London/Brüssel. Es ist eine Situation, in der niemand gewinnt. So stellen etliche EU-Politiker den nahenden Austritt Großbritanniens aus der Gemeinschaft immer wieder dar. Die Freude über die Unterzeichnung des Trennungsabkommens vor einer knappen Woche war dementsprechend verhalten; und ob das Parlament in London die Vereinbarung annimmt, ist sowieso offen. Klar ist lediglich, dass die Union ein Mitglied verliert und Großbritannien vor vielen Unsicherheiten steht.

Doch gibt es auch Orte, die mit dem Brexit durchaus Hoffnungen auf Profite verbinden. Sie verknüpfen diese mit den lukrativen Finanzgeschäften, die noch in der City of London getätigt werden, aber schon bald auf dem Kontinent abgewickelt werden könnten. Das könnte beispielsweise für Frankfurt Gewinne bedeuten, wie die Lobbygruppe Frankfurt Main Finance nun vorrechnete.

Ihren Angaben zufolge dürfte die Bilanzsumme der deutschen und internationalen Banken in der Stadt am Main durch den Brexit um ein Fünftel steigen. "In Gänze rechnen wir daher mit einer Verlagerung von 750 bis 800 Milliarden Euro Bilanzvolumen von London nach Frankfurt, der Großteil davon dürfte im ersten Quartal 2019 umgeschichtet werden", sagte Geschäftsführer Hubertus Väth - und fügte hinzu: "Dabei wird es nicht bleiben." Solange weiterhin Unsicherheit über die Ausgestaltung des EU-Austritts herrsche, dürften die meisten Institute Minimallösungen bevorzugen. "Danach wird es erhebliche Zweitrundeneffekte geben." Bislang haben die in der Mainmetropole angesiedelten Häuser der Lobbygruppe zufolge ein Bilanzvolumen von 3,5 Billionen Euro.

Potenzial von tausenden Jobs

Unterdessen verzögert sich die Entstehung von Arbeitsplätzen in Frankfurt im Zuge der Trennung des Königreichs von der EU. "Wir halten an dem von uns am Tag eins nach dem Brexit-Referendum geschätzten Potenzial von bis zu 10.000 Arbeitsplätzen für Frankfurt fest", betonte Väth. Aus den ursprünglich erwarteten fünf Jahren für die Verlagerung von Jobs ab dem Zeitpunkt des Votums im Juni 2016 würden nun aber acht Jahre.

Nach dem EU-Austritt Großbritanniens brauchen in London ansässige Geldhäuser eine eigene Gesellschaft mit Banklizenz in einem EU-Land, um ihre Produkte und Dienstleistungen in den 27 Mitgliedstaaten der Union vertreiben zu dürfen. 30 Institute haben sich für Frankfurt als ihren europäischen Sitz entschieden. Diese Einheiten müssen entsprechend mit Kapital und Personal ausgestattet werden.

Auf der anderen Seite müssen sich auch die Häuser in London bis zum Brexit-Datum Ende März des kommenden Jahres vorbereiten. Ein ungeordneter EU-Austritt ohne Abkommen würde der Bankenlobby dabei nicht gefallen. Schon vor Wochen warnte davor etwa die Policy-Chefin der City of London Corporation. "Ich bin sehr besorgt, weil ein ‚No deal‘ schlecht für uns alle wäre", erklärte Catherine McGuinness dem "Handelsblatt". Sie stellte in Aussicht, dass Millionen Versicherungspolizzen und Verträge im Derivatehandel am 29. März 2019 ungültig werden, wenn nicht vorher eine politische Lösung gefunden wird. "Dann ist die Finanzstabilität in Gefahr", meinte McGuinness.

Ruf nach Übergangsfrist

Ein Chaos, das auf eine Trennung ohne Vereinbarung folgen würde, befürchtet ebenfalls der US-Autobauer Ford. "Ein No-deal-Brexit wäre eine Katastrophe", sagte Europa-Chef Steven Armstrong am Donnerstag auf einer Veranstaltung in London. Der vorliegende Vertrag zwischen der EU und dem Königreich müsse deswegen schnell ratifiziert werden, um eine kostspielige Hängepartie zu vermeiden. Das Abkommen sei ein guter Start für einen reibungslosen Handel, sagte der Manager des größten Automotoren-Herstellers in Großbritannien.

Wichtig ist den Unternehmen ebenso eine Übergangsfrist, die Zeit für eine Umstellung lässt. Auf diese Periode pocht auch die britische Notenbank. Die Frist sei nötig, um die Brexit-Belastungen für die Wirtschaft zu begrenzen. Es sei im Interesse des Landes, sich eine gewisse Zeit für den Übergang zu nehmen, sagte Zentralbank-Gouverneur Mark Carney dem BBC-Radio.