"Wiener Zeitung": Wann kommt die Rezession?

Robert J. Shiller: Es wird derzeit viel über eine drohende Rezession geredet. Sie ist eine von vielen Stories, über die gesprochen wird. Das ist eines der Themen, mit denen ich mich derzeit beschäftige. Wenn man die Rezession als Geschichte versteht, dann begreift man, dass viele der Meinung sind, dass Rezessionen unausweichlich sind. Vielleicht, so denken einige, kommt die Rezession nicht sofort. Aber wenn sich die Hinweise mehren, dass die Rezession kommt, dann wird das zu einer Prophezeiung, die sich selbst erfüllt.

Die Mauer als Story der Abschottung: So stellt Trump sich die Mauer zu Mexiko vor. - © reu/Leah Millis
Die Mauer als Story der Abschottung: So stellt Trump sich die Mauer zu Mexiko vor. - © reu/Leah Millis

Sind wir bereits an diesem Punkt?

Das kann ich nicht beantworten. Eine Rezession kann man erst erkennen, nachdem sie bereits begonnen hat. 2007 wurde immer vernehmbarer davon gesprochen, dass eine Rezession im anrollen ist. Ich versuche derzeit, solche Dinge als Narrativ zu begreifen, als Erzählung, als Story. Das ist mein derzeitiger Beitrag zu den Debatten in der Ökonomie.

Was sind die Eckpunkte dieses Narrativs?

Wir haben derzeit den längsten Bullenmarkt seit langer, langer Zeit. Wenn die Rezession nicht bis Juni zuschlägt, dann hätten wir bis zu diesem Monat die längste wirtschaftliche Expansionsphase der US-Geschichte. In einigen Regionen boomt der Immobilienmarkt - und da gibt es Ängste, dass es auch in der Baubranche zu einer Abkühlung kommt. Eine weitere Story: Chinas Wachstum bremst sich ein. Wir haben aber auch Narrative, die uns ablenken und vielleicht auch verstören: Genau, ich meine Donald J. Trump. Ich versuche immer wieder, ihn zu verdrängen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Ich versuche sogar, die innenpolitischen Seiten in der Zeitung nicht so genau zu lesen, aber das Ganze ist einfach wie eine Soap-Opera.

Sie haben vor kurzem ihr neues Buch "Narrative Economics" fertiggestellt. Worum geht es darin?

Mein Buch ist mehr ein Vorschlag zu tiefergehenden Forschungen. Das ist kein Job für einen einsamen Ökonomen. Aber eines ist klar: Stories und Narrative beeinflussen unser Verhalten fundamental. Denken Sie an die Story von Lieschen Müller oder dem Shoeshine Boy: Man sagt, wenn sogar die darüber sprechen, dass sie jetzt wie wild Aktien handeln oder Bitcoins kaufen, dann ist es Zeit, nervös zu werden.