• vom 04.12.2018, 18:40 Uhr

International

Update: 05.12.2018, 09:07 Uhr

Job-Strategie

OECD fordert, Kosten von "Gig Economy" gerecht zu verteilen




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  • Qualität von Arbeitsplätzen rückt in den Mittelpunkt. Freiberufler und Neue Selbständige brauchen sozialen Schutz.



Paris/Wien. In der geänderten Arbeitswelt von heute muss die Arbeitsmarktpolitik ganz anders gedacht werden: Dazu hat die OECD in Paris eine Jobstrategie vorgelegt, die neue Schwerpunkte setzt. Die zentrale Forderung lautet, dass Gewinne und Kosten der neuen Flexibilität zwischen Arbeitgebern und -nehmern fair verteilt werden müssen. Zudem sollten Beschäftigte der "Gig-Economy" besseren sozialen Schutz bekommen.

"Gig Economy" bedeutet, dass kleine Aufträge kurzfristig an unabhängige Freiberufler vergeben werden.


Die Analyse der OECD zeigt, dass jene Länder, die darauf achten, dass es hochwertige Arbeit für möglichst viele gibt, die dafür sorgen, dass auch sozial Schwache in den Arbeitsprozess integriert werden, besser abschneiden als jene Länder, die sich im neoliberalen Sinn vor allem auf Flexibilisierung der Arbeitsmärkte konzentrieren. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind zwar laut OECD notwendig, um die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze in einem sich wandelnden Umfeld zu fördern. Doch müssten die Gewinne und Kosten der Flexibilisierung fair zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern verteilt werden, so die OECD.

Schutz vor Risiken
Ein dynamischer Produkt- und Arbeitsmarkt sei unerlässlich, um der schnellen Transformation der Volkswirtschaften infolge des technologischen Fortschritts, der Globalisierung und des demografischen Wandels zu begegnen. Dabei sollten die Arbeitskräfte durch "geeignete Maßnahmen" unterstützt werden, damit sie aus Unternehmen, Wirtschaftszweigen und Regionen, die sich im Niedergang befinden, in Branchen mit den höchsten Wachstumsaussichten wechseln können.

Da sich die Nachfrage nach Kompetenzen wahrscheinlich schnell verändern werde und die Menschen länger arbeiten werden, brauchen Arbeitskräfte die richtigen Qualifikationen, heißt es im Bericht. Die Herausforderung für die Länder bestehe darin, neuartige Instrumente zu entwickeln, die die allgemeine und berufliche Bildung auf den Einzelnen und nicht auf den Arbeitsplatz ausrichten.

In einer Welt mit zunehmend flexiblen Arbeitsformen bräuchten Arbeitskräfte weiterhin Schutz vor Arbeitsmarktrisiken. Dazu gehöre auch, dass jeder Zugang zu sozialer Sicherung habe und die grundlegenden Arbeitsmarktbestimmungen auf alle Arbeitskräfte Anwendung finden, unabhängig von der Art der Beschäftigung. Zwar sei die Zahl der Beschäftigten in der "Gig-Economy" derzeit noch eher gering, sie werde aber vermutlich stark wachsen. Auch die in diesen neuen Arbeitsverhältnissen Beschäftigten sollten Zugang zu vollem sozialem Schutz erhalten und dürften nicht von wesentlichen Errungenschaften des Arbeitsrechts ausgeschlossen werden. Der Sozialschutz könnte durch verschiedene Maßnahmen erweitert werden, etwa die Schaffung neuer Leistungsmodelle, die Stärkung nicht beitragsabhängiger Systeme, die Einführung von Sozialleistungsuntergrenzen und eines übertragbaren Sozialversicherungsschutzes. Einige Länder prüfen auch Modelle eines universellen Grundeinkommens.

In den 1990er Jahren hatte die OECD noch den Fokus auf Flexibilisierung als Gegenmittel zur weit verbreiteten Arbeitslosigkeit gelegt. In der aktuellen Job-Strategie geht es generell darum, nicht nur mehr, sondern auch bessere Jobs zu schaffen. Der Arbeitsmarkt soll auch für benachteiligte Gruppen geöffnet und widerstandsfähig gegenüber konjunkturellen Schwankungen gemacht werden.

Das, so die OECD, sei im Lichte der digitalen Transformation und des schnellen technologischen Wandels Gebot der Stunde. Laut der jetzt vorgelegten Analyse laufen die Hälfte aller Jobs Gefahr, automatisiert zu werden. Oder sie ändern sich zumindest dramatisch.

Chancengleichheit wichtig
Laut OECD ist es notwendig, präventiv auf diese Entwicklungen zu reagieren. Die Gestaltung der Löhne und das Steuersystem müssten so erfolgen, dass sich Arbeit einerseits auszahle und dass in erster Linie die Arbeitenden geschützt würden. Es sei notwendig, dass die einzelnen Länder in ein effizientes Bildungs- und Ausbildungssystem investieren, was auch eine Weiterbildung im Berufsleben beinhalten müsse.

Für Österreich interessant ist der Hinweis, dass den diversen Sozialpartnern eine Schlüsselrolle dabei zukommen müsse, Randgruppen in den Arbeitsprozess zu integrieren und ein effizientes System zur Lohnverhandlung zu etablieren.

Zudem sei die Herstellung von Chancengleichheit wichtig. Der sozioökonomische Hintergrund dürfe nicht über den Erfolg im Berufsleben entscheiden. Die Arbeitsbedingungen müssten so beschaffen sein, dass Arbeit und etwa Kinderbetreuung gut kombiniert werden könnten.




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Dokument erstellt am 2018-12-04 18:52:39
Letzte Änderung am 2018-12-05 09:07:32


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