Andreas Stieglan ist einer von ihnen. Wer zu seinem Arbeitsplatz will, muss mit dem Förderkorb 1.260 Meter tief in die Erde fahren. Zwölf Meter pro Sekunde rauscht der Korb den Schacht hinunter. Von einem unterirdischen Bahnhof geht es mit der Dieselkatze, einer Hängebahn, Kilometer weit in den Berg. Es riecht nach feuchter Erde und Ruß. Viele Arbeiter sieht man nicht mehr. Die Fahrt endet an einem riesigen Hobel, der die Kohle aus dem Gestein fräst. Stieglan hat an dem Ungetüm jahrelang als Aufsichtshauer gearbeitet. Er war für die Abläufe in seiner Schicht verantwortlich.

Heute wird die Kohle importiert

Der Hobel steht schon seit dem Sommer still. Die Kohlemenge, für die der Bergbau noch Subventionen erhält, war gefördert. Rund 1,8 Millionen Tonnen haben die Bergleute auf Prosper-Haniel in diesem Jahr noch abgebaut, in den 1950er-Jahren waren es im gesamten Ruhrgebiet mehr als 100 Mal so viel. Für den sinkenden Verbrauch der Kohlekraftanlagen und Stahlwerke in Deutschland hat die heimische Steinkohle schon seit längerem kaum noch Bedeutung. Im Vorjahr stammten rund 90 Prozent der verfeuerten Steinkohle aus dem Ausland.

Stieglans Gesicht ist von Kohlestaub verschmiert. Die Arbeitsjacke hat der 47-Jährige wegen der Hitze längst ausgezogen. Seine Knie stecken in orangefarbenen Kunststoff-Schalen. Aufrecht stehen kann er im Streb nicht, vieles muss im Knien gemacht werden - bei Lärm, Staub, Temperaturen an die 30 Grad und extrem hoher Luftfeuchtigkeit. "Das Hemd klebt eigentlich immer am Körper", beschreibt Stieglan die Arbeitsbedingungen. "Der ständige Zug ist das Unangenehmste." Groß beklagen will sich Stieglan aber nicht. Jammern gilt in der wortkargen Männergesellschaft unter Tage nicht.

Kohleabbau war auch Handarbeit

Kohleabbau war bis zum Schluss auch Handarbeit – vor allem da, wo die großen Maschinen nicht hinkommen. "An schwierigen Stellen muss man den Bohrhammer nehmen – 20 Kilo schwer", erzählt Stieglan, als er später in Jeans und T-Shirt im Kauengebäude sitzt. Kaue nennen die Bergleute ihre Umkleideräume - auch so ein Wort, das zusammen mit der Kohle verschwinden dürfte. Die Schaufel gehörte ebenfalls bis zum Schluss zum Alltag. Das geht auf die Knochen. Trotzdem war es für ihn der Wunscharbeitsplatz. "Bergmann war das, was ich werden wollte. Dabei ist es immer geblieben." Jetzt trägt er die Kohle mit zu Grabe.

Stieglan stammt nicht aus einer der typischen Ruhrgebietsfamilien, in der Großvater, Vater und Sohn unter Tage gearbeitet haben. "Ich bin der einzige Bergmann in der Familie", erzählt der drahtige Mann. Angefangen hat er 1987 mit der Lehre auf der Zeche Monopol in Bergkamen. Da war das Zechensterben längst in vollem Gange. Dass aber einmal ganz Schluss mit der Kohleförderung sein könnte, hat von den damals noch fast 120.000 Bergleuten kaum jemand geglaubt.

Niedergang seit Ende der 1950er-Jahre