Frankfurt. Die Europäische Zentralbank wird am Donnerstag aller Voraussicht nach ein wichtiges Mittel ihrer jahrelangen Krisenpolitik weitgehend einstellen. Trotz der jüngsten Konjunkturabschwächung erwarten Experten, dass die EZB ihre bisher rund 2,6 Billionen Euro schweren Anleihenkäufe zum Jahresende auslaufen lässt.

Das heißt aber nicht, dass sie dann gar keine Wertpapiere mehr erwirbt. Ab Jänner werden wohl noch Gelder aus fällig gewordenen Anleihen wieder in neue Titel gesteckt. Das dürften nach Schätzungen der Allianz 2019 immerhin 165 Milliarden Euro sein.

Die seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise aufgeblähte Bilanz der EZB wächst dann zwar nicht mehr, sie wird aber auch nicht kleiner. Viele Details dazu sind noch offen. Investoren erhoffen sich daher nach der Zinssitzung Hinweise von EZB-Präsident Mario Draghi, was 2019 konkret umgesetzt werden soll.

Die jüngsten Konjunkturdaten zeigten, dass Europas Wirtschaft nicht von einer Klippe falle, sondern nur langsamer wachse, sagt Edgar Walk, Chefvolkswirt beim Bankhaus Metzler. Eine positive Überraschung war, dass Firmen in Frankreich ihre Produktion im Oktober kräftig hochgefahren haben. Auch erwischten die deutschen Exporteure einen unerwartet guten Start ins vierte Quartal.

Schlechte Stimmung

Konjunktursorgen hatten an den Börsen immer wieder für Unruhe gesorgt, nachdem die Wirtschaft im Euro-Raum im Sommer so schwach gewachsen war wie seit mehr als vier Jahren nicht mehr.

Und für den Dezember ist die Stimmung der Investoren in der Euro-Zone ist so schlecht wie seit über vier Jahren nicht mehr. Das am Montag veröffentlichte Barometer der Investment-Beratungsfirma Sentix für den Währungsraum fiel auf minus 0,3 Zähler von plus 8,8 Punkten. Dies ist bereits der vierte Rückgang in Folge. Die Konjunkturerwartungen sackten zugleich auf den tiefsten Stand seit August 2012 ab.

Die Unfrage-Daten wecken laut Sentix-Experte Manfred Hübner "düstere Erinnerungen". Die Dynamik des Abschwungs gleiche derjenigen des Vorkrisenjahres 2007: "Während die EZB sich auf das Ende der milliardenschweren Staatsanleihenkäufe vorbereitet, schmiert die Wirtschaft in erheblichem Tempo ab." Damit seien die Politik und auch die Notenbanken erneut gefordert: "Ob Handelsstreit, Italien-Krise, Unruhen in Frankreich und Belgien oder Brexit: Es kommt derzeit aus allen Ecken knüppeldick."

Inflation zieht aber an

Trotzdem: Ein vorsichtiger Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik ist aus Sicht von Dirk Schumacher von der französischen Investmentbank Natixis noch immer gerechtfertigt. Die neuen EZB-Konjunkturprognosen dürften zwar schwächer ausfallen, aber nicht das mittelfristige Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent infrage stellen. Seit Juni liegt die Teuerung bereits über dem angestrebten Niveau.

Die Euro-Hüter kaufen seit März 2015 Anleihen und andere Wertpapiere. Vor allem in Deutschland waren die Transaktionen immer besonders umstritten, weil Nebenwirkungen befürchtet werden - etwa eine Überhitzung auf dem Immobilienmarkt.

Leitzins von 0,0 bleibt

Experten erwarten, dass die Euro-Wächter bei den Ersetzungskäufen künftig mehr Spielraum zulassen werden. "Um eine größere Flexibilität bei den Reinvestitionen zu erhalten, könnte die Notenbank den bislang gesteckten Zeitraum auf sechs Monate verlängern", sagt DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Aktuell sind drei Monate vorgesehen, wenn ein Titel ausläuft. Ab wann der riesige Anleihenbestand abgeschmolzen wird, dürfte Draghi noch offenhalten. "Wir gehen nicht davon aus, dass die EZB irgendeinen spezifischen Zeitrahmen einführt", so die US-Investmentbank Morgan Stanley. Die Ökonomen der Commerzbank glauben, dass die EZB hier dem Beispiel der US-Notenbank Fed folgen wird. Diese hatte mit dem Abschmelzen ihrer Bilanz rund zwei Jahre gewartet.

An ihrem Zinsausblick dürfte die EZB festhalten. Danach will sie ihre Schlüsselzinsen noch bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus nicht antasten. Die Berenberg Bank erwartet erst Anfang 2020 die erste Leitzinserhöhung seit 2011. Zuvor werde im vierten Quartal 2019 der sogenannte Einlagensatz erhöht. Dieser liegt bei minus 0,4 Prozent. Banken müssen also Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht bei der Notenbank überschüssige Gelder parken. Der Leitsatz liegt seit Jahren bei 0,0 Prozent.