Stuttgart/München. (rs/reu) Lange Zeit schien es so, als hätte man auf dem alten Kontinent die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Während die Konkurrenz in Asien und im Silicon Valley mit großem Kapitaleinsatz und hoher Innovationskraft am autonomen Fahren und an alternativen Antrieben arbeiteten, präsentierten die deutschen Autobauer lieber Hochleistungsfahrwerke und die nächste, noch einmal verfeinerte Ausbaustufe des Dieselmotors.

Doch nun scheint es auf einmal Schlag auf Schlag zu gehen. Nur eine Woche, nachdem Daimler und BMW angekündigt haben, ihre Carsharing-Dienste auf einer gemeinsamen Plattform zusammenführen zu wollen, preschen die beiden Unternehmen nun mit einer umfassenden und langfristig angelegten Kooperation bei der Entwicklung selbstfahrender Autos vor. So soll die nächste Technologiegeneration des autonomen Fahrens, bei der die Lenker die Kontrolle auf Autobahnen weitgehend abgeben können, schon Anfang des kommenden Jahrzehnts auf die Straße gebracht werden. Anschließend wollen die Konzerne das komplett selbstfahrende Auto im Stadtverkehr angehen.

Dabei hoffen die beiden Autobauer, die eigentlich scharfe Konkurrenten im Premium-Segment sind, offensichtlich auch darauf, Industriestandards setzen zu können. "Statt individueller Insellösungen geht es uns um ein zuverlässiges Gesamtsystem", erklärte Daimler-Forschungsvorstand Ola Källenius. Vor allem aber geht es darum, sich die milliardenschweren Entwicklungskosten aufzuteilen. Um sich in allen wichtigen Zukunftsbereichen der Mobilität eine gute Position zu verschaffen, müsste ein typischer Autohersteller mehr als 60 Milliarden Euro investieren, hat die Unternehmensberatung McKinsey ausgerechnet. Das schaffe keiner allein.

Google-Schwester auf "Level 5"

Experten sehen in der Taktik die einzige Möglichkeit, den Anschluss an mächtige Konkurrenten wie die Google-Schwesterfirma Waymo nicht zu verlieren. Waymo ist beim autonomen Fahren schon besonders weit und startet gerade einen Robotaxi-Service in einem Vorort der Stadt Phoenix in Arizona. Derzeit beherrsche nur Waymo das sogenannte Level 5, also komplett computergesteuertes Fahren ohne Lenkrad, Pedale und menschlichen Fahrer, sagt der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen. Wenn sich die Autobauer und Zulieferer zusammentäten, hätten sie allerdings eine Chance.

Dass man nur zusammen sein erfolgreich sein wird, sehen die Autobauer offenbar genauso. So ist die soeben beschlossene Kooperation laut Daimler und BMW auch offen für weitere Teilnehmer. "Beide Unternehmen werden weitere Partnerschaften mit Technologie-Unternehmen und Automobilherstellern prüfen, die zum Erfolg der Plattform beitragen können", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der beiden Hersteller. Zugleich sollen allerdings die schon bestehenden Partnerschaften von Daimler mit dem Autozulieferer Bosch und BMW mit Intel und anderen Unternehmen erhalten werden.

Diese könnten bei einem dritten großen Kooperationsprojekt gebraucht werden. So sollen Daimler und BMW laut der "Süddeutschen Zeitung" auch an einer gemeinsamen Plattform für Elektroautos arbeiten.