• vom 12.06.2018, 18:21 Uhr

Stadtpolitik


Türkei

Türkischer Wahlkampf an Wiener Schulen




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (43)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Daniel Bischof und Alexander U. Mathé

  • In Briefen werden Schüler aufgefordert, Erdogan und die AKP zu wählen.

- © reuters/Umit Bektas

© reuters/Umit Bektas

Die Wahlwerbung trägt die Unterschrift Erdogans.

Die Wahlwerbung trägt die Unterschrift Erdogans.© apa/Techt Die Wahlwerbung trägt die Unterschrift Erdogans.© apa/Techt

Wien. Werbung der Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist an Wiener Schulen verteilt worden. Der Stadtschulrat für Wien bestätigte am Dienstag einen Bericht der "Kronen Zeitung", wonach Briefe mit dem Absender der türkischen AK Partei und unterschrieben von Erdogan direkt an Schülerinnen und Schüler adressiert an Schulen eingelangt sind. Als Absender scheint die "AK Parti Genel Merkezi, Sögütözü Cad. No: 6 Ankara" auf.

Inhaltlich bezieht sich der Brief auf den aktuellen Wahlkampf in der Türkei. Am 24. Juni finden dort Präsidenten- und Parlamentswahlen statt. Die Schüler werden in dem Schreiben indirekt aufgefordert, Erdogan und die AKP zu wählen. Seit knapp einer Woche können die im Ausland lebenden Türken ihre Stimme im türkischen Generalkonsulat in Wien abgeben. Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft, die in Österreich leben, tendieren traditionell eher zu Erdogan und der AKP. Das kann wiederum im Falle eines knappen Rennens den Ausschlag für Erdogan geben.


So stimmten in Österreich beim 2017 von Erdogan initiierten Verfassungsreferendum fast 75 Prozent der Auslandstürken für die Einführung des Präsidialsystems und für einen Machtausbau von Erdogan. Zum Vergleich: In der Türkei selbst haben lediglich 51,41 Prozent der Wahlberechtigten für die Einführung gestimmt.

Meldung weiterer Fälle
wird erwartet

Bisher seien Fälle aus einem Floridsdorfer Gymnasium und einer Neuen Mittelschule in der Donaustadt bekannt, hieß es vom Stadtschulrat. "Wir haben alle Schulen in Wien dazu aufgefordert, uns den Erhalt solcher Briefe zu melden und diese keinesfalls auszuteilen", sagte ein Sprecher des Stadtschulrats gegenüber der "Wiener Zeitung".

Es dürfte noch eine Weile dauern, bis mögliche weitere Fälle auch von anderen Schulen gemeldet werden. Die aktuellen Meldungen seien erst kürzlich von den Direktionen der Schulen abgegeben worden. "Realistisch ist davon auszugehen, dass die Zahl der Fälle noch ansteigen wird", erklärte der Sprecher.

Dass die Briefe tatsächlich - wie beschriftet, ausgewiesen und unterschrieben - von Erdogan und der AKP stammen, konnte bisher nicht verifiziert werden.

Der Fall wirft laut Stadtschulrat auch datenschutzrechtliche Fragen auf. Es sei jedenfalls skurril, dass die Werbung an Schüler in ihren Schulen geschickt worden sei und nicht an deren Wohnadresse. In einem Fall sei der betroffene Schüler gar nicht mehr an der Schule angemeldet gewesen. Da stelle sich die Frage, woher die Daten kommen. Das Altersspektrum der Adressaten bewegt sich im Rahmen von 14 Jahren aufwärts.

Czernohorszky: "Briefe sind völlig inakzeptabel"
Die Werbung wird vom Sprecher des Stadtschulrats als "staatstragend, aber nicht aggressiv" bezeichnet. Es werde auf die bevorstehenden Wahlen und die Möglichkeit in Wien zu wählen hingewiesen. Die großen Erfolge der Türkei unter Präsident Erdogan in den letzten Jahren werden ebenfalls in dem Schreiben angepriesen. Nach 16 Jahren guter Regentschaft brauchten Erdogan und die AKP aber die Unterstützung der Wähler, damit die Türkei auch weiterhin gut dastehe.

"Solche Briefe an Schüler - überdies adressiert an eine Schuladresse - sind völlig inakzeptabel. Unsere Wiener Schulen sind kein Ort für einen türkischen Wahlkampf", erklärten Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky und Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer (beide SPÖ). Das Bildungsministerium, Außenministerium und die türkische Botschaft seien über die Vorfälle informiert worden.

Gudenus: "Erdogan hält Wien für eine Provinz der Türkei"
Von einem "unfassbaren Skandal" sprach der Wiener FPÖ-Landesparteiobmann und Parlamentsklubobmann Johann Gudenus. Nicht nur, dass der Arm des türkischen Diktators offenbar bis in die Wiener Wohn- und Klassenzimmer reiche. Erdogan halte Österreich und vor allem Wien wohl für eine Provinz der Türkei, meinte der FPÖ-Politiker.




3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-12 18:28:23


Rohstoffe

Das Gold der Städte

Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen... weiter




Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mit Hakenkreuz im Badezimmer
  2. Krawuzikapuzi: Andre Heller rettet Kasperl und Pezi
  3. Unternehmer wollen Seidenstraße
  4. Die Weltraumpioniere
  5. Rückgang bei Lagezuschlägen erwartet
Meistkommentiert
  1. "Muss schlichten statt unterrichten"
  2. Unternehmer wollen Seidenstraße
  3. "Das war ein Amoklauf"
  4. Durch Wien mit dem Elektro-Leihroller
  5. Zocken gegen Demenz

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung