Wien. Ein Kind mit Hungerbauch und Fliegen im Gesicht, das vor einer ausgedörrten Landschaft steht. Kaum ein Bild hat die Wahrnehmung von Afrika so geprägt wie dieses Sujet, das sich früher auf dem Folder unzähliger Hilfsorganisationen befand. In den vergangenen Jahren hat sich ein weiteres Bild ganz stark ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: das überfüllte Flüchtlingsboot am Mittelmeer. Afrika, der Krisenkontinent, Afrika, der Hungerkontinent, Afrika, der Flüchtlingskontinent - das sind noch immer die in Europa zumeist vorherrschenden Assoziationen.

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

Doch es gibt auch ein anderes Afrika. Es ist das Afrika, in dem in Kenia M-Pesa entwickelt wurde - ein Bezahldienst, der Transaktionen über Mobiltelefone ermöglicht und von mehr als 30 Millionen Menschen in Ostafrika genutzt wird. Es ist das Afrika, in dem in Ländern wie Botswana oder Südafrika pro Kopf mehr Handyverträge unterschrieben werden als in Österreich. Ein Afrika, in dem die App M-Farm entwickelt wurde, die Bauern aus entlegenen Regionen mit Abnehmern ihrer Produkte verbindet und diesen so den teuren Umweg über Zwischenhändler erspart.

Und genau um den Chancenkontinent Afrika sollte es beim EU-Afrika-Forum am Dienstag in Wien gehen. Ziel des Treffens war es, "dass Afrika als ein Ort wahrgenommen wird, der Möglichkeiten bietet", sagte der derzeitige Vorsitzende der Afrikanischen Union, Ruandas Präsident Paul Kagame. Bundeskanzler Sebastian Kurz meinte, dass das Treffen, das unter dem Motto "Digitalisierung und Innovation" stand, dazu beitragen sollte, "ein anderes Narrativ von Afrika" zu schaffen. Er habe bemerkt, wie sehr die Afrikaner frustriert seien, wenn es bei hochrangigen Treffen ständig um Migration gehe.

Staatschefs, Minister, CEOs

Kagame war auf afrikanischer Seite der Mitausrichter des Forums, das den letzten Höhepunkt der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft darstellte. Teilnehmer waren Vertreter von 25 afrikanischen Staaten, darunter sieben Staats- und Regierungschefs, 13 europäische Staats- und Regierungschefs sowie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Spitzenmanager von großen Konzernen wie etwa Siemens-Chef Joe Kaeser waren ebenso dabei wie die Gründer von Start-ups und kleinen Firmen. Die Zusammenkunft sollte "die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika stärken", sagte Kurz.

Dieses Vorhaben sollte sowohl durch politische Verhandlungen als auch durch das Knüpfen von Geschäftskontakten vorangetrieben werden. Auf politischer Ebene waren aber die stärksten europäischen Akteure in Afrika - die ehemaligen Kolonialmächte England und Frankreich - nur mit ihren Staatssekretären vertreten. Auch Deutschland schickte lediglich den Afrika-Beauftragten von Kanzlerin Angela Merkel und keinen Minister. Allerdings waren etliche EU-Kommissare anwesend.