Vor 105 Jahren: Wiens erste "Elektrische"

Vor 105 Jahren fuhr die erste "Elektrische", wie die Wiener die neue Straßenbahn nannten. Die Wiener Tramway Gesellschaft hatte die Strecke Vorgartenstraße-Praterstern-Wallgasse, das ist die heutige Linie 5, elektrifizieren lassen. Die positiven Erfahrungen auf dieser Probestrecke veranlasste die Gesellschaft, zwei weitere Linien in Betrieb zu nehmen, und zwar anlässlich der Kaiser-Jubiläumsausstellung. Diese beiden neuen Linien befuhren die Strecken Ausstellungsstraße-Rotunde bzw. Radetzkystraße-Prater Hauptallee.

In der Elektrifizierung lag die Zukunft: 1898 schloß die Stadt Wien mit der Firma Siemens & Halske, die inzwischen Hauptaktionär der Wiener Tramway-Gesellschaft geworden war, ein Übereinkommen über die Elektrifizierung des Pferdebahnnetzes dieses Unternehmens ab. Im Zuge der Errichtung der städtischen Elektrizitätswerke übernahm die Stadt Wien vertraglich am 1. Jänner 1902 alle Strecken der Bau- und Betriebsgesellschaft und gründete das neue Unternehmen "Gemeinde Wien - Städtische Straßenbahnen".

Allerding konnten nicht alle Straßen mit Oberleitungen versehen werden, seine kaiserliche Hoheit wollte sich die Ringstraße sowie die innere Mariahilferstraße nicht "verschandeln" lassen. Auf diesen Straßen wurde eine unterhalb der Fahrschiene angeordnete Stromschiene verlegt, die die Straßenbahn mittels des Unterleitungsschleifers mit Strom versorgte. Diese Art der Versorgung hieß "Siemens & Halske Schlitzsystem mit Stromschiffchen, war sehr personalaufwendig und störanfällig und wurde Ende 1915 aufgegeben.

Im Jahre 1907 wurde ein neues, klug durchdachtes System von Buchstaben und Ziffern eingeführt, das als eines der besten der Welt galt und sofort eine eindeutige Orientierungshilfe gab.

Die Zahlen 1 bis 20 bekkamen die Rundlinien - z.B. Linie 5, 6, 18 - ,das sind rund um bzw. tangential zum Stadtkern verlaufende Linien.

Die Zahlen 21 bis 99 waren Radiallinien - z.B. Linie 38, 46, 58, 62 - von der Stadtmitte strahlenförmig auswärts führende Linien.

Buchstaben bzw. Buchstaben und Ziffern - z.B. Linie C, D, J, H2, S8, TK, 25R - beschrieben Linien, welche sowohl über Rund- als auch Radiallinien führen, wobei reine Buchstabenlinien ursprünglich immer über Ring oder Kai, bzw. über die im Index angeführte Rundlinie, fuhren.

Die Wiener nahmen das neuen Verkehrsmittel begeistert auf, war es doch damals erstmalig möglich, die Stadt rasch und kostengünstig zu durchqueren. 25 Jahre dauerte es von der Jungfernfahrt der "Elektrischen" am 28. Jänner 1897, bis am 22. Jänner 1922 die letzte Wiener Dampftramway von Kagran nach Groß Enzersdorf fuhr.

Und 80 Jahre später gewöhnen sich die Wiener und Wienerinnen langsam an den futuristischen Anblick des Niederflurwagens namens Ulf.

Tipp: Wiener Straßenbahnmuseum, in der Straßenbahnremise Erdberg der Wiener Linien in Wien 3, Zugang "Ludwig-Koeßler-Platz", Station "Schlachthausgasse" der U-Bahnlinie U3 und der Straßenbahnlinie 18.

Geöffnet von Anfang Mai bis Anfang Oktober, jeden Samstag, Sonntag und Feiertag von 9 bis 16 Uhr. Eintritt: EUR 1,45 / ATS 20,-