• vom 25.09.2018, 15:55 Uhr

Stadtpolitik


gemeinnütziger Wohnbau

Sozialwohnungen für Touristen




  • Artikel
  • Kommentare (10)
  • Lesenswert (158)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bernd Vasari

  • Immobilienfirma mit Miteigentümer Michael Tojner vermietet gemeinnützige Wohnungen um das Zehnfache.

Für sozial schwache Wiener gebaut, nun am privaten Markt vermietet, die Wohnungen in der Mommsengasse. - © Stanislav Jenis

Für sozial schwache Wiener gebaut, nun am privaten Markt vermietet, die Wohnungen in der Mommsengasse. © Stanislav Jenis

Leerwerdende Wohnungen werden sofort renoviert und an Touristen vermietet, erklären Bewohner.

Leerwerdende Wohnungen werden sofort renoviert und an Touristen vermietet, erklären Bewohner. Leerwerdende Wohnungen werden sofort renoviert und an Touristen vermietet, erklären Bewohner.

Wien. Gratis wohnen, mitten in Wien, fünf Minuten entfernt vom Schloss Belvedere. Ein schlechter Scherz? Mitnichten. Um etwas mehr als 100 Euro pro Nacht können Appartements in den beiden Wohntürmen an der Ecke Belvederegasse/Mommsengasse im 4. Bezirk von Urbanauts Hospitality GmbH gemietet werden. 45 Quadratmeter, teilweise mit Blick auf Wien, voll ausgestatteter Küchenzeile, Badewanne, Kaffeemaschine, Kochfeld. Um das Geld gänzlich wieder zurückzubekommen, ist einzig eine Anzeige bei der Schlichtungsstelle notwendig.

Wie ist das möglich? Die vermieteten Appartements sind eigentlich gemeinnützige Sozialwohnungen. Der Vermieter darf von seinen Mietern daher nur höchstens 3,86 an Miete/Quadratmeter plus Betriebskosten (etwa 2,20 Euro/m2) plus zehn Prozent Umsatzsteuer verlangen. Das besagt das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz (WGG). Bei 45 Quadratmetern sind das 290 Euro pro Monat, knapp 10 Euro pro Nacht. Der veranschlagte Mietpreis von 100 Euro pro Nacht übersteigt den Maximalwert hingegen um das Zehnfache.

Laut Gesetz sind keine
Kurzmieten möglich

Weiters ist eine Befristung unter drei Jahren nicht vom WGG gedeckt. Dieses kennt keine Kurzzeitbefristungen als Urlaubsunterkunft oder kurzfristigem Zweitwohnsitz.

Wie die Grünen in der "Presse" bereits ankündigten, mietete sich ein Mitarbeiter der Partei für zwei Nächte in einer der Wohnungen ein. 198 Euro zahlte er für 42,7 Quadratmeter. Danach ging er zur Schlichtungsstelle, die sich mit den Vermietern in Verbindung setzte. Der "Wiener Zeitung" liegt nun das Ergebnis vor: Ein paar Tage nach der Anzeige des grünen Mitarbeiters überwiesen Urbanauts das Geld zurück, das Verfahren wurde eingestellt.

Die entgangenen Einnahmen werden die Vermieter jedoch verschmerzen können. Denn mehr als zehn der insgesamt 131 Sozialwohnungen in dem Gebäude werden bereits auf Urlaubsplattformen angeboten. Anzahl steigend. Bewohner erklären, dass leerwerdende Wohnungen sofort renoviert und über Urbanauts an Touristen vermietet werden.

Beteiligt an der Urbanauts Hospitality GmbH sind etwa die Grätzl Betriebs GmbH mit Geschäftsführer Clemens Kopetzky und Wertinvest, das Immobilienunternehmen des Heumarkt-Investors Michael Tojner.

"Es ist unerträglich, wie hier mit Sozialwohnungen umgegangen wird", sagt der grüne Klubobmann David Ellensohn. "Es wundert mich nicht, dass immer dieselben Namen auftauchen, wenn es um die Privatisierung von gemeinnützigen Wohnungen geht."

"Vorgehen des Vermieters
ist rechtswidrig"

Zuletzt tauchte Tojners Name beim Verkauf von 3000 Sozialwohnungen des gemeinnützigen Bauträgers WBV-GFW auf. So soll Tojner im Hintergrund die Fäden gezogen haben. Kritiker befürchten, dass durch die Transaktion die Gemeinnützigkeit verloren gehen könnte. Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal (SPÖ) hat sich zuletzt gegen den Verkauf ausgesprochen. Dieser soll nun rückabgewickelt werden.

Im Fall der beiden Wohntürme in der Mommsengasse sei das Vorgehen des Vermieters rechtswidrig, sagt Ellensohn. "Die Wohnungen dürfen nicht zu diesem Preis vermietet werden. Hier werden Genossenschaftswohnungen missbraucht", sagt Ellensohn.

Auch Kathrin Gaal kritisiert die Vermietung der Sozialwohnungen: "Die Wohnungen unterliegen dem WGG und nicht dem privaten Markt." Eine gemeinnützige Wohnung darf zwar verkauft werden, sie darf aber nicht beliebig hoch vermietet werden.

Erbaut wurden die beiden Wohntürme Anfang der 1960er Jahre durch die Gemeinnützige Bau- und Siedlungsgesellschaft mbH (Gesfö). Vor drei Jahren kaufte Jump Immobilien GmbH & Co KG das Gebäude um mehr als drei Millionen Euro. Nach einer Namensänderung heißt sie nun Saltus Immobilienentwicklung GmbH & Co KG. Sie ist als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen. Die Vermietungen erfolgen unter dem Namen Etagerie-Urbanauts Hospitality GmbH.





10 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-09-25 15:48:26
Letzte Änderung am 2018-09-25 15:52:09



Rohstoffe

Das Gold der Städte

Elektroschrott landet in vielen Ländern immer noch auf Mülldeponien. - © apa/dpa/Julian Stratenschulte Wien. In unseren Schubladen liegt Gold. Aus den mehr als zehn Millionen Handys, die schätzungsweise in Österreich ungebraucht herumliegen... weiter




Kulturticket-App

Goethes Gretchen - eine App

Die beiden Gründer Wolfgang Graf (r.) und Gerald Stockinger. - © Stanislav Jenis Wien. Die Unternehmensgründung von "Ticket Gretchen" erfolgte im klassischen Start-up-Sinn. Aus einem persönlichen Bedürfnis entstand eine Idee... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Rechnungshof kritisiert zu teure Poller
  2. Der berühmteste Katzenfreak von Wien
  3. Wer die Touristenströme lenkt
  4. Brauner verlässt Parteivorstand
  5. Wo stecken die Planstellen?
Meistkommentiert
  1. "Mit Verfassung und EU-Recht nicht vereinbar"
  2. Mehr Sicherheit vor Schulen
  3. "Milli Görüs ist extrem anti-integrativ"
  4. Die Letzten werden die Ersten sein
  5. Neos fordern 13,8 Millionen Euro für sicherere Schulwege

Siemensgebäude

Der Investor und das Kreta-Viertel

In den tristen Betonbauten findet Zwischennutzung im großen Stil statt. - © Phillipp Hutter Wien. Am Rande von Kreta steht ein Zaun. Er soll nicht Flüchtlinge davon abhalten, Griechenland zu betreten. Er soll Wiener davon abhalten... weiter




Zwischennutzung

Die Hegemonie über die Zwischenwelt

Ein Gelände, zwei Welten: Auf der einen Seite ein geförderter Zwischennutzungs-Hub bei der Karl-Farkas-Gasse in Neu Marx . . . Wien. Es gibt Entwürfe, die in der Schublade verschwinden. Andere, die realisiert werden. Und dann gibt es jene Entwürfe... weiter





Stadtplanung

Höchstens 58 Meter

Am Areal beim Franz-Josefs-Bahnhof ist eine Überplattung mit terrassenförmigen Gebäuden geplant. - © apa/Zoomvp.at/Zoom visual Project GmvH Wien. 126 Meter hoch hätte gebaut werden dürfen - letztendlich hat man sich auf 58 Meter als höchsten Punkt beschränkt: In Wien wurde am Donnerstag... weiter




Bauen

"Wir bauen den größten Sondermüll der Baugeschichte"

Workers spreading mortar over styrofoam insulation and mesh with trowel - © fotolia/Dagmara_K Wien. Wenn Dietmar Steiner (67) auf einer europäischen Landkarte überall dort ein Fähnchen stecken würde, wo ein Bau steht... weiter





Athen

Gründen gegen die Wirtschaftskrise

Athen. 42 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur ist Athen wieder auf dem Boden gelandet. Schlechte Jobchancen, zusammengekürzte Sozialleistungen und... weiter




Teheran

Irans Nerds

Über den Dächern Teherans eifern junge Männer und Frauen ihrem Idol Steve Jobs nach. - © Solmaz Khorsand Teheran. Lang und breit könnte Nasser Ghanemzadeh über sein Leid klagen. Darüber, wie quälend das Leben in einer Islamischen Republik ist... weiter






Werbung