Riad. (rs) Noch sieht das Projektgebiet in unmittelbarer Nähe der ägyptischen Sinai-Halbinsel ziemlich verlassen aus. Die Szenerie wird vom azurblauen Meer und den imposant aufragenden Bergen im Hintergrund dominiert, nicht von Straßen, Häusern und Menschen. Doch das soll sich schon bald ändern. Nachdem am Dienstag die finalen gesellschaftsrechtlichen Weichen gestellt worden sind, sollen schon in den nächsten Wochen die Bagger anrollen, um eines der wichtigsten Zukunftsprojekte Saudi-Arabiens aus dem dem Wüstensand zu stampfen. Bis 2025 soll hier auf einer Fläche von 26.500 Quadratkilometern eine futuristische Megastadt samt eigener High-Tech-Sonderwirtschaftszone entstehen, die Investoren aus der ganzen Welt anzieht.

Die "Neom" getaufte Retortenstadt am Roten Meer ist allerdings nur eines von vielen Projekten, die das saudische Königshaus derzeit ankurbelt. Erst am Montag hatte die Regierung einen ehrgeizigen Plan vorgestellt, mit dessen Hilfe die Wirtschaft des Landes in den kommenden Jahren weiter diversifiziert werden soll. So sollen bis 2030 mehr als 426 Milliarden Dollar in die Bereiche Industrie, Energie, Logistik und Bergbau investiert werden. Die nicht-erdölbezogenen Exporte sollen dadurch auf 260 Milliarden Dollar steigen, gleichzeitig hofft man auf 1,6 Millionen neuer Jobs.

Hinter den Initiativen steckt vor allem der Wunsch von Kronprinz Mohammed bin Salman, das Königreich am Golf unabhängig vom derzeit alles dominierende Erdöl zu machen. Schon vor zwei Jahren hatte der neue starke Mann Saudi-Arabiens seine "Vision 2030" vorgestellt, mit der er die Wirtschaft des Landes mit einem gewaltigen Kraftakt auf ganz neue Beine stellen will. So soll der privatwirtschaftliche Sektor von 40 auf 60 Prozent erhöht werden und der riesige staatliche Ölkonzern Aramco an die Börse gebracht werden. Der überbürokratisierte und zunehmend mit Budgetproblemen kämpfende Staat soll dafür im Gegenzug schlanker werden. So wird es laut der "Vision 2030" künftig deutlich weniger Geld für Beamte im öffentlichen Dienst geben und auch die staatlichen Subventionen für Strom, Wasser und Treibstoff sollen sinken.

Geld und Know-how benötigt

Mohammed bin Salmans ambitionierter Plan steht und fällt allerdings mit dem Interesse der ausländischen Investoren. Sie sollen nicht nur Geld ins Land bringen, sondern auf für Know-how sorgen. Denn dieses fehlt in Saudi-Arabien vor allem in Bereichen, die es selbst als Zukunftssektoren ansieht, wie etwa Biotechnologie oder alternative Energien.

Doch das erzkonservative Königreich, um das viele Unternehmen wegen der schwierigen geschäftlichen Rahmenbedingungen und der problematischen Menschenrechtssituation schon früher einen Bogen gemacht haben, ist für Investoren in den vergangenen Monaten ein noch heiklerer Boden geworden.

So konnte die saudische Regierung bei der Vorstellung ihres Zehn-Jahres-Programms am Montag zwar den Abschluss von Verträgen in der Höhe 54 Milliarden Dollar verkünden, doch vor allem bei vielen europäischen Unternehmen haben die Katar-Krise, der Krieg im Jemen und die Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul die Lust auf Geschäfte mit dem Königreich spürbar gedämpft. So zögert der deutsche Industriekonzern Siemens, der derzeit unter anderem die U-Bahn in der saudische Hauptstadt Riad baut, bei der Annahme eines milliardenschweren Kraftwerksauftrags aus Saudi-Arabien. "Im Moment sind wir diejenigen, die den Prozess aufhalten", sagte Siemens-Chef Joe Kaeser dem "Handelsblatt". "Das Thema ist komplex, und die Abwägung von Werten gegen Interessen ist schwierig, wenn man für so viele Menschen verantwortlich ist." In jedem Fall gehe es Siemens nicht um Profitgier.

Kaum Bedenken in den USA

Angesichts der Ermordung Khashoggis, hinter der viele den Kronprinzen als Drahtzieher vermuten, ist Siemens allerdings nicht das einzige Unternehmen, das um seine Linie im Umgang mit Saudi-Arabien ringt. Als Riad im Herbst eine große Investorenkonferenz ausrichtete, blieben neben Kaeser und der Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, auch zahlreiche andere europäische Konzernchefs der Veranstaltung fern.

Finanzieren werden Mohammed bin Salmans Pläne damit wohl vor allem Investoren aus den USA, die schon bei der Konferenz im Herbst in die Bresche gesprungen sind. Denn seitdem US-Präsident Donald Trump klargemacht hat, dass er die guten Wirtschaftsbeziehungen mit Saudi-Arabien als wichtiger erachtet als eine mögliche Verwicklung des Kronprinzen im Fall Khashoggi, müssen US-Unternehmen wohl kaum noch mit unangenehmen Fragen rechnen, wenn sie in der Golfmonarchie investieren.