• vom 09.04.2017, 09:09 Uhr

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Update: 09.04.2017, 12:47 Uhr

E-Mobilität

In den Köpfen angekommen




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Von Bernd Vasari aus Berlin

  • Elektrische Öffi-Busse, selbsteinparkende Autos, Fahrverbote. Die deutsche Autoindustrie setzt in Zukunft auf emissionsfreien Verkehr in Städten.

Wachsende Städte wie Wien waren stets ein gutes Geschäft für die Autoindustrie. Die Rechnung lautete: Je mehr Städter, desto mehr Straßen, desto mehr Platz für Autos, desto mehr verkaufte Autos. Die Fahrzeuge formten die Stadt. Der Greißler wurde durch Supermärkte mit vorgelagerten Parkplätzen ersetzt, Gehsteige und Gleisbetten für Straßenbahnen mussten Schnellstraßen und Autobahnen weichen. Wachsende Städte wie Wien wachsen heute noch schneller. Doch die Rechnung von früher geht für die Fahrzeughersteller nicht mehr auf.

Ein Dilemma, das beim jährlichen Zusammentreffen der deutschen Automobilindustrie in Berlin von allen Seiten beleuchtet wurde. Larissa Braun, Leiterin von Audi Urban Solutions brachte es auf den Punkt: "Heute formt die Stadt das Auto. Wir müssen uns anpassen."

Was war passiert?

Unter den Städtern ist ein neues Bewusstsein entstanden. Ein Bewusstsein in Richtung Lebensqualität und Umweltschutz. Das hat einen guten Grund. Abgas-Horrorszenarien wie in Peking, Mexiko-City und Santiago de Chile waren aus europäischer Sicht lange Zeit nur weit entfernte Probleme, um die man sich nicht kümmerte. Das hat sich geändert. Smog und hohe Feinstaubwerte sind mittlerweile auch in Paris, Berlin und Wien angekommen. Laut Messungen des österreichischen Umweltbundesamtes und der MA22 war die Feinstaubbelastung im vergangenen Winter in Wien noch nie so hoch. Die "Wiener Zeitung" berichtete.

Smartphone statt Führerschein

Das Auto hat aber auch seine Rolle als Statussymbol verloren. Die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten und Mobilitätsformen. Statt Führerschein, Zulassung und Autoschlüssel reicht heute das Smartphone, um sich mit Carsharing, Uber und anderen niederschwelligen Mietmodellen von A nach B zu bewegen. Der Besitz eines Autos ist daher nicht mehr notwendig.

Es gibt zudem auch immer weniger Platz für Pkw. Wer mit dem Auto in der Früh in die Arbeit fährt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit im Stau stehen und am Abend beim Heimkommen im Kreis fahren, um einen Parkplatz zu finden.

Zu all diesen Problemen wurde bei der Konferenz eine Menge Zahlen hin und her gewälzt. 25 Prozent des Großstadtverkehrs sei heute Parkplatzsuchverkehr, 4000 Menschen sterben pro Tag aufgrund von Feinstaub in China, 1,2 Milliarden Pkw gibt es auf der Erde, zu 95 Prozent der Zeit stehen sie jedoch ungenutzt herum, hieß es da.

Doch wie soll der Stadtverkehr in Zukunft umweltfreundlicher gestaltet werden?

Audi will die Technologie pilotiertes Parken auf den Markt bringen. Die Autos sollen dabei fahrerlos in Parkhäuser einparken. 60 Prozent an Parkplätzen könnten in den Parkhäusern damit eingespart werden, rechnet Larissa Braun vor. Schließlich würden die Autopiloten dichter parken und schmalere Fahrspuren benötigen. Fußwege, Stiegenhäuser und Aufzüge wären nicht mehr notwendig. Mit dem gewonnenen Platz könnten Parkplätze im Öffentlichen Raum eingespart werden. Auf den Straßen wären daher weniger Autos auf Parkplatzsuche unterwegs.

Für Jürgen Bilo, Vize-Präsident der Sparte Strategie und Innovation bei Continental, müssten die Städte verstärkt auf Push und Pull Faktoren setzen. Auf der einen Seite Einfahrtverbote für Autos mit hohem CO2-Ausstoß, auf der anderen Seite ein Ladenetz für emissionsfreie Fahrzeuge. Weiters sollten nur kleinere Fahrzeuge in besonders dichten Stadtvierteln Zutritt haben. Den Ausbau des Radwegenetzes hält er ebenso für sinnvoll. Bilo verweist dabei auf das Beispiel Kopenhagen, wo es bereits sehr gut ausgebaut sei. Die Idee der Smart City, wo intelligente Technologien den Verkehr steuern, hält er für ein gutes Konzept. "Das Zusammenspiel zwischen Öffis, Fußgängern, Individueller Verkehr und Ampeln muss besser werden", sagt er.

Trendwende für Elektro-Antrieb

Lange Ladezeiten, ein schlechtes Ladenetz, zu hoher Anschaffungspreis. Das Image des Elektromotors unter den Autofahrern ist nach wie vor schlecht. Dabei ist der Elektromotor im Vergleich zu anderen emissionsfreien Antrieben am höchsten entwickelt. Nun wollen die Hersteller über die Öffis die Trendwende schaffen. Wenn es bei den Bussen funktioniert, werden auch die Kunden ihre Meinung ändern, so der Tenor auf der Konferenz.

"Die Zeit ist reif um Elektroantrieb für die Serie zu entwickeln. Und das machen wir", sagt Wolfgang Prokopp von Daimler Busses. Er räumt aber ein, dass eine 1:1 Umstellung von Diesel- auf Elektrobussen nicht möglich sei. "Diesel hat sich über Jahrzehnte zum letzten Stand der Technik entwickelt. Der Elektromotor ist hingegen der Newcomer. Es ist viel zu tun."

Auch bei den Herstellern MAN und Bombardier Primove ist man überzeugt, dass die Zukunft im urbanen Raum elektrisch ist. Beide produzieren bereits Busse in Serie. In Braunschweig, Berlin, Mannheim und Brugge führt Bombardier seit drei Jahren einen Linienbetrieb durch.

Von Zahlen wie in China kann man aber nur träumen. Etwa 1000 E-Busse sind bereits in der südchinesischen Metropole Shenzhen unterwegs.

Hat man sich in Europa zu lange Zeit gelassen und läuft nun Gefahr von China in der Entwicklung überholt zu werden?

"In der Politik hat man die Notwendigkeit erkannt, dass man nun etwas tun sollte, um die Klimaziele zu erreichen. Auch die Betriebe sind jetzt bereit", sagt Felix Kybart von MAN: "Es hat aber gedauert bis es in den Köpfen angekommen ist."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2017-04-08 13:05:55
Letzte Änderung am 2017-04-09 12:47:28



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