Wer sich mit diesen Problemen quält, könnte ein Mobbingopfer sein. Zwei bis fünf Mal täglich bekommt Ilse Reichart von der Mobbingberatung des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) telefonische Anfragen zu Mobbing. "Immer mehr Arbeitnehmer fühlen sich von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen. Das muss auch der Öffentlichkeit verstärkt bewusst gemacht werden", fordert die Leiterin des ÖGB-Beratungszentrums, Elisabeth Rolzhauser.

Genaue Zahlen zu Mobbing gibt es in Österreich nicht. Weder die Arbeiterkammer noch das Arbeitsministerium kann damit dienen.



Arbeitsmarktsituation fördert Mobbing


Woher kommt dieses angriffslustige Klima? Für die Beraterin und Supervisorin Ildiko Naetar-Bakcsi liegen die Ursachen in der wirtschaftlichen Situation. "Es ist kein Zufall, dass Mobbing jetzt so verstärkt auftritt", meint die Expertin. Wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und organisatorischer Druck würden den perfekten Nährboden für ein feindliches Arbeitsklima schaffen. Durch intransparente Änderungen im Betrieb hätten Mitarbeiter das Gefühl, um ihren Platz kämpfen zu müssen. "Mobbing ist ein Mittel, mit der Situation umzugehen", meint Naetar-Bakcsi.

Es liegt also nicht an der Bösartigkeit einer Person? Reichart meint: "Nein. Ich glaube nicht, dass es die Mobbingpersönlichkeit schlechthin gibt."

Bei Mobbing kommt es laut Naetar-Bakcsi zu einer Machtverschiebung: Der Gemobbte gerät in eine ohnmächtige Lage, der Mobber hingegen hat unverhältnismäßig viel Macht. Da Einzelpersonen leichter entmachtet werden können als die Gruppe, hält die Supervisorin Solidarität auch für die einzig wirksame Gegenmaßnahme gegen Mobbing: "Wenn es keine Solidarität gibt, ist man machtlos." Naetar-Bakcsi rät deshalb den Betroffenen, Unterstützung einzuholen und Verbündete zu suchen.



Wer wartet, schaufelt sich sein eigenes Grab


Jedenfalls sollte man möglichst rasch Schritte unternehmen, wenn man sich gemobbt fühlt. Viele Betroffene würden ihre Lage nicht richtig einschätzen, meint Naetar-Bakcsi. "Sie wollen nicht glauben, dass die Angriffe ein System haben, sondern schieben es gerne auf Zufälle", erklärt sie und warnt: "Damit schaufelt man sich sein eigenes Grab." Wer die Betroffenheit nämlich über einen längeren Zeitraum leugnet, dem drohen psychische und psychosomatische Krankheiten.