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Davos. (wak) Die Schnee-Situation im Schweizer Wintersport-Ort Davos ist ausgezeichnet. Und Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), outet sich bei der Pressekonferenz in der Schweiz dann auch sogleich als passionierte Langläuferin (Skifahren liege ihr wiederum nicht so). Und so kam es, dass die Ökonomin eine Langlauf-Strecke als Metapher für den Zustand der Weltwirtschaft verwendete. Was wünscht sich der Wintersportler, fragt Lagarde? Gute Sichtverhältnisse! Keine Unsicherheit! Keine versteckten Risiken! Und dass alle dieselben Spuren auf der Loipe verwenden!

Wenn man mit diesen Wünschen an die Weltwirtschaft herangeht, wird es freilich schwierig: Denn im Nebel lauern Hindernisse, deren Ausmaße man nicht einmal erahnen kann. Darunter fällt etwa der US-chinesische Handelskrieg, der noch immer schwelt. Darunter fällt Großbritanniens Brexit-Problem. Und darunter fällt auch der Haushaltsstreit in den USA, dessen Ende ebenso wenig absehbar ist.

Was nicht darunter fällt: Chinas verlangsamtes Wachstum. Die Volksrepublik hat am Montag bekanntgegeben, dass die chinesische Wirtschaft so langsam wachse wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Die zweitgrößte Volkswirtschaft habe im vergangenen Jahr nur noch ein Wachstum von 6,6 Prozent aufgewiesen. "Bisher sind die Zahlen konsistent mit unseren Prognosen", meint IWF-Expertin Gita Gopinath, die Situation sei noch "nicht dramatisch".

Die Prognose für die Weltwirtschaft wurde im Rahmen des World Economic Outlooks allerdings - verglichen mit den Erwartungen vom Oktober - nach unten revidiert. So werde die globale Konjunktur 2019 um nur 3,5 Prozent wachsen - das sind 0,2 Prozentpunkte weniger als noch im Herbst veranschlagt.

Die langsamere Expansion der Weltwirtschaft an und für sich treibt dem IWF nicht die Sorgenfalten ins Gesicht. Doch die "erheblich höheren Risiken" schon, formuliert es Lagarde. Der Handelskrieg habe inzwischen die Finanzmärkte eingeholt, deren Geschicke sind damit verwoben.

"Ist die nächste globale Rezession vor der Tür? Nein", sagt Lagarde. Aber "unsere Botschaft an die Politiker ist: Nehmen Sie jetzt die noch übrigen Verwundbarkeiten in Angriff. Machen Sie sich bereit, falls eine beträchtliche Drosselung der Wirtschaft einsetzt."

Das bedeutet laut Lagarde etwa, dass die Volkswirtschaften belastbarer werden sollten - hohe Staatsverschuldungen müssen bekämpft werden. Die Wechselkurse zwischen Ländern sollten so gestaltet sein, dass sie Schocks absorbieren können. Im unausgesprochenen Umkehrschluss warnt Lagarde damit China, dass in der Vergangenheit oft unter Beschuss kam, sich mit der Abwertung seiner Währung unfaire Vorteile im Wettbewerb zu ergattern.

Zudem appelliert Lagarde für eine "inklusive digitale Revolution": Eine Automatisierung, die allen Menschen helfe. Dazu gehöre auch, dass neue Möglichkeiten für jene Menschen geschaffen werden müssen, deren Jobs durch die Digitalisierung wegfallen. Lagarde spricht hier vor allem von Frauen und junge Menschen. Denn Jobs wie etwa im Verkauf werden oft von der Automatisierung bedroht, während die Digitalisierung generell viele Arbeitsplätze wegrationalisiert.

Fairness, Solidarität, und Multilateralität

Und schließlich erklärt Lagarde, dass die globale Zusammenarbeit zwischen Ländern und Institutionen immer wichtiger werde. Sie verwendet Worte wie "Fairness" und "Solidarität", und der Adressat war klar: Es sind die USA, die im Alleingang derzeit ein Abkommen nach dem anderen für nichtig erklären. "Der Internationale Währungsfonds muss in einer starken Position sein, um allen Ländern helfen zu können", sagt Lagarde. US-Präsident Donald Trump hat schon oft darüber nachgedacht, die Mittel für den IWF zu kürzen.

"Irgendwo am Horizont wird es unerwartete Herausforderungen geben", warnt Lagarde: "Wir brauchen eine neue multilaterale Kooperation." Und das ist jedenfalls ein Wortpaar, dessen Bedeutung Trump verabscheut, das hat er in den vergangenen Jahren unter Beweis gestellt. Er ist wohl der, von dem Lagarde annimmt, dass er die Spur auf der Loipe zerstört.

Für die deutsche Wirtschaft wurde die Vorhersage für das laufende Jahr von 1,9 auf 1,3 Prozent gesenkt, während für 2020 nach wie vor 1,6 Prozent erwartet werden. 2018 hatte es zu 1,5 Prozent gereicht. "Produktionsschwierigkeiten in der Autoindustrie und eine geringere externe Nachfrage belasten das Wachstum 2019", hieß es zum schwachen Ausblick. Mit der Einführung eines neuen Emissionstestverfahrens kam es zu umfangreichen Produktionsausfällen in der Autoindustrie.