Frankfurt/Wien. (wak) Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Weltwirtschaft 2008 fast in einen Abgrund gerissen. Die Notenbanken in den Industrienationen steuerten in einer konzertierten Aktion gegen: Die Leitzinsen wurden nach unten gesetzt, die Geldmenge wurde durch Anleihenkäufe aufgebläht und der Markt mit Liquidität geschwemmt. Was auf der einen Seite für Schweiß und Unmengen an wissenschaftlichen Studien gesorgt hat, hat die Marktteilnehmer auf der anderen Seite zum Frohlocken gebracht: "Es war ein künstliches Goldlöckchen-Szenario", bringt es Markus Müller auf den Punkt. Der Ökonom ist verantwortlich für das globale Investment-Geschäft der Deutschen Bank. Ein Goldlöcken-Szenario beschreibt im Branchenjargon jenen märchenhaften Zustand, in dem niedrige Inflation, hohes Wachstum und solide Renditen herrschen.

Doch diese Zeiten sind vorbei, glaubt Müller bei einem Pressegespräch in Wien: "Wir befinden uns schon im zehnten Jahr nach dem Ausbruch der Finanzkrise. Das ist überdurchschnittlich lange. Der Zyklus wurde mit künstlichem Zentralbankgeld gestreckt", erklärt Müller. Das sei auch als Hilfestellung für die Politik gedacht gewesen, die Volkswirtschaften mit Reformen auf "zeitgemäße" Beine zu stellen.

"Können die Wachstumsraten nicht mehr erreichen"

Aber nun, wo die Zentralbanken die Geldmenge wieder eindämmen und zumindest in den USA schon längst die Zinsen wieder angehoben werden, "fallen wir wieder ein bisschen auf unsere Strukturproblematik zurück", meint Müller: Gerade in der westlichen Welt können wir nicht mehr die Wachstumsraten der vergangenen zwei Jahre generieren. "Wir haben 2018 die Höchststände im Gewinn bei den meisten Unternehmen gesehen", sagt Müller. 2018 war also für diesen Zyklus der Peak, nicht nur was Gewinne betrifft, sondern auch für die Liquidität und die Wachstumsraten bei den realen Bruttonationalprodukten.

Heißt das im Umkehrschluss, dass es zu einer Rezession kommt? Nein, meint Müller. Jedenfalls für die großen Volkswirtschaften der Eurozone sowie für die USA und die Weltwirtschaft, schließt Müller eine Rezession 2019 kategorisch aus. Allerdings habe der Konjunkturmotor Deutschland mit großen Herausforderungen zu kämpfen: Da spielt das Diesel-Thema eine Rolle. Über den Diesel wird freilich wegen der Emissionen gestritten. Wie sehr sich die Umwelt rächen kann, zeigt sich aber an einem anderen deutschen Beispiel: Die Industrieproduktion in Deutschland ist im vierten Quartal 2018 zurückgegangen. Und zwar nicht wegen fehlender Nachfrage - sondern weil die Unternehmen, gerade im Chemiebereich, nicht genug produzieren konnten, weil sie die notwendigen Materialen dazu nicht hatten. Der Grund: Die Flüsse hatten zu wenig Wasser wegen einer anhaltenden Trockenheit und konnten nicht beschifft werden.

Wie geht es nun weiter? Die Europäische Zentralbank EZB lässt den Leitzins bisher weiterhin auf null. Sie bemängelt auch, dass die Inflation im Euroraum noch nicht bei den knapp zwei Prozent ist, die als stabil für die Wirtschaft angesehen werden.

Aber hat es nicht Stimmen gegeben, die befürchteten, durch die Ausweitung der Geldmenge wäre eine gewaltige Inflation unvermeidlich? "Wir warten noch immer auf diese Inflation", sagt Müller. Aber: "Wir glauben nicht, dass sie noch kommt."

Das liege an verschiedenen Gründen: Die strukturellen Probleme in den Industrienationen seien nicht vom Tisch. Die neuen Arbeitsplätze entstehen nicht in den Hochlohn-Sektoren. Es gibt deswegen keinen Lohndruck. Auf der anderen Seite sorgen Unternehmen wie Amazon für einen Preisdruck. Deswegen drehe sich in Europa die Inflationsspirale nicht nach oben. Für 2019 nimmt die Deutsche Bank 1,4 Prozent Inflation in der Eurozone an. In den USA könnten es immerhin 2,1 Prozent sein.

Ist die Eurozone damit in der Nähe eines Japan-Szenarios, also Jahre der Deflation? Nein, glaubt Müller. Denn Europa hat gegenüber Japan (noch) zwei Vorteile: Zuwanderung und eine Bevölkerung, die verglichen mit der von Japan jung ist.

Kurzfristige US-Anleihen auf einmal wieder attraktiv

Die USA schneiden bei der wirtschaftlichen Entwicklung am besten ab. Wie auch das US-Handelsministerium am Donnerstag bekanntgab, erlebte die US-Wirtschaft 2018 das stärkste Wachstum seit drei Jahren. Das Bruttoinlandsprodukt stieg um 2,9 Prozent.

Das Wachstum werde sich zwar nicht halten (die Deutsche Bank prognostiziert für 2019 nur noch 2,6 Prozent) in den USA, aber es ist deutlich höher als in der Eurozone (die 2019 nur mit 1,3 Prozent wachsen werde).

Nachdem die Aktienmärkte nicht mehr so viel abwerfen und sich gerade die USA so robust entwickeln, empfiehlt die Deutsche Bank "das erste Mal seit zehn Jahren" wieder den Ankauf von Staatsanleihen. Und zwar genau genommen den Ankauf von kurzfristigen festverzinsliche US-Staatsanleihen, die als sicherere Veranlagung gelten.