Frankfurt. (reu) Ein Chaos-Brexit, der Haushaltskonflikt mit Italien außer Kontrolle und zugleich eskaliert der US-Handelsstreit. Sollte dieses Schreckensszenario 2019 tatsächlich eintreten, wären die Notenbanken dies- und jenseits des Atlantiks gefordert wie seit der weltweiten Finanzkrise vor zehn Jahren nicht mehr. Die Federal Reserve in den USA ist für so einen Härtefall weit besser gerüstet als die EZB: "Auf den ersten Blick ist klar, dass die Fed mehr Spielraum hat - insofern es um Zinssenkungen geht", sagt Chefvolkswirt Bruno Cavalier von der Bank Oddo BHF. Notfallinstrumente wie billionenschwere Anleihenkäufe haben die Dollar-Wächter längst hinter sich gelassen. Anders dagegen die Europäische Zentralbank: Sie steht erst am Beginn der schwierigen Abkehr von ihrer jahrelangen ultra-lockeren Geldpolitik.

Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, weist schon länger darauf hin, dass die EZB dringend mehr Wasser unter dem Kiel benötigt, um bei künftigen Krisen reagieren zu können. So hat EZB-Chef Mario Draghi wenig Spielraum, um mit Zinssenkungen gegenzusteuern: Der Leitsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Auch der sogenannte Einlagenzins von aktuell minus 0,4 Prozent kann nach allgemeiner Auffassung von Experten nicht viel tiefer ins Minus gedrückt werden. Die Euro-Wächter erwerben zudem bereits seit mehr als dreieinhalb Jahren Staatsanleihen und andere Wertpapiere - im Volumen von bisher rund 2,6 Billionen Euro.

Die Käufe werden nun zum Jahreswechsel eingestellt, weil sich die Konjunktur verbessert hat. Eine erneute Aufstockung im Krisenfall wäre aber heikel. Denn die EZB hat sich selbst Kaufobergrenzen von 33 Prozent pro Anleihe und Land gesetzt. Nicht nur soll so verhindert werden, dass die Notenbank zu sehr die Anleihenmärkte dominiert. Die Grenze wurde auch gesetzt, um die EZB vor dem Vorwurf der verbotenen Staatsfinanzierung zu schützen.

EZB-Direktor Benoit Coeure hat bereits gewarnt, die nächste Krise könne die Notenbank an die Grenze ihres Mandats bringen. Ökonom Carsten Brzeski von der Bank ING erwartet, dass die EZB diesen Weg im Notfall trotzdem gehen wird: "Um das zu tun, dehnt die EZB das Limit pro Anleihe weiter aus." Er hält ein monatliches Kaufvolumen von mindestens 15 Milliarden Euro für möglich. Die EZB werde dann ankündigen, dass die Zinsen so lange unverändert blieben, wie das Programm laufe. Damit würde die erste Zinserhöhung seit 2011 praktisch für unbestimmte Zeit nach hinten verschoben. Bislang planen Draghi & Co dies irgendwann nach dem Sommer 2019.

Die Fed hat bereits unter der Vorgängerin des amtierenden Notenbank-Chefs Jerome Powell damit begonnen, die Zinszügel zu straffen. Das bringt sie für ernste Zeiten in eine strategisch weit bessere Position. So kann Powell im Unterschied zu Draghi bei einer Zinsspanne von 2,25 bis 2,5 Prozent viel eher aus dem Vollen schöpfen: Mit einer massiven Senkung könnte er schnell und effektiv für eine Verbilligung des Geldes sorgen und einen Konjunktureinbruch abfedern. Einen solchen erwartet Analystin Sintje Boie von der HSH Nordbank bereits zu Beginn des kommendes Jahrzehnts: "Womöglich fällt das Land 2020 in eine leichte Rezession."