Berlin. Führende Ökonomen und Regierungsberater in Deutschland blicken deutlich skeptischer auf die Wirtschaft und schließen selbst einen Abschwung nicht aus. "Die Hochkonjunktur der deutschen Wirtschaft ist vorerst vorüber", sagte der Chef der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, am Dienstag. Die Experten senkten ihre Wachstumsprognose für 2019 kräftig auf 0,8 (bisher: 1,5) Prozent.

Der Sachverständigenrat bezeichnete die Risiken als "sehr hoch" und warnte mit Blick auf Brexit und Zollstreit vor einem kräftigen Abschwung. "Angesichts der bereits nachlassenden weltwirtschaftlichen Dynamik hätte eine Spirale aus protektionistischen Maßnahmen das Potenzial, die deutsche Wirtschaft in eine Rezession abgleiten zu lassen."

Wegen der Handelskonflikte mit den USA und der Unsicherheit über den EU-Austritt Großbritanniens haben viele Forscher ihre Wachstumsprognosen gesenkt. Die deutsche Regierung rechnet für 2019 mit einem Prozent Wachstum, nach 1,4 Prozent im Vorjahr. Das IWH-Institut aus Halle erwartet sogar, dass die Konjunktur nur noch um 0,5 Prozent anzieht. Für das nächste Jahr rechnen die Wirtschaftsweisen mit 1,7 Prozent Wachstum - vor allem wegen der deutlich höheren Zahl von Arbeitstagen. Bereinigt um diesen Effekt werde das Plus bei 1,3 Prozent liegen.

Die Konjunkturabkühlung zeigt sich vor allem in der deutschen Industrie - hier sank der Auftragsbestand Anfang 2019 zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren. Er schrumpfte nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jänner saison- und kalenderbereinigt um 0,4 Prozent zum Vormonat.

Das neue Gremiumsmitglied Achim Truger, der eher als gewerkschaftsnah gilt, schlug vor, Firmen gezielt zu entlasten - etwa über Forschungsförderung. Bei einem stärkeren Abschwung sollten auch Abschreibungsmöglichkeiten vereinfacht werden. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wurde 1963 per Gesetz eingerichtet, um die deutsche Politik zu beraten. Neben Schmidt und Truger gehören dem Gremium Lars Feld, Volker Wieland und Isabel Schnabel an.

Schnabel führte am Dienstag das Feld der Kritiker beim zweiten großen wirtschaftspolitischen Thema derzeit in Deutschland an, der möglichen Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank. "Ich würde massiv davon abraten, jetzt noch einen größeren nationalen Champion zu schaffen", sagte die Wirtschaftsweise. Sie sei nicht davon überzeugt, dass eine Fusion eine gute Lösung sei. Denn Kostenersparnisse seien wohl nicht einfach zu erzielen. Zudem würde die "implizite Staatsgarantie" verschärft. Der Bund hält auch zehn Jahre nach der Finanzkrise noch gut 15 Prozent an der Commerzbank.

Merkel gegen Einmischung

In das gleiche Horn stieß Lars Feld, Schnabels Kollege im Sachverständigenrat: "Vor allem das Problem ‚too big to fail‘ sticht uns ins Auge." Durch einen Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank entstünde - gemessen an der Bilanzsumme - das zweitgrößte Geldhaus der Euro-Zone nach der französischen BNP Paribas. Trotz der Erfahrungen aus der Finanzkrise werde nun offenbar "noch mit staatlicher Hilfe" etwas getan. "Das halte ich für den falschen Weg."

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich erstmals zum Thema und sagte, die Regierung solle sich nicht einmischen. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies, der frühere Deutschland-Chef der US-Investmentbank Goldman Sachs, gelten als treibende Kräfte hinter den Fusionsverhandlungen. Da Goldman Insidern zufolge der Commerzbank bei den Gesprächen mit der Deutschen Bank zur Seite steht, wittern Oppositionspolitiker einen Interessenskonflikt.

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar nannte es "unglaublich unsensibel", dass die Commerzbank von Goldman Sachs beraten werde. Das erwecke den Eindruck, als hätte ein Ehemaligen-Netzwerk den Deal eingefädelt. Toncar sagte, er werde die Angelegenheit im Parlament nachverfolgen und fragen, wie Goldman zu dem Mandat komme.