Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut. - © Wolf Steiner
Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut. - © Wolf Steiner

"Wiener Zeitung": Was lässt sich über die Zukunft sagen - außer, dass sie noch vor uns liegt?

Harry Gatterer: Man kann über die Zukunft mehr sagen, als man vermuten würde. Die Gegenwart liefert uns ja bereits einige Signale über zukünftige Muster und Dynamiken in unserer Gesellschaft. Dass eine rasante technologische Entwicklung weiter unseren Alltag prägen wird, ist keine besonders gewagte Prognose. Auch das Thema Sicherheit wird in einer Welt, in der viele Gesellschaften verunsichert sind, eine sehr große Rolle spielen.

Sie warnen aber gleichzeitig davor, einfach die Gegenwart in die Zukunft zu extrapolieren. Und im Zukunftsreport, an dem Sie mitgewirkt haben, ist von sogenannten Tipping-Points die Rede, den bestimmten Ereignissen, wo die Ereignisse eine bestimmte, vielleicht zunächst unerwartete, Wendung nehmen. Kann man solche Wendepunkte erkennen?

Man kann ein Sensorium für solche Wendepunkte entwickeln. Für Unternehmer ist entscheidend, dass sie eine Wahrnehmung für das Feld, in dem sie aktiv sind, entwickeln. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Schon vor mehr als zehn Jahren wurde über das Sharing-Prinzip diskutiert. Doch wehe dem im Tourismus oder im Transportgewerbe, der die Wohnplattform airBnB oder die Taxi-Plattform Uber nicht ernst genommen hat. Wir sind im Alltag auf das Erkennen von kurzfristigen Ereignissen programmiert, die wirklich großen Entwicklungen zeichnen sich aber zuerst einmal leise ab. Und auf das Erkennen solcher langfristigen Trends sind wir in unserer täglichen Wahrnehmung nicht trainiert. Und was die lineare Fortschreibung von Trends betrifft: Die Historie lehrt uns, dass sich die Dinge eben nicht linear fortentwickeln. Es gibt immer wieder unvorhergesehene Umbrüche, rasche, radikale Veränderungen.

Wie kann man sich selbst trainieren, wie ein Zukunftsforscher zu denken?

Es geht darum, dass man Wahrnehmungen zulässt, die vielleicht jetzt nicht in den Alltag passen, die aber auffällig sind. Das nennt man "weak signals", sogenannte schwache Signale. Das geht in etwa so: Plötzlich poppt in einem Gespräch ein bestimmtes Thema auf. Man stellt sich nun die Frage: Warum erzählt mir dieser Mensch jetzt etwas, was sich vor kurzem von jemand anderen auch gehört habe? Man beginnt also, solche Auffälligkeiten wahrzunehmen und sorgt dafür, dass diese nicht im Alltagstrubel untergehen und dass man derartige Wahrnehmungen nicht einfach wegwischt. Man setzt also gewisse Dinge unter Beobachtung. Als Nächstes versucht man, diese Beobachtungen in einen größeren Kontext einzubetten. Wieder ein Beispiel: Elektromobilität ist seit längerem ein Thema. Nichts ist naheliegender, als dass diese Transportform zunächst bei Fahrrädern oder Scootern zum Einsatz kommt. Die nächste Herausforderung ist die Signal-/Noise-Differenzierung. Welche Information ist tatsächlich ein Informationsträger, ein Signal? Und welche Information ist nur Hintergrundrauschen? Und dann ist dann schließlich noch die Evangelisten-Falle: So werden permanent von irgendwem irgendwelche Revolutionen angekündigt. Was ist aber meist das Ziel solcher Ankündigungen? Es geht zumeist darum, den Verkünder der Nachricht in den Mittelpunkt zu stellen, beziehungsweise eine Sensation, an der der Verkünder ein zumeist wirtschaftliches Interesse hat. Auch da muss man genau hinsehen und nicht jeder Revolution, die irgendjemand verkündet, blind hinterherhecheln.