Straßenschilder kommen einem unverrückbar und langlebig vor. Doch wenn man die 6743 Gassen, Straßen und Plätze der Stadt Wien im Zeitraffer betrachtet, sieht man emsige Vollzugsorgane am Werk, die so manche eherne Tafel im Takt der Epochen an- und wieder abschrauben. Der Wiener Autor und Verlagsmanager Peter Autengruber ist die Wiener Bezirke durchgegangen und hat von den Straßenschildern die jeweiligen Zeichen der Zeit akkurat abgelesen.

Die Habsburger zum Beispiel, die vor allem den prächtigeren Verkehrswegen ihre Namen liehen, mussten nach der Ausrufung der Republik zügig den republikanischen Bezeichnungskonventionen weichen. Der "Kaiser-Karl-Ring", 1917 ausgerufen, wurde schon ein Jahr später wieder in "Opernring" umbenannt.

Autengruber widmet sich ausführlich dem politischen Gehalt der Straßennamen. Die erste Umbenennungswelle aus politischen Motiven erfolgte während der Revolution 1848, die blutig und schnell wieder niedergeschlagen wurde. Und mit den Hoffnungen auf Freiheit verschwanden auch die Straßenschilder, die Bezeichnungen wie "Barrikadenstraße" und "Volksplatz" trugen.

Am eifrigsten schraubten die Nazis an den Straßenschildern, sie wollten fanatisch ihre "Blutzeugen der Bewegung" im öffentlichen Raum verankern und gleichzeitig alles Jüdische verschwinden lassen. Der Führer bekam den Rathausplatz zugesprochen, der fortan Adolf-Hitler-Platz hieß. Und ein Teil der Ketzergasse mutierte zur Adolf-Hitler-Straße. Davor hatte die Ständestaats-Diktatur versucht, sich nominal im Roten Wien zu verewigen, und so bekam Wien einen Dollfußplatz anstelle des Freiheitsplatzes. Später tauften die Nazis den Platz vor der Votivkirche Hermann-Göring-Platz. Heute heißt er Rooseveltplatz, benannt nach dem Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Es sind die prominenten Adressen, an denen sich Epochenbrüche und Zäsuren zweifelsfrei ablesen lassen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand Österreich zu sich selbst, Wien wurde internationaler und Problemfällen der Namensgebung nahm sich zunehmend ein fundierteres Geschichtsbewusstsein an. Ein Beispiel der jüngeren Geschichte ist der Universitätsring. Mit Karl Lueger, dem ursprünglichen Namensgeber, musste ein bekennender Antisemit dem historischen Urteil weichen, gleichwohl er zu Lebzeiten ein vielbesungener Bürgermeister war.