- © Blatakes
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Wien. Ein Wohnzimmer in Wien. Alle ruhen sich nach dem Abendessen aus. Der Gast hat es sich auf einem mit weichem Polster bespannten Holzhocker gemütlich gemacht. Der Bauch ist voll, die Augenlider werden schwer - die Ruhe nach dem Schlemmen. Doch im Inneren des Hockers ist der Teufel los. Da wird gekrochen, gefressen, sich an Kontrahenten vorbeigedrängt. Dabei ist das Buffet nicht gerade appetitlich: Vertrocknete Erdäpfelschalen, angegammelte Apfelreste und lasche Salatblätter gibt es heute. Die Würmer sind zufrieden. Die Hälfte seines Körpergewichts verdrückt ein gemeiner Regenwurm pro Tag. Und macht so ganz nebenbei aus Essensresten feinsten Dünger. Und das so gut wie geruchlos.

Die Idee zum Möbelstück mit Innenleben kam David Witzeneder während des Studiums an der Universität für Bodenkultur in Wien. Den Studenten aus Oberösterreich ärgert es, dass die Küchenabfälle in Wien meistens im Restmüll enden. Schlecht für die Umwelt und schade um die gute Erde, die daraus hätte werden können, denkt er sich und beginnt, erfinderisch mit seinem Biomüll umzugehen: Zum Beispiel entsorgt er ihn kurzerhand, indem er ihn im Türkenschanzpark hinter Büschen verteilt und so der Flora eine Extraportion Nährstoffe zukommen lässt. Auch das ist Guerilla Gardening.


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Wurmkiste
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Als sich sein Studium langsam dem Ende zuneigt, gesellt sich zur Not der "Kompostlosigkeit" noch eine existenziellere Frage: Was tun mit einem Studium in Agrarwissenschaft? Sein Wunsch, sich selbständig zu machen, wird immer größer - geprägt vom Großvater, der in seiner Glaserei daheim in Andorf ein Leben lang sein eigener Herr gewesen ist. Eines Tages liegt Witzeneder zwischen zwei Vorlesungen im Türkenschanzpark in der Sonne und macht ein Schläfchen. Als er aufwacht, hat er einen Geistesblitz: Würmer seien die Lösung für das Kompostproblem der Städter.

Seinem Kommilitonen erzählt er von seiner Idee. Und dieser hat ausgerechnet eine Wurmbox aus Plastik zuhause auf dem Balkon. Das müsste sich doch leicht nachbauen lassen, denkt sich Witzeneder. Aber warum nicht gleich aus Holz? Warum nicht eine Sitzgelegenheit daraus machen, die die Kompostierung auch in Stadtwohnungen möglich machen könnte?

Tausend Euro Startkapital

Witzeneders nächste Adresse ist sein Bruder Thomas, ein ausgebildeter Tischler. In den Semesterferien bauen die beiden den ersten Prototyp. Zurück in Wien bieten die Brüder Workshops an, in denen jeder lernen kann, wie man eine Wurmkiste baut. Das Interesse ist groß. Witzeneder hat zum ersten Mal das Gefühl, dass aus seinem Projekt mehr werden könnte: "Ich war so begeistert und überzeugt, dass die Wurmkiste eine gute Idee ist. Ich hatte zwar Angst vor dem Schritt in die Selbstständigkeit, aber ich wollte es wenigstens einmal versucht haben. Geholfen hat mir, dass ich noch als Student versichert war. Das hat es leichter gemacht."