der Nähe der ausgesuchten Schule wohnen. Doch noch sicherer ist es über die Stadt selbst. Recherchen der "Wiener Zeitung" ergaben, dass dies System hat. Kinder, die weder ums Eck wohnen noch Geschwisterkinder in der Schule haben, kommen in die Schule. Hamid, Milos, Aygül, die näher wohnen, haben keine Chance. Sie werden den sogenannten Brennpunktschulen im Bezirk zugeordnet. Es sind Schulen mit der höchsten Risikogruppe: Das Familieneinkommen ist gering, die Familiensprache ist eine andere als Deutsch.

Die frühere grüne Bildungs sprecherin Susanne Jerusalem fordert Maßnahmen.

Die frühere grüne Bildungs sprecherin Susanne Jerusalem fordert Maßnahmen.© CC/GuentherZ Die frühere grüne Bildungs sprecherin Susanne Jerusalem fordert Maßnahmen.© CC/GuentherZ

"Da rennt ein gut geöltes Werkl vor sich hin", sagt Susanne Jerusalem, die 20 Jahre Bildungssprecherin der Grünen im Gemeinderat war. Es gebe viele Sonntagsreden, nur gegen die zunehmende Trennung von Bevölkerungsgruppen werde nichts getan. Mit den politischen Verantwortlichen geht sie hart ins Gericht: "Bürgermeister Häupl hat sich in den vielen Jahren nicht dafür interessiert. Er hatte keine Ahnung, er redete einfach irgendwas." Zum vorhergehenden Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch sagt sie: "Das war gar nichts." Und zur langjährigen Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl: "Das war eine Katastrophe. Sie war nur eine Verwalterin."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-01 17:25:21
Letzte Änderung am 2018-06-05 08:25:08


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